Signale für die Autoindustrie

KI und Robotik dominieren die Hannover Messe

Zwischen KI, Robotik und Defense zeigt die Hannover Messe 2026, welche Technologien die Fabrik der Zukunft prägen. Auch für die Automobilindustrie lieferte sie damit wichtige Signale.

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Für die Industrie derzeit von gesteigertem Interesse: Humanoide Roboter als Produktionshelfer.

Die Vorzeichen dieser Hannover Messe, so schien es, passten sich der allgemeinen weltpolitischen Situation an. Zwischen Anspannung und wirtschaftlichen Unsicherheiten bewegen sich viele Industrien in einem Umfeld, das von Krisenrhetorik, Investitionsdruck und strategischer Neuaufstellung geprägt ist. Dass dann auch noch ausgerechnet zu Beginn der Messe der öffentliche Nahverkehr in Hannover am Montag und Dienstag streikte, fügte sich fast nahtlos in dieses Bild. Das weitläufige Messegelände wirkte ungewohnt luftig und an manchen Stellen fast ein wenig ausgedünnt. Nicht die Hallen selbst, dort herrschte das vertraute Messebild mit gut gefüllten Ständen, Gesprächen und dichtem Betrieb. Aber auf dem Außengelände insgesamt drängte sich dagegen der Eindruck auf, dass frühere Ausgaben schon einmal breiter aufgestellt und mehr Hallen tatsächlich belegt waren.

Auch der Stellenwert der Automobilthemen schien schon einmal größer gewesen zu sein. Die Hannover Messe wird mehr und mehr zu einer branchenübergreifenden Technologieschau , in der die Autoindustrie nicht mehr in derselben Selbstverständlichkeit eine der prägenden Kräfte bildet wie in früheren Jahren. Dennoch lohnt sich der Blick nach Hannover auch 2026.

Am deutlichsten galt das erneut für das Thema Künstliche Intelligenz. KI war auch 2026 das alles überlagernde Motiv dieser Messe. Es war deutlich schwieriger, Stände zu finden, an denen sie keine herausragende Rolle spielte, als solche, an denen sie offensiv in den Mittelpunkt gerückt wurde. Dabei ging es nicht nur um Software oder Datenmodelle im engeren Sinn, sondern um die große Erzählung von produktiverer Planung, intelligenterer Automatisierung und resilienteren Wertschöpfungsketten. KI wurde als Bindeglied zwischen Engineering, Fertigung und Steuerung inszeniert und damit auch als Schlüsseltechnologie für eine Industrie, die unter hohem Anpassungsdruck steht.

Gleichzeitig zeigte sich in den Hallen, wie breit das Technologiespektrum der Messe inzwischen geworden ist. Auf der Center Stage in Halle 26 sprechen während der gesamten Woche hochrangige Entscheider über die drängenden Fragen der Zeit. Neben Akteuren aus Automatisierung und Industrie rückten dabei auch Vertreter der Verteidigungsindustrie sichtbar in den Vordergrund. In Halle 25 wiederum wurde diese thematische Verschiebung beinahe physisch greifbar. Dort standen Zukunftsthemen wie humanoide Robotik und Batterie-Use-Cases in direkter Nachbarschaft zu einer auffallend expansiven Präsenz von Defense- und Rüstungsthemen. Gerade dieses Nebeneinander machte deutlich, wie stark sich die industrielle Debatte derzeit verschiebt und wie eng technologische Innovationsfragen inzwischen mit geopolitischen Realitäten verknüpft sind.

Siemens versteht sich als unverzichtbarer Partner

Der Auftritt von Siemens fügte sich nahtlos in dieses Bild einer Industrie ein, die unter enormem Beschleunigungsdruck steht und zugleich nach neuer technologischer Orientierung sucht. In Halle 27 präsentierte sich das Unternehmen mit einer Wucht, die auf der Messe kaum zu übersehen war. Im Gespräch mit Kristian Kozole, Vice President Automotive DACH bei Siemens Digital Industries Software, wurde schnell klar, wie Siemens seine Rolle in dieser Transformation versteht. Es geht nicht mehr nur darum, einzelne Werkzeuge oder Softwarebausteine anzubieten, sondern ganze Entwicklungs und Produktionsprozesse schneller, durchgängiger und beherrschbarer zu machen. „Geschwindigkeit ist die neue Währung“, sagt Kozole. 

Gerade für die Automobilindustrie, die zwischen Softwaredruck, kürzeren Produktzyklen und wachsender Integrationskomplexität steht, ist das mehr als ein Messeslogan. Siemens positioniert sich damit als Partner für Unternehmen, die ihre Entwicklung stärker virtualisieren, Simulationsschleifen verkürzen und den Übergang von Engineering zu Fertigung beschleunigen wollen. Das reichte auf der Messe vom digitalen Reifegradmodell für gewachsene Brownfield-Strukturen bis zu PAVE 360, einem „Software Defined Vehicle Digital Twin“, mit dem sich Steuergeräte und Fahrzeugumgebungen frühzeitig in der Cloud abbilden lassen, um Integrationsprobleme vor dem Serienstart zu entschärfe.

Zugleich verband Kozole den Siemens-Auftritt direkt mit einem der Leitmotive dieser Messe, nämlich der nächsten Robotikgeneration. Gerade im Zusammenspiel von KI, Simulation und digitalem Thread sieht Siemens ein Feld, das für die Automobilindustrie in den kommenden Jahren erheblich an Bedeutung gewinnen dürfte. „Wir glauben, dass das Thema humanoide Roboter beispielsweise auch ein wesentlicher Bestandteil sein werden in the Future of Manufacturing“, sagte Kozole. Siemens baue zwar keine eigenen humanoiden Roboter, verstehe sich aber als Enabler für deren Entwicklung, Industrialisierung und späteren Betrieb. Entscheidend sei dabei, möglichst viel frühzeitig digital abzusichern, Bewegungsabläufe zu simulieren und die Integrationsherausforderungen zwischen Mechanik, Elektronik und Software vorab zu beherrschen.

