Von hier aus bläst Leapmotor zum Angriff auf Europa
In nur zehn Jahren ist Leapmotor zu einem der aussichtsreichsten Autohersteller aus China aufgestiegen und will nun im großen Stil Europa erobern. Ortsbesuch bei einem stillen Star, der bald sogar Opel flott machen soll.
Thomas GeigerThomasGeiger
4 min
Leapmotor zeigte auf der Pekinger Auto Show, was der OEM modellseitig so im Köcher hat.Leapmotor
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Es rauscht in den
Ohren, der Kragen flattert und die Hosenbeine blähen sich auf: Wer bei
Leapmotor in Hozhou ins Batteriewerk will, der steht erst mal in der Luftdusche
und muss sich kräftig durchblasen lassen. Was hier zuallererst dem Schutz der
empfindlichen Zellen geschuldet ist und der Qualitätssicherung dient, hat
durchaus auch einen symbolischen Charakter, der weit über die Druckschleuse
hinaus geht. Denn Leapmotor hat buchstäblich frischen Wind in die ohnehin schon
stürmische chinesische Automobilindustrie gebracht, und Firmengründer Zhu
Jiangming gilt mittlerweile als heißer Kandidat für den „Millionaires Club“.
Nicht wegen seines Kontostandes, sondern weil Leapmotor – wenn es nach ihm geht
– noch in diesem Jahr eine Produktion von einer Million Fahrzeuge erreichen
soll.
Leapmotor:
Sparbüchse auf Rädern?
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Das wäre die
nächste Stufe auf einer Leiter, die Jiangming eher zufällig erklommen hat. Denn
von Hause aus ist der 60-Jährige Elektroingenieur und hat sein Geld früher mit
Überwachsungskameras und TV-Receivern verdient. Bis ihm irgendwann im Urlaub in
Valencia ein Renault Twizy unter die Augen kam. „Das muss doch besser gehen“,
umschreibt er die Initialzündung für die Gründung von Leapmotor im Jahr
2015.
Zwar haben viele
daran noch gezweifelt, als er zwei Jahre später auf der Motorshow in Guangzhou
sein erstes Auto präsentiert und 2022 den T03 nachgereicht hat, der
mittlerweile auch in Europa angeboten wird und mit einem Preis von 18.900 Euro
nach dem Dacia Spring das billigste Elektroauto im Land ist. Denn abgesehen vom
Format ist die Sparbüchse auf Rädern dem Schmalspur-Renault nicht wirklich
überlegen.
Doch mittlerweile
hat Leapmotor nicht nur eine breite Modellpalette, die von diesem 3,62 Meter
kurzen Winzling über SUV und Limousinen der Kompakt- und Mittelklasse bis zum
über fünf Meter langen D19 reicht, der als Flaggschiff gegen Nio & Co ins
Premiumsegment drängt. Und neben reinen E-Modellen bietet Leapmotor auch die in China mittlerweile weit verbreiteten Range Extender an und ist einer der
wenigen Anbieter, der diese Technik nach Europa bringt. Die Chinesen haben
zumindest kumuliert bereits im letzten Oktober ihre erste Million vollgemacht
und dabei einen neuen Rekord aufgestellt: Sie sind nicht nur das zweite Startup
aus China, das überhaupt so viele Autos gebaut hat. Sondern sie haben für die
zweite Hälfte dieses Weges auch nur 343 Tage gebraucht und damit alle
Konkurrenten abgehängt.
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Leapmotor leistet Entwicklungshilfe für Opel
Dafür haben sie
rund um den Stammsitz in Hangzhou ein Produktionsnetzwerk aufgebaut, das auf
vollen Touren läuft und ihm genügend Kapazitäten bietet, die Batterien und
Motoren und danach die Gesamtfahrzeuge zu bauen, die es für die Mitgliedschaft im Club der Millionäre braucht.
Opel-Chef Florian Hüttl kriegt Entwicklungshilfe von Leapmotor.Opel
Dabei bekommt er
womöglich bald Hilfe aus Hessen. Dass Leapmotor stärker im Focus steht als
andere Startups aus China und sich bei uns schneller etablieren könnte, liegt auch an
einem strategisch klugen Schritt Jiangmings, der sich außerhalb Chinas seit
2023 an Stellantis hängt. Bislang hat die Stiefmutter aus dem Westen, die 1,5
Milliarden Euro ins Joint Venture Leapmotor international eingebracht hat, nur
bei Logistik und Vertrieb geholfen. Aus dem Stand heraus hat Leapmotor
so zum Beispiel allein in Deutschland 150 und europaweit über 600
Verkaufsstützpunkte aus dem Stellantis-Netzwerk nutzen können, statt sich mühsam
eigene Partner wie BYD oder Great Wall Motors zu suchen.
