„Es geht um maximale Nutzungsdauer bei minimalem Risiko“
Einfache Komponenten wie Energieketten werden oft unterschätzt – dabei wiegt ein Ausfall mitunter genauso schwer wie der einer komplexen Anlage. Im Interview mit Automobil Produktion erläutern Richard Habering und Andreas Dengler, wie sich solche passiven Elemente intelligent überwachen lassen.
Pascal NagelPascalNagelEditor in Chief
7 min
„In vielen Werken werden Komponenten vorsorglich eher zu früh ausgetauscht, weil das Risiko eines Ausfalls gescheut wird. Mit Sensorik kann man Produkte viel näher an ihre reale Nutzungsgrenze heran betreiben“, sagen Andreas Dengler (li.) und Richard Habering (re.) von igus.igus
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Herr Dengler, Herr Habering, in der Automobilproduktion
stehen meist große, teure und komplexe Anlagenkomponenten im Fokus. Werden
einfache, aber funktionskritische Elemente wie Energieführungsketten oder
Kunststoffteile aus Ihrer Sicht noch immer unterschätzt?
Richard Habering: Ja, uns fehlt in gewisser Weise die
Lobby. Bei Spindeln, Linearführungen, Antrieben oder Steuerungen ist sofort
klar, dass dahinter hohe Investitionen, komplexe Auslegung und viel
Entwicklungsaufwand stecken. Bei Energieketten, Gleitlagern oder Spezialleitungen
ist dieses Bewusstsein deutlich schwächer ausgeprägt. Dabei gilt auch hier:
Wenn eine solche Komponente ausfällt, kann der Effekt auf die Produktion
genauso gravierend sein wie beim Ausfall eines großen Aggregats. Das Thema wird
im Engineering meist einmal sauber abgearbeitet – und verschwindet danach aus
dem Fokus.
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Andreas Dengler: Hinzu kommt: Wenn diese Komponenten
richtig ausgelegt und korrekt montiert sind, fallen sie im Betrieb kaum auf.
Genau das ist ja ihre Stärke. Man macht sich über sie keine Gedanken, weil sie
funktionieren. Es ist auch kein Qualitätsproblem. Wenn Montage- und
Auslegungshinweise eingehalten werden, gibt es keinen Grund, warum solche
Produkte innerhalb der vorgesehenen Betriebsdauer ausfallen sollten. Kritisch
wird es in der Regel erst dann, wenn äußere Einflüsse ins Spiel kommen.
Fehlt also vor allem das Bewusstsein dafür, dass passive
Komponenten enorme Folgen haben können?
Habering: Oft hält das Missverständnis nur so lange,
bis es das erste Mal kracht. Spätestens dann steht das Thema plötzlich im
Fokus. Aber auch danach wird häufig eher rückblickend gefragt, ob etwas anders
hätte ausgelegt werden müssen. Dabei liegt die Ursache oft nicht in der
Komponente selbst, sondern in der Praxis. Wird etwa ein Teil vorsorglich
getauscht und dabei die Montageanweisung nicht sauber beachtet, entsteht genau
an dieser Stelle eine neue Schwachstelle.
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Dengler: Und manchmal wird in der Instandhaltung auch
schlicht akzeptiert, dass ein Produkt eben nicht länger hält, statt zu prüfen,
ob es eine robustere oder langlebigere Lösung gibt. Das wird vielerorts einfach
hingenommen. Aus meiner Sicht ist das Entscheidende: Auf Shopfloor-Ebene ist
das Thema oft viel präsenter als im Management. Dort ist vielfach noch gar
nicht angekommen, welche Folgekosten auch an unscheinbaren Komponenten hängen
können.
Wenn man an Predictive Maintenance denkt, kommen einem
zunächst Motoren, Robotik oder andere Kernaggregate in den Sinn. Warum greift
dieses Verständnis zu kurz?
Habering: Das hat viel mit der Entwicklung des Themas
zu tun. Als Predictive Maintenance in den Jahren 2014 bis 2016 groß wurde,
standen zunächst Wälzlager, Kugellager, Spindeln und Antriebseinheiten im
Mittelpunkt. Schwingungsanalysen, Körperschallmessungen, erste Datenmodelle –
all das wurde breit diskutiert. Die Aufmerksamkeit lag auf den vermeintlich
besonders komplexen und teuren Komponenten. Kunststoffbasierte Basiskomponenten
sind in diesem Narrativ schlicht untergegangen.
