Circular Factory in Burnaston
Hier schenkt Toyota Altfahrzeugen ein zweites Leben
Im britischen Burnaston testet Toyota ein neues industrielles Modell für das zweite Leben von Autos. Die Toyota Circular Factory zerlegt Altfahrzeuge, gewinnt Rohstoffe zurück und schickt Komponenten wieder in die Wertschöpfungskette.
Im britischen Burnaston testet Toyota ein neues industrielles Modell für das zweite Leben von Autos
Toyota
Wenige Kilometer südwestlich von Derby beginnt für viele
Autos ein zweites Leben. Hier im britischen Burnaston läuft
die Zeit quasi rückwärts, Toyota dreht die übliche Logik der
Produktion einfach um: Fahrzeuge werden nicht montiert, sondern systematisch
wieder zerlegt. In Rufweite der Hauptproduktion, wo Corollas im
automatisierten Verfahren vom Band rollen, nimmt ein spezialisiertes Team in
aufwendiger Handarbeit Autoleichen – Schraube für Schraube – chirurgisch
auseinander, bis nur noch sortierte Materialien übrigbleiben. Die weltweit
einzigartige Anlage trägt den Namen Toyota Circular Factory (TCF) –
und sie steht für eine neue industrielle Denkweise, bei der das Ende eines
Autos zugleich der Anfang neuer Materialkreisläufe ist.
Aus Abfall wird Komponente
Die Idee dahinter ist einfach: Ressourcen sollen so lange
wie möglich im Umlauf bleiben – und zwar mit möglichst hohem Wert. Was bislang
oft als Abfall entsorgt wurde, soll künftig wieder Teil der Produktion werden.
Dafür kauft Toyota bei Online-Auktionen möglichst günstig Altfahrzeuge auf, um
sie anschließend dem zertifizierten Recycling zuzuführen.
Die Circular Factory in Burnaston ist
Toyotas europäisches Pilotprojekt. Seit August 2025 läuft der Betrieb, und die
Anlage dient vor allem als Lernplattform, um Prozesse für die
Kreislaufwirtschaft zu entwickeln und zu standardisieren. Das Ganze wirkt
noch ein wenig improvisiert und weit weg von einem industriellen Standard. Doch
das Vorhaben steckt ja auch noch in den Kinderschuhen.
„Wir sind gestartet, ohne viel zu wissen“ sagt TCF-Chef Leon van der Merve ganz
offen, „…und lernen jeden Tag dazu. Über allem stand die Frage: wie
können wir Abfall limitieren? Mittlerweile wissen
wir, dass Kreislaufwirtschaft ein
Marathonlauf ist.“
UK-Markt liefert Millionen Altfahrzeuge
Der Standort Burnaston ist kein Zufall. Das Werk
gehört zu den traditionsreichsten Produktionsstätten der Japaner in Europa.
Seit Eröffnung im Jahr 1992 wurden hier allein über fünf
Millionen Corollas produziert. Gleichzeitig bietet der britische
Markt eine sprudelnde Quelle für sogenannte End-of-Life-Vehicles (ELV),
also Autos am Ende ihrer Nutzungsdauer. Jedes Jahr liefert der britische Markt
mehr als 1,5 Millionen Gebrauchtwagen.
In der Circular Factory folgt die Demontage einem
klar strukturierten Prozess, inspiriert von Toyotas Produktionssystem – nur
eben rückwärts angewendet. Drei Stunden dauert es, bis ein Fahrzeug vollständig
in seine Einzelteile zerlegt ist. Derzeit sind es 20 pro Schicht, am Ende des
Jahres sollen es in zwei Schichten doppelt so viele sein. Es gibt acht
standardisierte Arbeitsschritte mit festgelegten Taktzeiten. Ziel ist es, die
Abläufe genauso effizient und reproduzierbar zu gestalten wie die Serienfertigung.
Am Ende bleiben möglichst nur noch sortierte Materialien übrig: Stahl,
Aluminium, Kupfer, Plastikteile.
Erst Verbrenner, dann E-Autos
Rund 10.000 Fahrzeuge pro Jahr sollen
in Burnaston recycelt und dabei etwa 120.000 Teile gewonnen werden.
Zunächst hat Toyota nur Autos mit Verbrenner in der Mangel, später im Jahr dann
auch elektrifizierte Fahrzeuge. Nach Prüfung und Aufarbeitung – so der Plan – gelangen die Teile wieder in den Markt. Zusätzlich rechnet Toyota mit 300
Tonnen hochreinem Kunststoff sowie 8200 Tonnen Stahl und anderen Metallen, die
in neuen Fahrzeugen Verwendung finden.
