Hier baut Volkswagen Nutzfahrzeuge am Bulli der Zukunft
Mit dem ID. Buzz AD beginnt in Hannover das nächste Kapitel der Bulli-Geschichte. Das VWN Stammwerk verbindet Tradition, Elektromobilität und neue Produktionslogik. Die Vorserie läuft bereits, 2027 soll die Serienfertigung des autonomen Modells starten.
Bereits jetzt läuft im Werk die Vorserienproduktion des vollautonomen ID. Buzz an und markiert damit den nächsten Schritt auf dem Weg zur Industrialisierung autonomer Mobilität in Europa.Matthias Leitzke
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Das Werk Hannover steht wie kaum ein anderer Standort von Volkswagen Nutzfahrzeuge für die industrielle Geschichte des Bulli. Seit 1956 werden hier Fahrzeuge dieser Baureihe gebaut. Inzwischen ist die Fabrik aber längst mehr als nur das Traditionswerk der Marke. Mit ID. Buzz, Multivan, lokaler Batteriefertigung und der Vorbereitung des ID. Buzz AD bündelt Hannover zentrale Zukunftsthemen von Volkswagen Nutzfahrzeuge.
Besonders sichtbar wird das am ID. Buzz AD. Das Fahrzeug steht für den Versuch, autonome Mobilität nicht nur zu erproben, sondern in eine bestehende Großserienfertigung zu überführen. In Hannover läuft dafür die Vorserienproduktion an, die im Jahresverlauf auf rund 500 Fahrzeuge hochgefahren werden soll. 2027 ist der Start der Serienproduktion geplant. Volkswagen verknüpft mit dem Modell den Anspruch, das erste vollautonome Serienfahrzeug Europas in den Markt zu bringen. Für das Werk ist der ID. Buzz AD damit mehr als ein neues Derivat. Er zeigt, wie sich Hannover vom klassischen Bulli-Werk zu einer Fabrik entwickelt, in der Elektromobilität, Software, Sensorik und neue industrielle Prozesse zusammenfinden.
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Ein Standort mit Industriegeschichte
Die Geschichte des Werks begann mit dem Erfolg des ersten Transporters. Als 1950 in Wolfsburg die Serienproduktion des T1 anlief, lag die Tagesleistung zunächst bei zehn Fahrzeugen. Die Nachfrage wuchs jedoch so stark, dass Volkswagen 1955 entschied, in Hannover ein eigenes Transporterwerk zu errichten. Innerhalb nur eines Jahres entstand dort die Fabrik. Am 8. März 1956 lief der erste T1 in Hannover vom Band. Bis heute ist der Standort eng mit dem Bulli verbunden. Das Gelände umfasst inzwischen rund 1,1 Millionen Quadratmeter. Volkswagen zufolge arbeiten dort rund 13.000 Menschen für Volkswagen Nutzfahrzeuge und Volkswagen Group Components. Im laufenden Jahr soll in Hannover das elfmillionste Fahrzeug gebaut werden.
Werkleiter Richard Slovak stellt genau diese historische Spannweite heraus. „Hier wird nicht nur gearbeitet, hier wurde und wird Geschichte gebaut“, sagte er. Den Kern der Werksgeschichte beschrieb er zugleich als permanente Erneuerung. „Wandel ist hier kein Ausnahmezustand, sondern Teil unserer DNA.“ Tatsächlich wurde der Standort immer wieder umgebaut, erweitert und neu ausgerichtet. In den vergangenen 70 Jahren entstanden dort sechs Bulli-Generationen, außerdem unter anderem LT, Käfer, Amarok und weitere Modelle. Slovak sprach von insgesamt 16 verschiedenen Fahrzeugen, die in Hannover gefertigt wurden. Das Werk lebt damit nicht allein von seiner Geschichte, sondern von der Fähigkeit, sich immer wieder auf veränderte Anforderungen einzustellen.
