Standort Neckarsulm

Schlechtwetterklausel verschärft Zukunftsängste bei Audi

Audi zieht die fordert neue Verhandlungen über Einsparungen. Besonders angespannt ist die Lage im Werk Neckarsulm, das bis Mitte 2027 seine Wettbewerbsfähigkeit nachweisen muss. Auch die Zukunft des Audi A8 sorgt für Unsicherheit.

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Der Audi A8 wird aktuell in Neckarsulm gebaut.

Die Unsicherheit unter den mehr als 15.000 Beschäftigten im Audi-Werk Neckarsulm dürfte nach der Betriebsversammlung am gestrigen Donnerstag kaum geringer geworden sein. Audi-Chef Gernot Döllner kündigte an, die sogenannte Schlechtwetterklausel aus der Zukunftsvereinbarung zu ziehen und neue Verhandlungen mit der Arbeitnehmervertretung über Einsparungen und Arbeitsbedingungen anzustoßen. Auch Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume war nach Neckarsulm gekommen, um die schwierige wirtschaftliche Lage und den weiteren Sparkurs des Konzerns zu erläutern. Für die Beschäftigten steht dabei längst mehr auf dem Spiel als weitere Sparmaßnahmen. Die langfristige Zukunft des gesamten Standorts ist ungewiss.

Neckarsulm gehört neben Hannover, Emden und Zwickau zu vier deutschen Konzernwerken, deren Perspektive im Zuge des neuen Volkswagen-Zukunftsplans auf dem Prüfstand steht. Nach den Anfang September bekannt gewordenen Planungen könnte die Fahrzeugproduktion in Neckarsulm ab 2034 auslaufen. Bis Mitte 2027 muss Audi ein überzeugendes Konzept vorlegen, mit dem sich die Fabrikkosten deutlich reduzieren lassen. Gleichzeitig gibt es neue Unsicherheiten bei der künftigen Modellbelegung. Ausgerechnet der Audi A8, seit Jahrzehnten eines der prestigeträchtigsten Fahrzeuge aus Neckarsulm, könnte seinen Produktionsstandort verlieren.

Audi fordert weitere Zugeständnisse von der Belegschaft

Mit der geplanten Anwendung der Schlechtwetterklausel erhöht sich der Druck auf die Beschäftigten zusätzlich. Die bereits 2019 im Audi-Zukunftspakt vereinbarte Regelung sieht vor, dass Unternehmensführung und Betriebsrat bei einer erheblichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen über Anpassungen verhandeln. Nach Auffassung von Döllner ist dieser Fall nun eingetreten.

Welche konkreten Einsparungen Audi anstrebt, ist bislang offen. Der Neckarsulmer Betriebsratsvorsitzende Alexander Reinhart verwies darauf, dass zunächst überprüft werde, ob die Voraussetzungen für die Anwendung der Klausel tatsächlich erfüllt seien. Anschließend sei die Arbeitnehmervertretung grundsätzlich zu Gesprächen bereit. Dass diese Verhandlungen schwierig werden könnten, zeigt der Blick zurück. Bereits Ende 2019 hatte Audi die Klausel herangezogen und unter anderem Einschnitte bei tariflichen Leistungen und der Ergebnisbeteiligung ins Spiel gebracht. Die Arbeitnehmervertreter bezeichneten die damaligen Forderungen als „Liste des Grauens“.

Neckarsulm muss bis Mitte 2027 liefern

Hinter den Forderungen stehen die erheblichen Überkapazitäten im Produktionsnetzwerk des Volkswagen-Konzerns. Über viele Jahre waren die Werke auf deutlich höhere Fahrzeugabsätze ausgelegt. Mittlerweile verfolgt das Management das Ziel, die weltweiten Strukturen dauerhaft an einem Marktvolumen von rund neun Millionen Fahrzeugen jährlich auszurichten. Damit zeichnet sich eine grundlegende Neuordnung ab, die insbesondere für die deutschen Produktionsstandorte schmerzhaft werden könnte.