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Dengler: Dazu kommt, dass damals viele große
Schlagworte parallel hochkamen: IoT, Digitaler Zwilling, Industrie 4.0. Das hat
die Aufmerksamkeit stark auf die großen, sichtbaren Themen gelenkt. Einfache
Komponenten wurden eher als „gesetzt“ betrachtet. Dabei gehören sie an vielen
Stellen zu den Teilen, deren Ausfall sofort Stillstand bedeutet. Gerade deshalb
greift ein enger Predictive-Maintenance-Begriff zu kurz.
Wo treten denn typische Schadensbilder und
Ausfallursachen auf? Und in welchen Bereichen eines Werks sollte die
Instandhaltung besonders genau hinschauen?
Dengler: Typische Ausfallursachen liegen häufig gar
nicht im Produkt selbst. Probleme entstehen eher dann, wenn schon im
Engineering zu nah am Grenzbereich ausgelegt wurde oder wenn äußere Einflüsse
hinzukommen. Das kann schlecht geschultes Personal sein, Reinigungseinflüsse,
Fehlfunktionen in der Anlage oder auch ganz banal Teile, die irgendwo
herunterfallen. Es gibt viele Szenarien, in denen eine eigentlich robuste
Komponente von außen geschädigt wird. Besonders relevant ist das überall dort,
wo hohe Taktzahlen oder hohe Folgekosten zusammenkommen. In der
Batteriefertigung etwa ist man häufig sehr zyklenreich und mit hohen
Geschwindigkeiten unterwegs. In der Endmontage sind die Geschwindigkeiten
vielleicht geringer, dafür sind die Ausfallkosten enorm, weil dort sehr viele
Mitarbeitende an einer Linie hängen.
Habering: Genau das ist der Punkt. Mir wurde einmal
gesagt: Wenn in einer Motorenproduktion nur eine Leitung ausfällt, kann das
bereits Stillstandskosten von 10.000 bis 15.000 Euro pro Minute verursachen.
Und dann spricht man über ein Bauteil, das im Vergleich dazu verschwindend
wenig kostet. Dieses Verhältnis wird häufig unterschätzt.
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Sie sprechen bei Predictive Maintenance in diesem Umfeld
über vergleichsweise einfache und kostengünstige Sensorik. Was lässt sich heute
mit überschaubarem Aufwand realisieren?
Dengler: Ein gutes Beispiel ist die Bruchüberwachung für
Kunststoffenergieführungsketten. Ich bin ein großer Fan davon, weil sie sehr
effektiv und zugleich sehr einfach aufgebaut ist. Sie zielt in erster Linie auf
Condition Monitoring, also auf Zustandsüberwachung. Der große Vorteil ist, dass
sich solche Systeme auch in bestehende Anlagen nachrüsten lassen. Damit kann
man gerade kritische Bestandsanlagen im Nachgang betriebssicherer machen, ohne
gleich große Systemumbauten anstoßen zu müssen.
Habering: Technisch ist das Prinzip erstaunlich
einfach. Bei der Bruchüberwachung wird ein Hochleistungspolymerseil über einen
Mitnehmer in die Kette eingezogen. Ein Messsystem erfasst permanent die Länge
der Energieführungskette. Diese Länge sollte sich im Betrieb nicht verändern.
Tut sie es doch, ist das ein klarer Hinweis auf einen Defekt. Die zweite
wichtige Größe ist die Kraft, die benötigt wird, um die Kette zu bewegen. Diese
hängt von Kettentyp, Länge, Füllgewicht, Geschwindigkeit und Beschleunigung ab,
bleibt unter normalen Bedingungen aber weitgehend konstant. Steigt sie
plötzlich stark an, liegt möglicherweise ein Hindernis im Weg. Steigt sie
schleichend, kann das auf Verschmutzung, Engstellen oder Fremdkörper hinweisen.
Zusätzlich kann auch die Zugkraft an Leitungen erfasst werden.
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Wie wird daraus dann wirklich vorausschauende Wartung?
Habering: Indem man diese mechanischen Kenngrößen
nicht nur für das unmittelbare Abschalten im Störfall nutzt, sondern über die
Zeit auswertet. Sie verändern sich im Lebenszyklus einer Komponente. Daraus
lassen sich Prognosen für die verbleibende Nutzungsdauer ableiten, also die
Remaining Useful Lifetime. So wird aus Zustandsüberwachung echte
vorausschauende Wartung.
Dengler: Und das ist für die Praxis enorm wichtig,
weil man dadurch Wartung in geplante Stillstandsfenster legen kann – etwa in
Sommer- oder Weihnachtsstillstände. Genau darum geht es ja: nicht reagieren,
wenn es schon zu spät ist, sondern vorher mit ausreichendem Vorlauf wissen,
wann ein sinnvoller Tauschzeitpunkt erreicht ist. Das ist für Instandhalter
deutlich wertvoller als ein bloßes Alarmereignis.