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Doch jetzt wird
diese Partnerschaft vertieft: Die Chinesen nutzen das mit Corsa & Co
offenbar nicht ausgelastete Werk in Saragossa für die Produktion des B10 und
umgehen damit die Strafzölle. Vor allem aber werden sie zum Entwicklungshelfer
für Opel und sollen den Rüsselsheimern einen wichtigen Lückenschluss in der
Kompaktklasse ermöglichen. In nur zwei Jahren will Opel-Chef Florian Hüttl mit
ihnen ein etwa 4,50 Meter langes Elektro-SUV entwickeln, das die Lücke zwischen
Frontera und Grandland schießt und die überfällige Antwort auf einen ID.4,
einen Renault Scenic oder einen Kia EV3 werden soll.
Weil er das
innerhalb von Stellantis offenbar weder in der Zeit hinbekommen hätte, noch mit
wettbewerbsfähiger Technologie wie einem 800-Volt-Akku und erst recht nicht zu
einem konkurrenzfähigen Preis, setzt er jetzt auf das „beste aus zwei
Welten“: „Wir kombinieren Tempo und Technologie aus China mit unserem
eigenen Knowhow,“ sagt Hüttl im Gespräch mit Automobil Produktion.
Es wird also kein Badge-Engineering, sondern ein eigenständiger Opel – mit
Opel-Fahrwerk, Opel-Body, Opel-Innenraum und Opel-Design. Das wäre dann
womöglich sogar mehr Eigenständigkeit als es aktuell in der Stellantis-Sippe
möglich ist.
Leapmotor vereint
in Hangzhou OEM- und Zulieferer-Qualitäten
Die
Kernkomponenten dafür dürften dann zum Beispiel aus jenem Werk in Huzhou kommen,
in dem die symbolträchtige Druckschluse den Zugang regelt. Das ist eines von
drei Batteriewerken der Chinesen, und allein hier sind die sechs
Fertigungslinien auf 380.000 Akkus pro Jahr ausgelegt – mit der Option, die
Kapazität kurzfristig zu verdoppeln. Zusammen mit den Fabriken in Jinhua
und Wuyi kommt Leapmotor aktuell auf eine Kapazität von 1,2 Millionen
Batterien und hat deshalb Luft entweder für weiteres Wachstum oder neue
Lieferabkommen, zum Beispiel für den Tiguan-Kämpfer aus Rüsselsheim. Weil alle
Produkte und Prozesse selbst entwickelt und mit über 250 Patenten abgesichert
sind, haben sich die Chinesen im lokalen Vergleich pro Akku-Pack einen
Kostenvorteil von über 125 Euro gesichert.
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Nur ein paar
Busminuten weiter hat Leapmotor binnen nur sieben Monaten das Stammwerk von
LeapPower aus dem Boden gestampft und produziert dort seit etwa einem
Jahr elektrische Antriebstechnik – von Motoren über Steuergeräte bis zu
Statoren und Rotoren. Das zweite Komponentenwerk des Unternehmens umfasst rund
113.000 Quadratmeter, die Investitionen liegen bei mehr als 200 Millionen RMB.
Im Vollausbau sollen dort 1.250 Mitarbeiter jährlich bis zu eine Million
Antriebseinheiten fertigen.
Bemerkenswert ist
dabei nicht nur das Tempo des Aufbaus, sondern der technologische Anspruch:
Leapmotor setzt auf eine stark automatisierte Fertigung mit mehr als 60 Prozent
Automatisierungsgrad, flexiblen Produktionslinien für unterschiedliche Modelle
und eine durchdigitalisierte Steuerung in Echtzeit. KI-gestützte
Qualitätskontrolle soll Fehler nicht erst erkennen, sondern bereits verhindern
– ein Kernstück der „Zero Defect“-Strategie. Dass im November 2025 bereits der
millionste E-Antrieb vom Band lief, unterstreicht den industriellen Ehrgeiz des
Unternehmens.
Beide Werke
produzieren nicht nur für den Eigenbedarf, sondern sind bereits jetzt auch
Zulieferer. Stellantis bekommt von den Chinesen zum Motoren und Akkus für Fiat
500, Citroen eC3 und Opel Frontera sowie Jeep Wagonneer und einige große Dodge
und Ram. Und bei den Batterien gibt es neben Verträgen mit Stellantis auch
welche mit anderen deutschen Herstellern, lassen die Chinesen beim Ortsbesuch
durchblicken. Nur welche das sind, wollen sie natürlich nicht verraten.
Von Hozhou aus
gehen die Bauteile zum Beispiel ins Vorzeigewerk Jinhua, das auf einen
Automatisierungsgrad von 90 Prozent kommt und als eine der modernsten Fabriken
in China gilt, mittlerweile an der zweiten Million arbeitet und bald auch neue
Exportmodelle wie den B05 als Alternative zum elektrischen Opel Astra
produziert und den B03X, der besser und billiger ist als ein Opel Frontera.
Immer öfter läuft
zwischen diesen Autos der zunächst nur für China vorgesehene D19 vom Band. Das
Luxus-SUV hat in der Top-Ausstattung ein Extra, das den Aufstieg der Chinesen
noch beflügeln könnte: Für Fahrten in den Himalaya hat der Geländewagen eigens einen
Sauerstoffgenerator an Bord. Der sorgt zumindest symbolisch auch dafür, dass
ihnen auch beim Höhenflug auf dem Weg nach Europa die Luft nicht zu dünn
wird.