BMW und Beissbarth

Shopfloor-Disziplin jenseits der Werkstore

Die Freigabe eines Achsmessgeräts durch BMW hat erstmal keinen Newswert. Schaut man genauer hin, zeigt sich jedoch, dass ein OEM die Disziplin des Shopfloors, digitale Verifizierung und auditgetriebene Compliance weit über die Werkstore hinaus ausdehnt.

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A blue BMW on a wheel alignment lift with measuring equipment in front of the tyre and a wall display behind it.
Mit Tools wie dem Beissbarth Q.Lign will BMW die Achsvermessung auch jenseits der Produktion verbessern.

Ein Techniker kniet unter einem BMW und richtet ein Rad aus, so wie Mechaniker es seit einem Jahrhundert tun. Der Unterschied: Das Lenkrad über ihm wird nun von einem für ihn unsichtbaren Sensor auf den exakten Grad genau vermessen. Seine Position wird in Echtzeit an die Software in seiner Hand übertragen und anschließend dauerhaft auf dem Ausdruck für den Kunden dokumentiert. Am Lenkrad selbst hat sich nichts verändert. Alles hat sich jedoch daran geändert, wie BMW der Person vertraut, die es einstellt.

Genau darin liegt die eigentliche Geschichte hinter der BMW-Freigabe für das 3D-Achsvermessungssystem Q.Lign von Beissbarth, die früheren Freigaben durch Mercedes-Benz sowie die Volkswagen-Audi-Gruppe folgt. Für sich betrachtet ist dies eine eher unscheinbare Lieferantenmeldung, die normalerweise nur einen kurzen Absatz in einem Händler-Newsletter füllen würde. Im Kontext der Art und Weise, wie OEMs heute Qualität auf der Montagelinie sicherstellen, wird daraus jedoch eine deutlich lehrreichere Geschichte. Der Zertifizierungsprozess hinter dem Q.Lign überträgt dieselbe digitale Verifikation und Auditdisziplin, die die Fertigung prägt, auf ein Gerät, das weit außerhalb des Werks eingesetzt wird. Diese Verlagerung von Standards von der Produktionslinie auf den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit, als ein einzelnes Achsvermessungssystem normalerweise erhalten würde.

Die Kriterien, die BMW bei der Freigabe von After-Sales-Ausrüstung anlegt, spiegeln zunehmend die Qualifizierungslogik wider, die der Hersteller bereits innerhalb seiner eigenen Werke verwendet. Anbieter von Produktions- und Prüftechnik sind daran gewöhnt, dass OEMs Nachweise über Wiederholgenauigkeit, digitale Rückverfolgbarkeit und Closed-Loop-Verifikation verlangen, bevor eine Anlage auf der Fertigungslinie eingesetzt werden darf. Dass dieselbe Logik nun auf Ausrüstung außerhalb des Werks übertragen wird, ist ein deutliches Signal dafür, in welche Richtung sich die Erwartungen der OEMs an sämtliche Zulieferer entwickeln – unabhängig davon, an welcher Stelle des Fahrzeuglebenszyklus deren Produkte eingesetzt werden.

Heute wird die Lenkradposition objektiv gemessen und in Echtzeit digital an die Achsvermessungssoftware übertragen. Dadurch kann der Techniker den exakten Lenkwinkel überwachen, selbst wenn er sich unter dem Fahrzeug befindet.

Felix Schlehuber, Beissbarth

Von Erfahrung zu zertifizierten Daten

Fragt man Felix Schlehuber, Leiter des Product Management bei Beissbarth, was sich tatsächlich verändert hat, beginnt er nicht bei der Hardware. Er beginnt mit Vertrauen. Nach seinen Worten haben sich die Freigabekriterien von BMW ähnlich entwickelt wie die Qualitätskontrolle innerhalb der Werke: Die geschulte menschliche Wahrnehmung wird durch einen digital nachvollziehbaren Datensatz ersetzt. „Der moderne BMW-Freigabeprozess stellt einen Wandel von subjektiven, vom Techniker abhängigen Messungen hin zu strikter, digital überprüfbarer Präzision dar“, sagt er.