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Warum sind solche Lösungen auf dem Shopfloor trotzdem
noch nicht flächendeckend angekommen, obwohl viele Werke massiv in
Digitalisierung investieren?
Habering: Weil zwischen Strategiediskussion und
Werkshalle oft ein erheblicher Abstand liegt. Wir hatten einmal ein Projekt mit
einem Ansprechpartner, der sehr früh verstanden hatte, was unsere Sensorik
leisten kann. Gleichzeitig investierte dessen Unternehmen Milliarden in Cloud-
und Condition-Monitoring-Infrastrukturen. Seine spontane Reaktion war dennoch sinngemäß:
Von den Leuten habe ich hier unten am Band noch keinen gesehen. Das beschreibt
das Problem gut: Die strategische Erzählung ist da, aber die operative Realität
in der Instandhaltung sieht häufig noch anders aus.
Dengler: Ein weiterer Punkt ist die IT. Predictive
Maintenance klingt im ersten Moment schnell komplex, und sobald
Datenübertragung, Schnittstellen oder Cloud-Anbindung ins Spiel kommen, reden
sehr viele mit. Dann entstehen Sicherheitsbedenken, Abstimmungsaufwände und
letztlich oft auch Blockaden. In vielen Fällen enden die Gespräche genau an
dieser Stelle. Dabei braucht vorausschauende Wartung zwingend einen Rückkanal.
Es genügt nicht, wenn unten an der Maschine nur lokal eine Meldung erscheint.
Wirklich hilfreich wird das System erst, wenn Informationen an der richtigen
Stelle ankommen und Maßnahmen auslösen. Genau diese Verbindung ist in vielen
Werken noch nicht sauber organisiert.
Wie lässt sich der ROI solcher Lösungen dem Management
vermitteln, wenn die überwachten Komponenten selbst vergleichsweise günstig
sind?
Habering: Gerade über dieses Missverhältnis. Wenn ein
Sensorikpaket für eine kritische Achse vielleicht 3.000 bis 5.000 Euro kostet,
die Stillstandskosten aber bei 10.000 Euro pro Minute liegen, dann amortisiert
sich die Investition im Zweifel nach wenigen Sekunden vermiedener Störung. Das
versteht jedes Management sehr schnell. Daneben gibt es auch extrem einfache
Lösungen, etwa mechanische Verschleißsensoren, die farblich anzeigen, wann ein
Bauteil an sein Lebensdauerende kommt. Solche Elemente kosten unter 100 Euro.
Wenn der Instandhalter im Vorbeigehen sieht, dass Handlungsbedarf besteht,
verhindert dies Stillstände mit minimalem Mitteleinsatz.
Dengler: Und es geht nicht nur um vermiedene
Ausfälle, sondern auch um die tatsächlich genutzte Lebensdauer. In vielen
Werken werden Komponenten vorsorglich eher zu früh ausgetauscht, weil das
Risiko eines Ausfalls gescheut wird. Mit Sensorik kann man Produkte viel näher
an ihre reale Nutzungsgrenze heran betreiben – also maximale Nutzungsdauer bei
kalkulierbarem Risiko. Genau das ist wirtschaftlich interessant.
Das Schlagwort, das derzeit bis in Vorstandsetagen
Aufmerksamkeit erzeugt, ist KI. Welche Rolle spielt sie in diesem Umfeld
bereits?
Habering: Eine ganz praktische. Bei einer Zug- oder Schubkraftüberwachung
– also der Analyse, ob an bewegten Leitungen oder Energieketten zu stark
gezogen oder gedrückt wird – kommen schnell mehrere Gigabyte Sensordaten pro
Monat zusammen. Hochgerechnet auf lange Laufzeiten und viele installierte
Systeme entstehen enorme Datenmengen. Diese Daten ohne KI auszuwerten, Muster
zu erkennen und Zustandsverläufe zu vergleichen, ist faktisch nicht möglich.
Für uns ist das deshalb längst Tagesgeschäft. Die Grenze sehe ich derzeit noch
dort, wo KI direkt in den Anlagenbetrieb eingreifen würde. Dass sie also nicht
nur den Zustand bewertet, sondern aktiv etwa die Geschwindigkeit der Anlage drosselt,
damit die Komponenten noch bis Schichtende halten. Solche Szenarien sind
perspektivisch denkbar, aber noch Zukunftsmusik.
