So baut Porsche die Karosse des neuen elektrischen Cayenne
Im Volkswagen-Werk Bratislava entsteht der elektrische Porsche Cayenne. Der Karosseriebau ist hochautomatisiert, der Materialmix komplex, die Plattform neu gedacht. Ein Rundgang durch eine Fertigung im Anlauf.
Auch im Jahr 2026 ist Handarbeit noch von hohem Wert im Karroseriebau des E-Cayenne.Porsche
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Der Boden ist hellgrau, die Laufwege sind weiß markiert, an
Kreuzungen hängen halbrunde Kugelspiegel. Dazwischen bewegen sich Roboterarme
in gleichmäßigen Takten. In der Karosseriebauhalle des Volkswagen-Werks
Bratislava arbeiten mehrere Hundert Roboter am leistungsstärksten Porsche
aller Zeiten. Mehr als 90 Prozent der Prozesse sind automatisiert. Dennoch
wirkt die Halle nicht wie eine abgeschottete Maschinenwelt, sondern wie ein
präzise organisiertes Verkehrssystem. Zebrastreifen strukturieren die Wege, Glaswände
trennen Mensch und Anlage. Sicherheit und Takt bestimmen den Rhythmus. Der
Standort befindet sich im Hochlauf eines Fahrzeugs, das für Porsche mehr ist
als ein Modellwechsel. Mit dem E-Cayenne beginnt eine neue Produktionslogik.
Jan Drinka, Leiter der Porsche-Karosseriebauhallen, kennt
den Kontrast. Er arbeitet seit 1992 im Werk. Damals habe er Karosserien noch
mit Handschweißgeräten zusammengebaut. Heute ist davon nichts mehr übrig.
Roboter von Fanuc und Kuka übernehmen Schweiß-, Füge- und Prüfprozesse. Kameras
sind direkt in die Anlagen integriert. Sie messen Geometrien, prüfen Toleranzen
und bewerten Messpunkte im laufenden Prozess. Ziel ist eine geschlossene
Qualitätskette. Fehler sollen dort erkannt werden, wo sie entstehen. „Qualität
ist Qualität“, sagt Drinka. Bauteile, die definierte Grenzen überschreiten,
werden nachgearbeitet oder im Zweifel verschrottet. Gerade im Anlauf ist diese
Konsequenz Teil der Strategie.
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Eine neue Plattformhalle als Ausgangspunkt
Der neue Cayenne vor den Toren des Werkes, aus dem er stammt.manuel hollenbach
Für den neuen Cayenne hat Porsche den Mehrmarkenstandort im
Stadtteil Devínska Nová Ves gezielt erweitert. Herzstück der Umbaumaßnahmen ist
die neue Plattformhalle. Hier entsteht das skateboardartige Chassis, das in den
folgenden Stationen um Seitenwände, Dach, Türen, Fronthaube und Heckklappe
ergänzt wird. Die Anbauteile stammen aus dem Presswerk, das mit einer nahezu
vollautomatisierten Presslinie arbeitet. Die maximale Presskraft der
Hauptpresse liegt bei 91.000 kN. Der Karosseriebau ist damit nicht nur erweitert,
sondern strukturell neu aufgesetzt. Die Plattformhalle ist der Punkt, an
dem sich Architektur, Materialmix und Prozesslogik des E-Fahrzeugs bündeln.
Der Unterschied zur Vorgängergeneration ist im Unterboden
sichtbar. In der Mitte fehlt der klassische Tunnel. Stattdessen ist die
Struktur auf die Integration der Hochvolt-Batterie ausgelegt, die später von
unten in die Karosse eingebracht wird. Dunkle Bauteile markieren hochfeste
Stahlkomponenten im zentralen Bereich. Sie übernehmen strukturelle Aufgaben
dort, wo die Batterie Teil des Gesamtsystems wird. Der Rest der Karosserie
besteht überwiegend aus Aluminium. Der Stahlanteil liegt bei rund 18 Prozent. Der
Cayenne Electric ist konsequent als Mischbau ausgelegt.