A man wearing a dark suit and glasses stands against a plain light grey background.
Felix Schlehuber, Head of Product Management bei Beissbarth

„Die größte Veränderung ist die verpflichtende Integration eines digitalen Lenkrad-Nivellierungsmessgeräts. Historisch betrachtet erfolgte die Ausrichtung des Lenkrads vollständig subjektiv und basierte auf dem Blick des Technikers. Diese Methode ist fehleranfällig, insbesondere bei modernen BMW-Cockpits, die asymmetrisch auf den Fahrer ausgerichtet sind und bei denen ein optisch ‚gerades‘ Lenkrad je nach Betrachtungswinkel unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Heute werde die Lenkradposition objektiv gemessen und in Echtzeit digital an die Achsvermessungssoftware übertragen, so Schlehuber. Dadurch könne der Techniker den exakten Lenkwinkel überwachen, selbst wenn er sich unter dem Fahrzeug befindet. Schließlich werde diese digitale Position dauerhaft auf dem Kundenausdruck dokumentiert, um spätere Reklamationen nach dem Service zu vermeiden.

Das klingt wie ein kleines mechanisches Detail. Ist es aber nicht. Die zugrunde liegende Logik dürfte jedem vertraut sein, der erlebt hat, wie Bildverarbeitungssysteme und sensorbasierte Inspektionen auf Produktionslinien manuelle Kontrollen ersetzt haben.

Eine dauerhaft aufgezeichnete Messung verwandelt eine ehemals diskutierbare Einstellung in eine auditierbare Tatsache. Und OEMs sind zunehmend weniger bereit, sich mit etwas anderem zufriedenzugeben – unabhängig davon, wo diese Messung stattfindet.

Gemeinsamer Datensatz statt einzelner Zertifikate

Auch die Architektur des Q.Lign verdeutlicht diese Entwicklung. Das System wird als weltweit erstes vollständig webbasiertes Achsvermessungssystem vermarktet. Es verzichtet auf dedizierte PCs und lokal installierte Software, die diese Gerätekategorie jahrzehntelang geprägt haben, und orientiert sich stattdessen stärker an einer vernetzten Infrastruktur.

Schlehuber verwendet dafür bewusst einen unspektakulären Vergleich: „Die webbasierte Architektur des Q.Lign definiert die Effizienz von Werkstätten neu und funktioniert ähnlich wie ein moderner Netzwerkdrucker in Unternehmen. Da das System über einen Webbrowser statt über lokale Software betrieben wird, kann jedes Gerät im lokalen Werkstattnetzwerk – Tablet, Smartphone oder PC – gleichzeitig darauf zugreifen.“

Durch den Verzicht auf dedizierte PCs und proprietäre Hardware können Werkstätten das System laut Schlehuber in ihre bestehende IT-Infrastruktur integrieren und gleichzeitig Datenengpässe sowie papierbasierte Prozesse reduzieren. Vier integrierte OLED-Displays unter dem Fahrzeug liefern Echtzeitdaten zu Spur, Sturz und Nachlauf. Zudem arbeitet das System mit langlebigen Lithium-Ionen-Akkus und kann flexibel zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen bewegt werden, statt fest an einer Station installiert zu sein.

Dies entspricht derselben Denkweise, die Produktionswerke dazu bewegt hat, von isolierten, maschinenspezifischen Softwarelösungen auf gemeinsam nutzbare und cloudbasierte Daten umzusteigen – nun angewendet auf ein völlig anderes Gerät. Das Design des Q.Lign deutet darauf hin, dass diese Präferenz für gemeinsam genutzte und überprüfbare Daten gegenüber isolierten Maschinenaufzeichnungen längst nicht mehr auf die Produktion beschränkt ist.

OEMs scheinen sie vielmehr als grundlegende Voraussetzung für jede zertifizierte Ausrüstung zu betrachten, die ihre Freigabe erhält. Das sollten Anbieter von Anlagen und Technologien beachten, die ihre Lösungen noch immer primär über eigenständige Software verkaufen.

Automobilhersteller entwickeln sich rasch von der bloßen Empfehlung von Werkstattstandards hin zur strikten Durchsetzung von Präzision auf Fertigungsniveau, Rückverfolgbarkeit und Prozesskonformität

Felix Schlehuber, Beissbarth

Homologation als neues Prozessaudit

Die deutlichste Parallele zur Fertigungspraxis zeigt sich jedoch nicht im Gerät selbst, sondern in der Art und Weise, wie BMW dessen Nutzung anschließend überwacht. „Die Automobilhersteller entwickeln sich rasch von der bloßen Empfehlung von Werkstattstandards hin zur strikten Durchsetzung von Präzision auf Fertigungsniveau, Rückverfolgbarkeit und Prozesskonformität“, sagt Schlehuber. „Da moderne Sicherheitsnetzwerke und teilautonome Fahrfunktionen auf exakten mechanischen Grundlagen basieren, können bereits Abweichungen von 0,05 Grad kritische Systemfehler auslösen. Zur Minimierung von Haftungsrisiken setzen immer mehr Hersteller auf strenge Homologationsprogramme für Achsvermessungssysteme und Werkstattausrüstung.“

