Wie Kreislaufwirtschaft serienreif und wertschöpfend wird
Ein Forschungsprojekt hat bewiesen: Wertschöpfende Kreislaufwirtschaft entsteht nicht erst am Ende des Fahrzeuglebens, sondern in Entwicklung, Einkauf und Design. Für die Branche ist Material längst eine strategische Größe geworden.
Den Einsatz von exterieurtaglichem Bio-Polycarbonat ohne Hardcoat hat BMW Arbeitsprojektleiter Dr. Martin Schneebauer erfolgreich getestet.Stefan G. König 2026
Anzeige
Was ist so spannend an Scheinwerfern und Heckleuchten? Sie sollen funktionieren, dicht bleiben, altern, Prüfungen bestehen und sich unauffällig
in ein Fahrzeug einfügen, das viele Jahre genutzt wird. Und gerade deshalb
eignen sie sich, um über eine Veränderung zu sprechen, die in der Autoindustrie
oft zu groß klingt, bis man sie am einzelnen Teil überprüft.
Im Forschungsprojekt Future Sustainable Car Materials,
kurz FSCM, wurde an solchen Bauteilen sichtbar, worum es bei
Kreislaufwirtschaft wirklich geht. Nicht um die nachträgliche Frage, was sich
am Ende eines Autolebens noch verwerten lässt. Sondern um die frühere,
unbequemere Frage: Wie muss ein Fahrzeug entwickelt werden, damit Materialien
überhaupt im Kreislauf bleiben können?
Anzeige
Scheinwerfer und Heckleuchten mit Zukunft: weniger Teile, einfache Demontage, biobasierte Materialien.Stefan G. König 2026
Dreieinhalb Jahre lang hat die BMW Group als
Konsortialführer mit Partnern aus Industrie und Wissenschaft an Kunststoffen,
Metallen, digitalen Materialdaten und Designprinzipien gearbeitet. Das Projekt
zielte weniger auf eine ferne Vision, eher auf seriennahe Lösungen:
Instrumententafelträger, Heckleuchten, Verkleidungsteile, Karosseriestrukturen,
Türverkleidungen, Materialplattformen. Also auf jene Ebene, auf der Strategien
ihre harte Bewährungsprobe haben.
Für Entscheider zum Thema Nachhaltigkeit ist genau das
relevant: Die Rohstofffrage wird nicht mehr nur über Einkaufspreise beantwortet,
sie entscheidet über CO₂e-Bilanzen, regulatorische Belastbarkeit,
Lieferkettenrisiken, Produktkosten und künftige Wertschöpfung.
Entscheidend ist, dass neue Materialien später auch serienfähig sind.“
Martin Derks, BMW
Martin Derks motiviert: Um Klimaneutralität und Zirkularitätsziele zu erreichen, sind weiterführende Entwicklungen nötig.Stefan G. König 2026
Warum ist Rezyklat keine einfache Antwort?
Anzeige
Bei den Kunststoffen zeigt FSCM, wie nah Fortschritt und Begrenzung beieinanderliegen. Rezyklate aus Pre- und Post-Consumer-Strömen wurden für größere Bauteilgruppen erprobt, unter anderem für Instrumententafelträger, Heckleuchten und Verkleidungsteile. In ausgewählten Anwendungen konnten deutlich höhere Rezyklatanteile realisiert werden. Das ist ein technischer Fortschritt.
Aber FSCM erzählt eben nicht die einfache Geschichte vom alten Kunststoff, der problemlos zum neuen Bauteil wird. Lichtführende oder stromführende Komponenten, sichtbare Oberflächen und sicherheitsrelevante Funktionen stellen andere Anforderungen. Dort reicht ein guter CO₂e-Wert nicht aus. Das Material muss verarbeitbar sein, stabil bleiben, gleichbleibende Qualität liefern und die Erwartungen an ein Premiumfahrzeug erfüllen.
Martin Derks, Leiter Kunststoffe in der Entwicklung Gesamtfahrzeug der BMW Group und Projektleiter von FSCM, formuliert den Maßstab entsprechend nüchtern: „Entscheidend ist, dass neue Materialien später auch serienfähig sind.“ Der Satz klingt technisch. Strategisch bedeutet er: Nachhaltigkeit erhält erst dann Gewicht, wenn sie Freigabeprozesse, Kostenlogik und Produktionsrealität übersteht.