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Mischbau erzwingt neue Fügetechnik
Der Materialmix stellt hohe Anforderungen an den
Karosseriebau. Aluminium und hochfester Stahl müssen prozesssicher verbunden
werden, ohne ihre jeweiligen Eigenschaften zu kompromittieren. Porsche setzt
dafür auf Flow-Drill-Schrauben, Stanznieten sowie Reib- und
Treibelementschweißen. Ergänzt werden diese mechanischen Verfahren durch einen
hohen Anteil an Klebetechnik. Rund 300 Meter Klebstoff werden pro Fahrzeug
verarbeitet. Strukturkleber, akustische Kleber und Stützkleber übernehmen
Funktionen, die früher rein mechanisch gelöst wurden. Dabei ist der steigende
Klebeanteil weniger Ausdruck eines Trends als eine konstruktive Notwendigkeit,
um Steifigkeit, Akustik und Gewicht gleichzeitig zu beherrschen.
Ein zentrales Element des Karosseriebaus ist die
kamerabasierte Qualitätskontrolle. Jede Karosse wird geprüft. Roboter messen
definierte Punkte, vergleichen Soll- und Ist-Werte und bewerten die Ergebnisse
in Echtzeit. Abweichungen werden dokumentiert. In nachgelagerten Stationen
entscheiden Mitarbeitende anhand der Daten, ob eine Nacharbeit innerhalb der
Taktzeit möglich ist oder das Fahrzeug ausgeschleust werden muss.
Reparaturboxen sind dafür vorgesehen. Die Logik ist strikt. Qualität hat
Vorrang vor Durchsatz.
Technisch auffällig ist eine abgeschirmte Anlage, die im
Werk als „grüne Schweinehaut“ bezeichnet wird. Eine dunkelgrün-schwarz
gestreifte Schutzabdeckung schirmt Prozesse beim Mischschweißen von Aluminium
und Stahl ab. Sie reduziert Lichteinflüsse und schützt kamerabasierte Systeme
vor Störungen. Solche Details wirken unscheinbar, sind aber entscheidend für
stabile Messungen. Mit zunehmender Sensorik steigt auch die Empfindlichkeit der
Fertigung gegenüber Umwelteinflüssen.
Anlauf mit klarer Zielgröße
Noch befindet sich der Cayenne Electric im Hochlauf. Aktuell
entstehen rund 50 Fahrzeuge pro Woche. Die Zielgröße liegt deutlich höher.
Perspektivisch sind 143 Einheiten pro Schicht vorgesehen. Der Karosseriebau
arbeitet derzeit in einer Schicht. Nach Abschluss des Anlaufs sollen drei
Schichten gefahren werden. In der Halle arbeiten aktuell rund 40 Mitarbeiter
pro Schicht an Unterbau und Anbauteilen. Die Zahl verdeutlicht den
Automatisierungsgrad. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Anlagenkompetenz,
Instandhaltung und Prozessüberwachung.
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Innerhalb der Halle ist dafür eine eigene Technologiezelle
eingerichtet. Sie ist durch Glaswände abgegrenzt und dient Training und
Instandhaltung. Mitarbeitende bereiten hier Eingriffe vor und stabilisieren
Prozesse. Die eigentliche Arbeit im Karosseriebau besteht weniger im manuellen
Fügen als im Überwachen, Analysieren und Eingreifen. Die Halle ist rund zwölf
Meter hoch. Roboterzellen sind vollständig eingefasst.
Die Automatisierung endet nicht an der Anlage. Fahrerlose
Transportsysteme bewegen Material durch die Halle. Sie folgen markierten
Routen, ziehen Anhänger und versorgen die Stationen automatisiert. Einige der
Systeme stammen von Grenzebach. Drinka betont, dass es das Ziel ist, ab dem
Verlassen des Logistikbereichs vollständig auf FTS zu setzen. Menschliche
Staplerfahrer bleiben dort im Einsatz, wo Material aus Hochregallagern
entnommen wird. Ab einer definierten Grenze soll der Transport vollständig
automatisiert erfolgen.
