Darum brechen die Autoverkäufe in China ein
China gilt als Zugpferd für Autoverkäufe, doch seit einigen Monaten gehen die Absatzzahlen deutlich zurück. Experten sind sich uneins, wie es weitergeht. Was bedeutet der Trend für deutsche Autobauer?
Volkswagen hat eine große Produktoffensive speziell für den chinesischen Markt gestartet - diese trifft nun auf eine zurückhaltendere Kundschaft im Reich der Mitte.
Volkswagen
Chinas Autobauer erobern die Weltmärkte. Die Exportzahlen
sorgen in der Volksrepublik für Begeisterung, während Europa und Deutschland
zähneknirschend die Entwicklung betrachten. Doch auf der Kehrseite zeigt sich
ein bedrohlicher Trend: Die Chinesen kaufen immer weniger Autos.
Laut jüngsten Daten des chinesischen Verbands für
Personenkraftwagen (CPCA) wurden in China im Mai nur noch rund 1,5 Millionen
Fahrzeuge verkauft – ein Minus von 22 Prozent verglichen mit demselben
Vorjahresmonat. Zwischen Januar und Mai sanken die Verkäufe zudem um fast 20
Prozent gemessen am Wert desselben Vorjahreszeitraums.
Bislang galt China als Markt mit Wachstumsaussichten. Die
Annahme fußte auch darauf, dass die Mittelschicht und damit die Zahl
kaufkräftiger Kundschaft mit einem potenziellen Autowunsch wächst. Laut
staatlichen Medien gelten mehr als 400 Millionen der 1,4 Milliarden Einwohner
Chinas als Teil der Mittelschicht. Schätzungen gingen bislang davon aus, dass
diese Zahl bis 2030 deutlich steigen wird.
Warum die Zahlen einbrechen
„Die Gründe sind klar“, sagt CPCA-Generalsekretär Cui
Dongshu. Aus seiner Sicht belastet vor allem der Rückgang staatlicher Hilfen
den Markt. Hinzu kämen die hohen Benzinpreise seit dem Beginn des Iran-Kriegs
und die schwache Kaufkraft vieler Verbraucher.
Die Entwicklung verlief dabei in zwei Stufen. Seit
Jahresbeginn litt besonders die in China als New Energy Vehicles (NEV)
bezeichnete Gruppe der E-Autos und Plug-in-Hybride unter den zurückgefahrenen
Kaufanreizen. Seit Beginn des Krieges und den gestiegenen Kraftstoffpreisen
verschob sich der Druck dann zu klassischen Verbrennern. Allein im Mai brachen
ihre Verkäufe um 39 Prozent ein, während NEVs nur noch einstellig im Minus
lagen. Parallel stieg ihr Anteil am Pkw-Markt auf mehr als 60 Prozent.
Wirtschaftslage angespannt
„Chinesische Kunden sind extrem preissensitiv und reagieren
auf solche Änderungen sehr stark“, sagt die deutsche Branchenexpertin Beatrix
Keim. Der Markt habe seit etwa Oktober von den Änderungen bei E-Auto-Anreizen
gewusst. Deshalb seien Käufe vorgezogen worden. Zugleich hätten Hersteller und
Händler Fahrzeuge in den Markt gedrückt.
Hinzu kommt die schwache Konsumstimmung. Viele Verbraucher
halten sich zurück. Die in China andauernde Immobilienkrise belastet Vermögen
und Vertrauen. Laut Keim haben viele Kunden mit Kreditrückzahlungen aus
Immobiliengeschäften zu kämpfen. Ein Auto ist für viele Haushalte damit eine
Anschaffung, die sich leichter verschieben lässt.
Volkswagen bemerkt Druck
Für Deutschlands Autobauer, die traditionell viel Umsatz in
China machen, sind die Entwicklungen alarmierend. Chinas Automarkt bleibe
konkurrenzstark und voller Dynamik und Wandel, teilte Mercedes-Benz mit.
Deutlicher klingt das bei Volkswagen: „Der chinesische Automobilmarkt steht
unter zunehmendem Druck“, erklärte der Konzern. Die Wolfsburger erwarten nicht,
dass sich der Markt im Jahresverlauf erholt und rechnen damit, dass der
Gesamtmarkt für Neufahrzeuge in diesem Jahr auf unter 21 Millionen Fahrzeuge
zurückgehen wird.
„Die Volkswagen Group China kann sich diesem Trend nicht
entziehen. Wir passen unsere Pläne entsprechend an“, hieß es in Peking weiter.
VW will seine China-Strategie fortführen und sieht sich mit seinen
Neuausrichtungen und der Modelloffensive für NEV-Fahrzeuge „gut aufgestellt“.
Neben Volkswagen haben auch Mercedes-Benz und BMW in China
lange stark vom Verbrennermarkt profitiert. Bei NEVs sind chinesische
Hersteller dagegen oft schneller, günstiger und näher an den Erwartungen
chinesischer Kunden.
Wie Chinas Autobauer den Druck lindern
Doch auch Hersteller aus China stehen unter Druck. Der
Heimatmarkt schwächelt, der Preiskampf bleibt hart, und viele Unternehmen haben
Überkapazitäten aufgebaut.
Ein wichtiger Ausweg ist deshalb der Export. Allein im Mai
stiegen die Pkw-Ausfuhren laut CPCA um rund 75 Prozent. Besonders in Mittel-
und Südamerika, Australien, Südostasien und Afrika sieht Cui große Chancen für
chinesische Hersteller. Der Druck verschiebt sich nach außen, indem chinesische
Hersteller einen Teil der Schwäche im Heimatmarkt über Auslandsmärkte abfedern.
Damit erklärt sich womöglich auch die Gelassenheit bei
manchen Marken. Nio – bislang in Deutschland eher durch schwache Verkäufe
aufgefallen – lieferte nach eigenen Angaben von Januar bis Mai 150.526
Fahrzeuge weltweit und in China aus - ein Plus von 68,7 Prozent im Vergleich
zum Vorjahr. „Für Nio stehen langfristige Trends im Vordergrund und nicht
kurzfristige Marktschwankungen“, erklärt der Shanghaier E-Autobauer.
Chinesische Branchengrößen wie Geely und BYD ließen Anfragen
unbeantwortet.
So blicken Experten in die Zukunft
Beim Ausblick gehen die Expertenmeinungen auseinander. Keim
sieht das schnelle Wachstum der vergangenen Jahre vor allem als Folge der
Förderung. Dieses Wachstum werde sich nun abschwächen. Die Preiskämpfe dürften
weitergehen, sagt sie. Für die Hersteller blieben Kostensenkungen, weniger
Modellvarianten und eine bessere Kommunikation ihrer neuen Produkte wichtige
Stellschrauben.
Cui hält den Einbruch dagegen nicht für einen dauerhaften
Trend. Die Autodichte in China sei weiterhin deutlich niedriger als in
Deutschland. Der Markt sei also nicht grundsätzlich gesättigt. Das Problem sei
derzeit vor allem, dass sich viele Menschen kein Auto leisten könnten.