Wenn Sicherheit und Zirkularität
aufeinandertreffen
Noch anspruchsvoller wird die Frage bei Stahl und Aluminium.
Beide Werkstoffe prägen den ökologischen Fußabdruck eines Fahrzeugs. Zugleich
sind sie für Struktur, Crashverhalten und Dauerhaltbarkeit zentral. Wer hier Primärmaterial ersetzen oder Material einsparen will, bewegt sich direkt im sicherheitskritischen Kern des Fahrzeugs. Für Experimente bleibt dort kaum Spielraum.
Fokus Stoßfänger: Wie lassen sich Aufbereitungsmethoden zusätzlich aus dem Open-Loop-Kreislauf (Gelber Sack) optimieren?Stefan G. König 2026
FSCM untersuchte deshalb zwei Hebel gleichzeitig:
effizientere Werkstoff- und Bauteilkonzepte sowie höhere Rezyklatanteile.
Demonstratoren für sicherheitsrelevante Karosseriestrukturen zeigen, dass
nachhaltigere Metalllösungen möglich sind. Sie zeigen aber auch, wie eng der
Spielraum ist. Legierungen, Schrottqualitäten, Prozessfenster, Prüfverfahren
und industrielle Skalierung müssen zusammenpassen.
Anzeige
Für C-Level-Entscheider liegt darin eine klare Botschaft: Materialstrategie ist längst mehr als eine technische Unterfunktion. Sie entwickelt sich zu einem festen Bestandteil der Unternehmenssteuerung. Wer Zugang zu geeigneten Sekundärmaterialien, belastbaren Qualitätsdaten und stabilen industriellen Prozessen hat, gewinnt Handlungsspielraum – bei Kosten, CO₂e und Versorgungssicherheit.
Warum beginnt das Recycling lange vor dem Recycling?
Viele Probleme der Kreislaufwirtschaft entstehen nicht am
Ende, sondern am Anfang. Ein Bauteil, das aus zu vielen untrennbar verbundenen
Materialien besteht, kann später kaum hochwertig verwertet werden. Ein Verbund,
der heute funktional bequem ist, kann morgen zum Wertverlust werden. Ein
Klebstoff, eine Beschichtung, eine unnötige Materialkombination: Was in der
Entwicklung plausibel erscheint, entscheidet Jahre später über Demontage,
Sortierung und Wiederverwertung.
Anzeige
Deshalb ist Design for Circularity im FSCM-Projekt weit mehr als ein gestalterisches Begleitprogramm. Es greift früh in die Wertschöpfung ein. Ein Schalensitz-Konzept, ein Holz-Kork-Cockpit und eine neu entwickelte Türverkleidung zeigen, wie sich Material reduzieren, Funktionen integrieren und spätere Trennung bereits in der Entwicklung mitdenken lassen. Die Frage lautet längst nicht mehr nur: Wie gut sieht ein Bauteil aus, wie fühlt es sich an, was kostet es? Sie lautet ebenso: Welche zweite Nutzung ist in seiner ersten Konstruktion bereits angelegt?
Das verändert die Rolle von Design. Es wird nicht
schmückender Abschluss, sondern eine Instanz, die über Ressourceneinsatz,
Reparierbarkeit, Demontagefähigkeit und Restwert mitentscheidet.
Weshalb braucht Circularity eine Datenbasis?
Anzeige
Der unscheinbarste Teil von FSCM könnte für die Serie
besonders wichtig werden: die Digitalisierung. Die Projektpartner entwickelten
Ansätze für eine Daten- und Informationsplattform, auf der
Materialeigenschaften, Prüfergebnisse und Nachhaltigkeitskriterien gebündelt
und vergleichbar gemacht werden können.
Das klingt zunächst nach Prozessarbeit. Tatsächlich geht es
um die Qualität von Entscheidungen. Wenn CO₂e-Werte, Rezyklatanteile,
mechanische Kennwerte, Einsatzgrenzen und Prüfergebnisse nicht zusammengeführt
werden, bleibt Circularity ein Argument, das zu spät in die Entwicklung kommt.
Dann konkurriert es mit bereits getroffenen Entscheidungen.
Erst wenn Materialdaten früh verfügbar sind, können Entwicklung, Einkauf, Design und Produktion ihre Entscheidungen auf eine tragfähigere Grundlage stellen. Für große Organisationen ist das ein entscheidender Punkt: Kreislaufwirtschaft braucht gute Materialien – und ebenso gute Entscheidungsarchitekturen.