Entscheidend ist dabei nicht allein die Auslastung, sondern auch die unterschiedliche Kostenstruktur innerhalb des europäischen Produktionsverbunds. Nach den bereits veröffentlichten Zahlen zu den gefährdeten Standorten lagen die durchschnittlichen Fabrikkosten der deutschen Konzernwerke 2025 bei 6.490 Euro je Fahrzeug. In europäischen Werken außerhalb Deutschlands waren es durchschnittlich 2.832 Euro. Die Werte lassen sich aufgrund unterschiedlicher Fertigungstiefen und Modellportfolios zwar nicht unmittelbar auf einzelne Standorte übertragen, verdeutlichen aber den wirtschaftlichen Handlungsdruck.

Döllner machte auf der Betriebsversammlung deutlich, dass Audi seine Kosten senken und gleichzeitig die Voraussetzungen für künftige Investitionen schaffen müsse. Der Vorstandschef würdigte die industrielle Kompetenz und die lange Geschichte des Standorts, stellte aber ebenso klar, dass diese allein keine Zukunft garantierten.

Verliert Neckarsulm den Audi A8?

Besonders deutlich könnte sich die Neuordnung bei einem der prestigeträchtigsten Modelle der Marke zeigen. Nach Informationen der Automobilwoche wird im Volkswagen-Konzern derzeit ein Szenario geprüft, nach dem die nächste Generation des Audi A8 ab 2030 im Porsche-Werk Leipzig gefertigt werden könnte. Der A8 würde sich dort eine technische Plattform mit dem künftigen Porsche Panamera teilen. Eine endgültige Entscheidung sei noch nicht gefallen.

Für Neckarsulm wäre eine solche Verlagerung ein erheblicher Rückschlag. Der A8 gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Modellen des Standorts. Mit seinem möglichen Weggang verlöre die Fabrik nicht nur ein prestigeträchtiges Fahrzeug, sondern auch eine potenzielle Grundlage für ihre langfristige Auslastung.

Aus konzernstrategischer Sicht wäre eine solche Entscheidung allerdings keineswegs überraschend. Volkswagen verfolgt bereits seit Jahren das Ziel, Synergien zwischen den Marken konsequenter zu nutzen und die Fertigung stärker an gemeinsamen technischen Grundlagen auszurichten.

Bei Volkswagen zählt die Plattform mehr als die Marke

Wie weit die markenübergreifende Produktionsstrategie bereits umgesetzt wird, zeigt das Volkswagen-Werk Bratislava. Dort entstehen Fahrzeuge verschiedener Konzernmarken, darunter auch der Porsche Cayenne. Zuletzt wurde der Standort umfassend auf die Fertigung des elektrischen Cayenne vorbereitet. Dafür hat Porsche unter anderem einen neuen Karosseriebau in Bratislava aufgebaut.

Ein weiteres Beispiel liefert die Iberische Halbinsel. Dort bündelt der Volkswagen-Konzern seine elektrische Kleinwagenoffensive markenübergreifend. Im spanischen Martorell werden der Cupra Raval und der Volkswagen ID. Polo gefertigt. Auch das Werk Pamplona spielt bei der Produktion der kleinen Elektroautos eine zentrale Rolle. Der Umbau des Seat-Werks Martorell zeigt, welcher Aufwand mit der Integration neuer Modelle verbunden ist.

Für Audi dürfte diese Strategie künftig ebenfalls an Bedeutung gewinnen. Ein Fahrzeug muss nicht zwangsläufig in einem Werk der eigenen Marke entstehen, wenn ein anderer Konzernstandort wirtschaftliche oder technische Vorteile bietet. Gerade bei Modellen mit vergleichsweise geringen Stückzahlen kann die gemeinsame Produktion technisch verwandter Fahrzeuge erhebliche Einsparungen ermöglichen.

Für Neckarsulm birgt das Risiken, aber auch Chancen. Denn dieselbe Logik, die zu einer Verlagerung des A8 führen könnte, würde es grundsätzlich ermöglichen, künftig Fahrzeuge anderer Konzernmarken in Neckarsulm zu produzieren.

Blume will den Konzernumbau konsequent vorantreiben

Dass Volkswagen die Neuordnung ernst meint, zeigen die jüngsten Aussagen der Konzernspitze. Bei der Betriebsversammlung in Neckarsulm verwies Oliver Blume auf die historisch gewachsenen Strukturen des Konzerns. Über viele Jahre habe Volkswagen auf höhere Absätze und größere Märkte gesetzt. Inzwischen seien zahlreiche Bereiche zu groß dimensioniert und die Kosten entsprechend hoch. Gleichzeitig müsse der Konzern erhebliche Mittel aufbringen, um den bereits vereinbarten Personalabbau möglichst sozialverträglich zu gestalten.