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Heute baut Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover den vollelektrischen ID. Buzz und ID. Buzz Cargo sowie den Multivan als Diesel und Plug-in-Hybrid. Der Standort trägt damit parallel verschiedene Antriebskonzepte und Plattformlogiken. Stefan Mecha, CEO von Volkswagen Nutzfahrzeuge, nennt Hannover deshalb einen Schlüsselstandort der Transformation. Diese Rolle zeigt sich auch in den Produktionszahlen. Laut Slovak werden derzeit 530 Fahrzeuge pro Tag gebaut. Im zweiten Quartal soll die Ausbringung auf mehr als 600 Fahrzeuge steigen. Parallel dazu gewinnen die einzelnen Baureihen im Markt an Gewicht. Nach Angaben des Unternehmens legte der ID. Buzz 2025 um 102 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Beim Multivan betrug das Plus 31 Prozent. Lars Krause, Executive Vice President Sales and Marketing von Volkswagen Nutzfahrzeuge, verweist zudem auf die Marktposition des Elektromodells. Rund jedes vierte vollelektrische Nutzfahrzeug in Europa sei ein ID. Buzz. In Dänemark und Norwegen sei es sogar jedes zweite. Gerade diese Parallelität aus Volumenproduktion, Variantenvielfalt und Technologiewechsel prägt das Werk. Hannover ist keine reine E-Fabrik, sondern eine Mischfabrik, in der verschiedene Antriebsarten, Modelle und Fertigungslogiken zusammenlaufen.
Das Gelände von Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover hat eine Größe von 1,1 Millionen Quadratmetern.Volkswagen Nutzfahrzeuge
Der Umbau zum E-Mobilitätswerk
Der tiefste Einschnitt der jüngeren Vergangenheit war der Serienanlauf des ID. Buzz. Mit ihm begann die grundlegende Transformation Hannovers zum E-Mobilitätswerk. Bereits 2022 hatte Volkswagen Nutzfahrzeuge dafür große Teile der Fabrik modernisiert und Beschäftigte qualifiziert. Damals wurden nach Unternehmensangaben 4.000 der insgesamt 13.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Fertigung elektrischer Fahrzeuge geschult. Dazu kamen Hochvolt-Qualifizierungen und angepasste Ausbildungsprofile, etwa für die System- und Hochvolttechnik. Der Umbau betraf damit nicht nur neue Produkte, sondern auch Prozesse, Qualifikationen und die Fabrikarchitektur. Mit dem ID. Buzz kam auf Basis des MEB eine weitere technische Architektur ins Werk. Hannover musste damit unterschiedliche Modelle, Plattformen und Antriebskonzepte parallel beherrschen. Genau diese Gleichzeitigkeit machte den Anlauf des elektrischen Bulli zu einem komplexen industriellen Umbau. Volkswagen verstand Hannover früh als einen der deutschen ID-Standorte neben Dresden und Emden und investierte entsprechend in Anlagen, Abläufe und Qualifizierung.
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Auch die Kapazitätsplanung zeigte, wie groß die Ambitionen waren. Zum Anlauf des ID. Buzz lag die tägliche Produktionskapazität des Modells zunächst bei 45 Fahrzeugen. Perspektivisch sollte sie auf 180 Einheiten pro Tag steigen. Die jährliche Kapazität war zunächst mit rund 15.000 ID. Buzz und ID. Buzz Cargo angesetzt und sollte später auf bis zu 130.000 Fahrzeuge wachsen. Unter optimalen Bedingungen hielt Volkswagen damals sogar eine modellübergreifende Gesamtkapazität des Werks von bis zu 900 Fahrzeugen pro Tag für möglich. Schon diese Zahlen machten deutlich, dass es beim ID. Buzz nicht um ein elektrisches Nischenmodell ging, sondern um ein Fahrzeug, das den Standort industriell neu ausrichten sollte. Der ID. Buzz war für Hannover damit weit mehr als ein neues Modell. Er wurde zum Katalysator einer Werkstransformation, die tief in Organisation, Technik und Belegschaft hineinwirkte. Aus einem traditionsreichen Bulli-Standort wurde nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt ein Werk, das Elektromobilität nicht nur montiert, sondern industriell skaliert.