Wie passt das Forschungsprojekt FSCM in BMWs Nachhaltigkeitsstrategie?
Serientauglich? Holz ersetzt hier Teile der Kunststoffstruktur und ist zugleich Oberfläche der Mittelkonsole.Stefan G. König 2026
FSCM ordnet sich in eine Strategie ein, die
Kreislauffähigkeit über die gesamte Wertschöpfungskette denkt: vom Design über
die Materialauswahl bis zur Nutzung von Sekundärrohstoffen und zur Verringerung
der Abhängigkeit von Primärmaterialien. In der Presseinformation werden dafür
zentrale Prinzipien genannt: Design for Circularity, die werterhaltende
Nutzung von Ressourcen über mehrere Lebenszyklen, hochwertige Rezyklate und
funktionierende Recyclingprozesse.
Solche Zahlen sind keine Dekoration für
Nachhaltigkeitsberichte. Sie markieren einen industriellen Übergang: Das
Fahrzeug wird nicht nur nach Leistung, Komfort, Software und Effizienz
bewertet, sondern zunehmend auch nach der Qualität seiner Materialbiografie.
Was bleibt für OEMs und Zulieferer?
FSCM liefert keine bequeme Formel für das nachhaltige Auto.
Es liefert etwas Nützlicheres: Unterscheidungsvermögen. Wo kann Rezyklat heute
eingesetzt werden? Wo ist Primärmaterial weiterhin notwendig? Welche Bauteile
müssen neu gedacht werden? Welche Daten fehlen? Welche Partnerschaften braucht
eine Branche, die Materialien nicht mehr nur einkauft, sondern über
Lebenszyklen organisiert?
Für OEMs und Zulieferer heißt das: Kreislaufwirtschaft wird
nicht als separates Nachhaltigkeitsthema gewinnen, sondern nur als Teil der
industriellen Logik. Sie muss in Entwicklungsprozesse, Materialfreigaben,
Einkaufsstrategien und Produktionsentscheidungen hinein. Dort ist sie weniger
laut. Aber wirksamer.
Die Heckleuchte bleibt also ein kleines Bauteil. Doch an ihr
lässt sich eine große Verschiebung ablesen: Das Auto der Zukunft beginnt nicht
erst am Band. Es beginnt bei der Frage, ob sein Material nach dem ersten Leben
noch eine zweite Rechnung wert ist.
Das FSCM-Projekt auf einen Blick
Future Sustainable Car Materials (FSCM) war ein
dreijähriges, vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördertes
Forschungsprojekt unter Konsortialführung der BMW Group. Ziel war es,
Materiallösungen für den Automobilbau zu entwickeln, die den CO₂e-Fußabdruck
senken, Primärrohstoffe ersetzen und Materialkreisläufe besser schließen
können. Die vier Arbeitsfelder: Kunststoffe, Metalle, Digitalisierung sowie
Design for Circularity standen dabei im Fokus. Untersucht wurden unter anderem
Komplexe Kunststoffbauteile wie Stoßfänger, Instrumententafel
und Leuchten für den Einsatz von Rezyklate
Sicherheitsrelevante Karosserriestrukturen mit recyclingbasierten
Stahl- und Aluminiumlösungen
Digitale Materialdatenplattform für die
Zusammenarbeit in der Lieferkette
Neue Designkonzepte wie ein Schalensitz, ein
Holz-Kork-Cockpit oder eine kreislauffähig ausgelegte Türverkleidung
Die Besonderheit des Projekts liegt weniger in einzelnen
Demonstratoren als in der Nähe zur Serie: Materialien mussten nicht nur
ökologisch plausibel, sondern auch technisch belastbar, sicher, qualitätsfähig
und wirtschaftlich darstellbar sein.
Zum Konsortium gehörten neben der BMW AG unter anderem
Evonik, Mocom, Thyssenkrupp Steel Europe, Constellium, Toray Industries Europe,
die Dräxlmaier Group, Forward Engineering, material.one, mehrere Lehrstühle der
TU München sowie die Fraunhofer-Institute ICT und WKI. Damit verband FSCM
Werkstoffentwicklung, Bauteilauslegung, Digitalisierung, Produktionserfahrung
und wissenschaftliche Circular-Economy-Kompetenz in einem
industrieübergreifenden Verbund.