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Der aktuelle Betrieb zeigt, wie anspruchsvoll dieser
Übergang ist. In einzelnen Bereichen kommen noch klassische Flurförderzeuge zum
Einsatz. Frontklappen werden manuell entladen, positioniert und anschließend
vom Roboter übernommen. Der Materialfluss ist bereits weitgehend automatisiert,
aber noch nicht vollständig entkoppelt vom Menschen. Variantenvielfalt,
Behältermanagement und Anlaufdynamik setzen Grenzen.
Fakten zur Cayenne-Produktion
Produktionsstandort: Bratislava, Slowakei
Produktionsprinzip: Verbrenner, Hybrid und BEV auf einer gemeinsamen Linie
Plattformhalle: Neubau für E4-Architektur, skateboardartiges Chassis
Karosseriebau: über 90 % Automatisierungsgrad, kamerabasierte In-Process-Prüfung
Batteriemodule: Fertigung im Smart Battery Shop Horná Streda
Modulstruktur: 6 Batteriemodule pro Fahrzeug, modulare Bauweise
Qualität & Daten: RFID-Tracking je Fahrzeug, zentrale Echtzeit-Überwachung der Produktionsdaten
Finish als bewusster Kontrast
Während der Rohbau hochautomatisiert ist, zeigt sich im
Finish ein anderes Bild. In der Anbaulinie arbeiten viele Mitarbeitende
manuell. Sie prüfen Spaltmaße, richten Anbauteile aus und korrigieren
Abweichungen. Von Menschen erzeugte Hämmergeräusche gehören auch 2026 noch ins
Gesamtbild dieser hochmodernen Karobauhalle. Die Reihenfolge ist klar
definiert. Anpassungen beginnen am Heck, wandern nach vorn, betreffen Kotflügel
und schließlich die Frontklappe. Automatisierung wäre technisch möglich, ist
organisatorisch jedoch aufwendig. Die Vielzahl an Teilen, Behältern und
Varianten erschwert stabile Robotiklösungen.
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Drinka beschreibt diesen Bereich als bewusst flexibel
ausgelegt. Automatisierung soll hier erst dann weiter ausgebaut werden, wenn
alle Varianten stabil im Serienlauf sind. Andernfalls müssten Anlagen ständig
angepasst werden. Der hohe manuelle Anteil ist kein Rückschritt, sondern Teil
einer Anlaufstrategie.
Karosseriebau als Teil einer flexiblen Gesamtlinie
Ab 2026 wird der Cayenne Electric in Bratislava auf
derselben Linie gefertigt wie die Varianten mit Verbrennungs- und
Hybridantrieb. Diese Mehrantriebs-Strategie erhöht die Komplexität, schafft
aber Flexibilität. Die Karosserie muss alle Varianten tragen können.
Entsprechend hoch sind die Anforderungen an Struktur, Fügetechnik und
Qualitätssicherung. Der Karosseriebau wird damit zum Schlüssel, um Volatilität
auf der Marktseite abzufedern.
Die Abnahmekontrolle der Karosse markiert den Übergang zur
Lackiererei. Erst wenn Fügeverbindungen, Geometrie und Oberflächen innerhalb
der definierten Toleranzen liegen, wird die Karosse weitergegeben. Der
Karosseriebau des Cayenne Electric in Bratislava ist kein Schaufensterprojekt.
Er ist eine Werkstatt im Übergang. Neue Plattform, veränderter Materialmix,
neue Fügetechnologien. Hohe Automatisierung dort, wo Prozesse stabil beherrscht
werden. Bewusste Handarbeit dort, wo Variantenvielfalt und Qualitätsabsicherung
es erfordern. Der elektrische Cayenne ist damit weniger ein einzelnes
Fahrzeugprojekt als ein Testfall für Porsche-typische Serienstabilität im
Elektrozeitalter. Und Jan Drinkas neue Karosseriebauhalle entscheidet mit darüber,
ob sich der Anspruch, Performance, Präzision und Qualität unabhängig vom
Antrieb reproduzierbar abzubilden, im industriellen Alltag einlösen lässt.