A Beissbarth wheel alignment device with two sensor units mounted on a dark shelf against a grey wall.
Beissbarth Q.Lign 3D BMW-Achsvermessungssystem

Um die Ausrichtungsphilosophie eines OEMs zu erfüllen, seien spezielle Hardwarelösungen und besondere Prozesse erforderlich. Dazu gehören proprietäre Radklammern zur Eliminierung von Felgenschlag ebenso wie die Cloud-Synchronisierung von Spezifikationen in Echtzeit. Die Einhaltung dieser Vorgaben wird durch regelmäßige Audits überprüft. Geräte oder Verfahren, die außerhalb der genehmigten Konfiguration liegen, werden schlicht von Garantiearbeiten ausgeschlossen. Lässt man Räder und spezifische Fachbegriffe außen vor, handelt es sich letztlich um ein Lieferantenqualifizierungsprogramm mit derselben Ernsthaftigkeit wie bei der Freigabe eines Bauteils – nur eben für ein Werkstattwerkzeug statt für ein Karosseriepanel oder Gussteil.

Für Prozess- und Qualitätsingenieure hält dieser Vergleich einer genaueren Betrachtung stand. Ein Homologationsprogramm, das aufgrund nicht konformer Hardware oder unzureichend dokumentierter Verfahren Geräte ausschließt, folgt derselben Logik, nach der entschieden wird, ob ein Stanzwerkzeug, ein Drehmomentwerkzeug oder ein Bildverarbeitungssystem auf einer Produktionslinie zum Einsatz kommen darf. Der einzige wirkliche Unterschied besteht darin, wie weit sich das Audit inzwischen erstreckt.

Wenn ein OEM bereit ist, ein Werkzeug, das erst nach dem Verkauf eines Fahrzeugs eingesetzt wird, mit dieser Intensität zu prüfen, stellt sich die Frage, wie viel strenger die Kontrolle von Produktionsanlagen und deren Lieferanten künftig noch werden kann.

Auch das Dokumentationsproblem wandert mit

Digitalisierung beseitigt Reibungsverluste selten so vollständig, wie ihre Befürworter versprechen. Schlehuber spricht offen darüber, wo weiterhin Zeit verloren geht. „Wenn wir OEM-Prozesse betrachten, ist die zeitaufwendigste Aufgabe die Eingabe aller relevanten Fahrzeuginformationen in das Achsvermessungssystem – Kundendaten, Kilometerstand, Reifeninformationen und so weiter“, sagt er. „Häufig verbringt der Techniker mehr Zeit neben dem Fahrzeug als unter ihm.“

Jeder, der verfolgt hat, wie die Digitalisierung Tätigkeiten auf dem Shopfloor verändert hat, wird diese Klage sofort wiedererkennen. Neue Systeme haben oftmals ebenso viele zusätzliche Dateneingaben erzeugt, wie sie körperliche Belastungen reduziert haben. Anders gesagt: Die Digitalisierung beseitigt Reibungsverluste nicht. Sie verlagert sie lediglich von den Händen zur Tastatur.

Eine Spezifikation, die sich ständig weiterentwickelt

Nach Angaben von Beissbarth erfüllt das Q.Lign bereits die technischen BMW-Spezifikationen für 2026, ohne zusätzliche Hardware zu benötigen. Das ist bemerkenswert, da OEM-Freigaben in der Vergangenheit häufig die Nachrüstung spezieller Komponenten an bestehenden Systemen erforderten. Darüber hinaus wird das System bereits auf weitere BMW-Entwicklungen vorbereitet, darunter eine noch nicht veröffentlichte Fahrzeug-Kurzcode-ID, die eine schnellere Auswahl des richtigen Datensatzes ermöglichen soll.

Schlehuber macht deutlich, was passiert, wenn Werkstätten diesen Entwicklungen nicht folgen: „Im Fall von BMW ist das Upgrade verpflichtend, um Reparaturen an neueren Fahrzeugen wie dem NA5 durchführen zu können“, sagt er. „Bei Nichteinhaltung darf die Werkstatt keine Garantiearbeiten an künftigen Fahrzeugen durchführen.“ Zertifizierung ist hier kein einmaliges Ereignis, das abgeheftet und vergessen werden kann. Sie ist eine dauerhafte Voraussetzung, die gegenüber einer Spezifikation aufrechterhalten werden muss, die sich unabhängig von der Bereitschaft der Lieferanten ständig weiterentwickelt.