Dengler: Der zentrale Punkt ist tatsächlich die
Auswertung. In vielen Werken gibt es schlicht niemanden, der solche Daten
systematisch interpretiert. Genau da kann KI zum Beschleuniger werden: nicht
als Selbstzweck, sondern als Werkzeug, um aus Daten verwertbare
Handlungsempfehlungen zu machen. Das könnte Predictive Maintenance deutlich
stärker in die Anwendung bringen.
Automobilwerke denken stark in Lean-Kategorien. Wie zahlt
die Überwachung solcher Basiskomponenten auf Lean Production und
Verschwendungsreduktion ein?
Dengler: Sehr direkt. Denn das Ziel ist ja, Produkte
bis möglichst nah an ihre reale Lebensdauergrenze zu betreiben, statt sie aus
Unsicherheit vorschnell zu tauschen. Viele Instandhalter handeln aus
Verantwortung heraus bewusst konservativ. Das ist nachvollziehbar, führt aber
dazu, dass Potenziale in der Nutzungsdauer ungenutzt bleiben. Sensorik hilft,
diese Reserven kontrolliert zu erschließen.
Habering: Genau, es geht um maximale
Produktnutzungsdauer bei minimalem Risiko. Jedes technische Produkt hat einen
Punkt, an dem das Ausfallrisiko zum Lebensdauerende hin ansteigt. Wenn man
diesen Punkt präzise bestimmen kann, vermeidet man zwei Dinge zugleich: ungeplante
Stillstände und unnötig frühen Austausch. Lean bedeutet in diesem Fall ganz
konkret, Verschwendung aus Wartungsstrategien herauszunehmen.
Zum Schluss: Was raten Sie einem Werk, das bei diesem
Thema noch ganz am Anfang steht?
Dengler: Der erste Schritt ist aus meiner Sicht klar:
mit der Instandhaltung sprechen. Dort weiß man am besten, welche Anlagen
kritisch sind, welche Prozesse besonders empfindlich reagieren und wo Ausfälle
massive Folgen haben. Genau dort sollte man mit Pilotanwendungen beginnen. So
sammelt man Erfahrungen, ohne gleich große Rollouts zu planen.
Habering: Und der Impuls muss in der Regel vom
Anlagenbetreiber kommen, nicht vom Maschinenbauer. Der wird zusätzliche Technik
selten freiwillig anbieten, wenn sie seine Maschine teurer macht. Deshalb
braucht es auf Betreiberseite den Willen, solche Lösungen einzufordern.
Hilfreich sind dabei Referenzen. Wenn ein Werk sieht, dass ein System im
eigenen Konzern bereits funktioniert, steigt die Bereitschaft deutlich.
Dengler: Ist ein Pilot einmal erfolgreich, sprechen
sich solche Lösungen schnell herum – über Arbeitskreise, Spezialistennetzwerke
und den Austausch zwischen Werken. Genau so entsteht Skalierung: nicht über das
große Leuchtturmprojekt, sondern über nachgewiesenen Nutzen im Betrieb. Und das
ist der entscheidende Punkt: Diese Technologien sind kein Entwicklungsprojekt
mehr. Sie sind da, sie funktionieren, und sie adressieren ein Problem, das in
vielen Werken größer ist, als man lange angenommen hat.
Zu den Personen:
Richard Habering ist seit mehr als zwei Jahrzehnten bei igus.
Seine Karriere begann im Jahr 2000 im Vertrieb der chainflex-Leitungen. Von 2002 bis 2004 war er als Produktmanager für ReadyChain
tätig und trieb dort maßgeschneiderte Systemlösungen voran. Zwischen 2004 und
2006 vereinte er seine Expertise im Produktmanagement mit strategischer
Vertriebsverantwortung für Triflex-Robotiklösungen. Von 2006 bis 2018
konzentrierte sich Habering auf die Produktentwicklung und -strategie von
chainflex und festigte damit dessen Position als globaler Marktführer für
langlebige Leitungen. Seit 2018 leitet er die Business Unit „igus smart plastics“
und prägt die Zukunft von Zustandsüberwachung und Predictive
Maintenance.
Andreas Dengler war vor seinem Eintritt bei igus als
selbstständiger Unternehmer tätig und gründete zwei Unternehmen mit dem
Schwerpunkt auf technische Hydraulikprodukten. Seit 2011 ist er im Vertrieb bei igus tätig. Nach neun
Jahren im Außendienst für die Region Südostbayern übernahm
er die globale Verantwortung für den Bereich Automobilproduktion. In dieser
Rolle betreut er internationale Key Accounts und entwickelt kundenspezifische
Lösungen für industrielle Anwendungen.