Humanoide Roboter als Chance für Zulieferer

Eine der Themeninseln in Halle 25 beheimatete diverse humanoide Roboter.

Dass dieses Thema in Hannover so sichtbar nach vorn rückte, passt auch zu einer aktuellen Analyse von McKinsey. Demnach entwickelt sich humanoide Robotik mit hoher Dynamik vom spektakulären Demonstrator zu einem potenziellen Milliardenmarkt. Getrieben wird dieser Wandel durch Fortschritte bei KI und Hardware sowie durch stark steigende Investitionen. Zugleich entscheidet sich der Markthochlauf weniger an der Vision als an der industriellen Umsetzbarkeit. Im Zentrum steht die Frage, wie schnell komplexe Hardware in großen Stückzahlen wirtschaftlich gefertigt werden kann. Gerade für Zulieferer eröffnet sich damit ein neues Wertschöpfungsfeld. Besonders groß sind die Chancen bei Präzisionskomponenten, speziellen Getrieben, Sensoren und vor allem bei Aktuatoren, auf die laut McKinsey bis zu 60 Prozent der Gesamtkosten humanoider Roboter entfallen.

Gerade aus Sicht der Automobilindustrie ist das bemerkenswert, weil sich an dieser Stelle bekannte industrielle Stärken mit einem neuen Markt überlagern. Batterien, Halbleiter und Leistungselektronik können auf bestehende Strukturen aus der Automobil und Elektronikindustrie aufsetzen. Europa und insbesondere Deutschland verfügen zudem über Kompetenzen bei Präzisionskomponenten, Sicherheitselektronik, Systemintegration und Zertifizierung. Gleichzeitig bleibt der Weg in den Massenmarkt schwierig. Hohe Kosten, geringe Stückzahlen und noch nicht ausreichend skalierte Lieferketten bremsen die Entwicklung.

Allianzen rücken in den Fokus

Passend dazu rückten in Hannover auch neue Allianzen ins Blickfeld, die zeigen, wie stark sich das Robotikfeld derzeit in Richtung skalierbarer Ökosysteme bewegt. So kündigte Neura Robotics eine strategische Zusammenarbeit mit AWS an, um Physical AI schneller in den industriellen Maßstab zu bringen. AWS wird dabei zur zentralen Cloud-Infrastruktur für die Neuraverse-Plattform, auf der Trainingsdaten, Echtzeitverarbeitung und der Austausch von Intelligenz über ganze Roboterflotten hinweg laufen sollen. Zugleich will Neura seine Trainingsumgebungen mit AWS-Diensten wie Amazon SageMaker verknüpfen, um die Verbindung aus realen Sensordaten und hochauflösender Simulation zu beschleunigen. Hinzu kommt eine vertriebliche Kooperation über das AWS' Partnernetzwerk sowie die Aussicht, dass Amazon Neura-Robotik in ausgewählten Fulfillment-Centern testet.

Auch AWS selbst nutzte die Messe, um sich als Infrastrukturpartner für die Skalierung industrieller KI zu positionieren. Im Mittelpunkt stand dabei die These, dass der eigentliche Engpass vieler Industrieunternehmen nicht mehr im Erproben einzelner KI-Anwendungen liegt, sondern in deren Ausweitung über komplexe Wertschöpfungsketten hinweg. AWS stellte deshalb einen Ansatz in den Vordergrund, der Cloud-Infrastruktur, Datenplattformen und unterschiedliche KI-Modelle eng miteinander verzahnt. Ziel ist es, fragmentierte Datenlandschaften zu überwinden und aus isolierten Anwendungen durchgängige industrielle Systeme zu machen. Als Referenz diente unter anderem der Volkswagen-Konzern, der mit der „Digital Production Platform“ 43 Werke in einer zentralen Cloud vernetzt und darüber mehr als 1.200 KI-Anwendungen bereitstellt.

Lenovo zeigte einen Lichttunnel, der Fehler in der Oberfläche automatisch erkennen kann.

Auch das chinesische Technologieunternehmen Lenovo stellt in Hannover vor allem die Frage in den Mittelpunkt, wie sich KI aus der Pilotphase in den realen Fabrikbetrieb überführen lässt, und zeigte dabei, in Zusammenarbeit mit Nvidia, mehrere Use Cases mit direkter Relevanz für die Automobilindustrie. Im Kern ging es um vernetzte Qualitätssteuerung mit Computer Vision, Edge AI und digitalen Zwillingen, um Fehler in laufenden Produktionsprozessen früher zu erkennen, Ursachen schneller zu analysieren und Abweichungen noch vor nachgelagerten Problemen zu korrigieren. 

„Hersteller brauchen keine weiteren KI-Pilotprojekte. Sie brauchen KI, die in der Produktion im großen Maßstab funktioniert“, sagt Jonathan Wu, Chief Technology Officer für intelligente Fertigung bei Lenovo. Hinzu kamen autonome Intralogistiklösungen mit multifunktionalen Robotern für Linienversorgung, Picking, Kitting und Materialtransporte zwischen Produktionsstufen, also genau jene Prozesse, die auch in Automobilwerken über Stabilität und Taktfähigkeit entscheiden. Flankiert wurde das durch KI-gestützte Lieferkettensteuerung mit Echtzeittransparenz über mehrere Ebenen hinweg sowie durch Edge-Infrastrukturen für visuelle Inspektion, Predictive Maintenance und autonome Systeme.