Der Anfang vom Ende jedes Autos ist die
sogenannte Depollution. Airbags werden gezündet, Flüssigkeiten, Öle und
Kühlmittel unter kontrollierten Bedingungen entfernt, damit sie umweltgerecht
behandelt oder recycelt werden können. Anschließend erfolgt die Demontage der
Fahrzeuge. Komponenten werden ausgebaut, geprüft und nach klaren Kriterien
klassifiziert: wieder verwendbar, wieder aufbereitbar oder
recyclingfähig.
Wachsender Zweitmarkt für Originalteile
Ein Teil der Bauteile gelangt direkt zurück in den Markt.
Offiziell geprüfte Komponenten werden über Händler oder Distributoren erneut
verkauft, hier entsteht ein wachsender Zweitmarkt für Originalteile. Andere
Komponenten, etwa Batterien oder Räder, werden auf ihr Potenzial zur
Wiederaufbereitung oder Umnutzung untersucht. Erst wenn eine Wiederverwendung
ausgeschlossen ist, beginnt die mögliche Verwertung.
Bereits jetzt nutzt Toyota Aluminium aus recycelten Rädern
im Motorenwerk Deeside in North Wales erneut und Kunststoffe finden in
Innenraum neuer Fahrzeuge Verwendung. Diese Vorgehensweise des geschlossenen
Materialkreislaufs gilt als Schlüssel, um den CO2-Fußabdruck der Industrie
langfristig zu senken.
Erkenntnisse fürs Engineering
Für Toyota ist Burnaston aber viel mehr als nur
eine Recycling-Fabrik. Die Anlage dient als industrielles Labor, jedes zerlegte
Fahrzeug liefert Daten darüber, wie Materialien altern, welche Bauteile schwer
zugänglich und welche Komponenten besonders langlebig sind. Diese Erkenntnisse
fließen direkt zurück in die Fahrzeugentwicklung. Das langfristige Ziel ist es,
Autos so zu konstruieren und zu designen, dass sie leichter repariert,
einfacher zerlegt und effizienter recycelt werden können.
Kreislaufwirtschaft als strategischer Hebel
Burnaston ist eingebettet in Toyotas langfristige
Nachhaltigkeitsstrategie „Environmental Challenge 2050“. Nummer fünf dieser
Agenda heißt schlicht: Ressourcen im Kreislauf halten. Der Konzern hat das
Ziel, seine eigenen Produktionsstandorte bis 2030 klimaneutral zu betreiben und
bis 2040 über den gesamten Lebenszyklus hinweg CO2-Neutralität zu erreichen.
Kreislaufwirtschaft gilt dabei als zentraler Hebel, weil sie
den Bedarf an neuen Rohstoffen reduziert und gleichzeitig die
Versorgungssicherheit bei kritischen Materialien erhöht. Auch regulatorischer
Druck, zum Beispiel von der EU, spielt eine Rolle. In Europa verschärfen sich
die Anforderungen an Recyclingquoten, Materialrückgewinnung und dem Umgang mit
Altfahrzeugen. Hierfür gilt es, schnell Erfahrungen zu sammeln.
Circular-Factory-Netzwerk
soll entstehen
Auch deshalb beschränkt sich Toyotas Anlage nicht allein auf
Fahrzeuge der eigenen Marken. In Burnaston werden auch Modelle
anderer Hersteller zerlegt. Gerade dieser markenübergreifende Erfahrungsschatz
liefert wertvolle Erkenntnisse über unterschiedliche Konstruktionen,
Materialien und Demontagetechniken. So einen Aufwand muss man sich leisten
können. Merve: „Erst in frühestens drei Jahren können wir absehen, ob
das Projekt irgendwann mal profitabel sein wird.“
Burnaston ist allerdings erst der Anfang. Toyota hat
bereits die nächste Circular Factory in Europa am Start. Im
polnischen Wałbrzych entsteht derzeit eine Anlage mit rund 25.000 Quadratmetern
Fläche, die jährlich etwa 20.000 Altfahrzeuge verarbeiten soll. Eröffnung ist
im Herbst. Langfristig will Toyota ein Netzwerk solcher Anlagen aufbauen.
Die Circular Factory soll dabei nicht nur Materialien zurückführen,
sondern auch als Geschäftsmodell und Plattform für Kooperationen dienen – mit
Zulieferern, Recyclingunternehmen und möglicherweise sogar Wettbewerbern. Denn
so viel steht fest: Den Marathon zu einer echten Kreislaufwirtschaft kann kein
Hersteller allein laufen.