Noch entscheidender für die Zukunft des Werks ist jedoch der ID. Buzz AD. Das autonome Shuttle ist nicht einfach ein weiterer Ableger des elektrischen Bulli, sondern stellt neue Anforderungen an Produktionslogik und Fabrikintegration. Christian Rosen, VP Product Strategy & New Business für Autonomous MaaS & TaaS, betont, dass der ID. Buzz AD nicht nachträglich umgerüstet wird. Die für den autonomen Betrieb nötige Technik wird bereits im Werk integriert. Die selbstfahrenden Fahrzeuge durchlaufen zunächst dieselben Produktionsabschnitte wie die übrigen ID.-Buzz-Modelle. Erst für die spezifischen autonomen Funktionen ist eine zusätzliche Fertigungsschleife vorgesehen. Dort werden das kombinierte Dachmodul mit Kameras, Radar- und Lidareinheiten sowie ein Hochleistungsrechner auf der Beifahrerseite eingebaut. Anschließend folgen die Kalibrierung der Sensoren und die Inbetriebnahme des Fahrzeugs. Genau diese Einbettung in die bestehende Serienfertigung ist der entscheidende Punkt. Sie macht aus dem ID. Buzz AD kein Showcar, sondern ein industrielles Produkt.
Das Projekt ist arbeitsteilig angelegt. Das Fahrsystem stammt von Mobileye, die Betreiberplattform von Moia. Volkswagen ordnet den ID. Buzz AD in die sogenannte MOIA Turnkey Solution ein, also in eine Gesamtlösung aus Fahrzeug, autonomem Fahrsystem, softwarebasierter Flottensteuerung und Betreiber-Services für autonome Mobilitätsdienste. Damit verschiebt sich auch die industrielle Perspektive. In Hannover geht es nicht mehr allein um die Montage eines Fahrzeugs, sondern um die serientaugliche Integration eines komplexen Systems aus Sensorik, Rechenleistung und Software. Für eine gewachsene Großserienfabrik liegt genau darin die eigentliche Herausforderung.
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Zusätzliche Batteriekompetenz für den VWN-Stammsitz
Parallel zur Fahrzeugproduktion wächst in Hannover auch die Bedeutung von Volkswagen Group Components. Das zeigt sich vor allem an der lokalen Batteriesystemfertigung, die die Montage im Werk direkt versorgt und damit von kurzen Wegen sowie einer engen Verzahnung mit der Fahrzeugproduktion profitiert. Bislang steht am Standort vor allem die Fertigung von NMC-Batteriesystemen im Mittelpunkt. Im Laufe des Jahres soll der Bereich jedoch ausgebaut werden, um künftig auch weitere Zellchemien wie LFP verarbeiten zu können. Damit stärkt Volkswagen nicht nur die technologische Bandbreite in Hannover, sondern erhöht auch die Flexibilität innerhalb des Konzernverbunds.
Nach Angaben des Unternehmens soll die maximale Produktionskapazität der Batteriesystemfertigung durch den Ausbau um 50 Prozent steigen. Künftig sollen von Hannover aus vier Konzernmarken an sieben Standorten beliefert werden. Perspektivisch gewinnt dabei auch die Cell-to-Pack-Bauweise mit Einheitszelle an Bedeutung, mit der Volkswagen seine Batteriesysteme weiter standardisieren und industrialisieren will. Für den Standort Hannover ist das ein strategisch wichtiger Schritt. Die Fabrik entwickelt sich damit weiter von einem klassischen Fahrzeugwerk hin zu einem breiter aufgestellten Technologie- und Wertschöpfungszentrum, in dem Fahrzeugproduktion, Batteriekompetenz und neue Mobilitätskonzepte enger zusammenrücken.
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Ein Werk zwischen Geschichte und Zukunft
Gerade in dieser zusätzlichen Wertschöpfung zeigt sich, wie weit sich das Werk Hannover inzwischen von der klassischen Rolle eines reinen Fahrzeugstandorts entfernt hat. Die Fabrik bleibt eng mit der Geschichte des Bulli verbunden, definiert ihre Zukunft aber zunehmend über technologische Breite, industrielle Flexibilität und die Fähigkeit, neue Anforderungen in bestehende Strukturen zu integrieren. Hannover steht damit exemplarisch für den Versuch, eine traditionsreiche Fabrik Schritt für Schritt in die nächste industrielle Phase zu überführen.