Die Strategie wird bereits an anderen Standorten sichtbar. Selbst Werke, in die zuletzt erhebliche Mittel investiert wurden, können sich einer erneuten Bewertung ihrer Wettbewerbsfähigkeit nicht entziehen. Besonders deutlich zeigt sich das am Volkswagen-Nutzfahrzeuge-Werk Hannover. Dort wurde erst im September die Produktion des überarbeiteten Multivan aufgenommen. Gleichzeitig steht auch Hannover im Rahmen des konzernweiten Zukunftsplans unter erheblichem Druck.

Betriebsrat fordert klare Perspektive für Neckarsulm

Die Arbeitnehmervertretung will sich mit einer ausschließlich kostengetriebenen Betrachtung des Standorts nicht zufriedengeben. Audi-Gesamtbetriebsrat Jens Stammler verwies bei der Versammlung auf die jahrzehntelange Bedeutung Neckarsulms für die Marke. „Wer unsere Perspektive anzweifelt, stellt damit einen Standort in Frage, der die Audi AG mit aufgebaut hat“, sagte Stammler.

Die Menschen in Neckarsulm hätten über viele Jahre hinweg mit Engagement, Flexibilität und Loyalität für das Unternehmen gearbeitet. Dafür erwarteten die Beschäftigten nun mehr als anerkennende Worte. Stammler forderte Respekt, Verlässlichkeit und ein klares Bekenntnis zur Zukunft des Werks.

Auch die technologischen Stärken des Standorts müssten in die Zukunftsplanung einfließen. Dazu zählen insbesondere die technische Entwicklung, die Fertigungskompetenz sowie Fähigkeiten in den Bereichen Digitalisierung und künstliche Intelligenz.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Werks reicht zudem weit über die Werksgrenzen hinaus. Nach Angaben der dpa hängen rund 1.000 Zulieferunternehmen an der Produktion in Neckarsulm. Wirtschaftsexperten rechnen bei einer vollständigen Schließung mit bis zu 50.000 gefährdeten Arbeitsplätzen in der Region.

Eine neue Modellbelegung allein dürfte nicht ausreichen

Die entscheidende Frage für die kommenden Monate wird sein, ob Audi für Neckarsulm eine langfristig tragfähige Rolle innerhalb des künftigen Konzernverbunds entwickeln kann. Zusätzliche Modelle könnten helfen, die Auslastung zu verbessern. Sie allein dürften allerdings kaum ausreichen, wenn die Produktionskosten nicht gleichzeitig deutlich sinken. Umgekehrt garantiert auch eine erfolgreiche Kostenreduzierung noch keine neue Fahrzeugbelegung, schließlich konkurrieren mehrere Konzernstandorte um die verbleibenden Produktionsvolumina.

Eine Werksschließung ist bislang nicht beschlossen und auch über die künftige Belegung einzelner Standorte sind noch nicht alle Entscheidungen gefallen. Dennoch spricht derzeit wenig dafür, dass Volkswagen bei seiner industriellen Neuordnung grundsätzlich zurückrudern wird. Zu groß sind die Überkapazitäten und zu konsequent formulieren Blume und Döllner inzwischen ihre Veränderungsziele.

Damit steht Neckarsulm exemplarisch für eine Entwicklung, die weit über Audi hinausgeht. Die deutsche Automobilindustrie muss ihre Produktionsstrukturen an ein verändertes Marktumfeld anpassen, während gleichzeitig der Wettbewerb zwischen den Standorten zunimmt. Die bisherige Bedeutung eines Werks und seine industrielle Tradition verlieren dabei als Argumente für künftige Investitionen zunehmend an Gewicht.

Für die Beschäftigten geht es deshalb nicht mehr nur um Einsparungen und Zugeständnisse bei den Arbeitsbedingungen. Vielmehr muss sich zeigen, welche Rolle ein traditionsreicher deutscher Premiumstandort in einem zunehmend markenübergreifend organisierten Produktionsnetzwerk künftig noch spielen kann. Bis Mitte 2027 muss Neckarsulm darauf eine überzeugende Antwort finden.