650.000 Autos in nicht einmal zwei Jahren: Dass Xiaomi aus dem Stand zum chinesischen Auto-Big-Player aufgestiegen ist, verdankt der Elektronik-Gigant auch seiner smarten Fabrik in Yizhuang. Die ist so innovativ, dass Touristen mittlerweile Schlange stehen.
Thomas GeigerThomasGeiger
4 min
Xiaomis Erstlingswerk SU7 und der SUV-Bruder YU7 kommen gut an bei der Kundschaft: In Yizhuang liefen bislang 650.000 Einheien vom Band.Xiaomi
Anzeige
Sie ist fast so
groß wie die Verbotene Stadt und die Besucherschlangen davor sind ähnlich lang.
Denn seit der Smartphone-Gigant Xiaomi unter die Autobauer gegangen
ist und dafür in Yizhuang im Südosten Pekings im März 2024 Jahren nach nur 14
Monaten Bauzeit seine gut 718.000 Quadratmeter große „Hyperfactory“
eröffnet hat, zählt das Werk zu den angesagtesten Sehenswürdigkeiten der
chinesischen Hauptstadt. Nicht nur Industriebosse und Produktionsvorstände aus
aller Herren Länder pilgern durch die 316.000 Quadratmeter großen Hallen,
sondern auch mehr als 100.000 gewöhnliche Tech-Touristen.
Aus gutem Grund:
Was die Schaulustigen zwischen ein paar heißen Runden auf der werkseigenen
Go-Kartbahn, einer technologischen Leistungsschau und einem vornehmen
Flagshipstore in der umgerechnet rund 650 Millionen Euro teuren Fabrik zu sehen
bekommen, hat mit dem klassischen Automobilbau nicht mehr viel gemein. Xiaomi hat
all sein Elektronik-Knowhow und seine KI-Kompetenz zusammen genommen und eine
Hightech-Fertigung aus dem Boden gestampft, in der bei voller Kapazität alle 76
Sekunden ein neues Elektroauto auf die Räder gestellt wird.
Anzeige
Xiaomi – vom Smartphone-Giganten
zum Autobauer
Auch das ist ein
Grund, weshalb Xiaomi zu den Shooting-Stars unter chinesischen
Autoherstellern gehört. 2021, nur zehn Jahre nach der Gründung des
Unternehmens, hat Konzernchef Lei Jun, den Weg ins Automobilgeschäft
angekündigt und nicht einmal 36 Monate später den SU7 enthüllt. Der automobile
Erstling des mittlerweile drittgrößten Smartphoneherstellers der Welt gilt als
wichtigster Widersacher des Porsche Taycan und kam so gut an, dass bei der
Premiere im Frühjahr 2024 binnen 30 Minuten 50.000 Vorbestellungen eingegangen
sind. Das technisch identische SUV YU7 hat ein Jahr später mit 200.000
Pre-Orders in drei Minuten sogar noch besser eingeschlagen.
Aber erst mit der
Hyperfactory hat es Xiaomi auch geschafft, die immense Nachfrage nach
anfänglichen Schwierigkeiten und schmerzlichen Lieferfristen schnell zu
befriedigen. „Für die ersten 500.000 Autos haben wir nur 602 Tage gebraucht und
waren damit schneller als jeder andere Hersteller“, rühmt Europa-Sprecher Hua
Zeng und beziffert die Gesamtproduktion zwei Jahre nach der Premiere
mittlerweile sogar auf 650.000 Fahrzeuge.
Anzeige
Xiaomi setzt auf
cleane, autonome Fabrik
Möglich wird das
allerdings erst durch den neuen, mehr von der Elektronik-Produktion als aus
dem Autobau inspirierten Ansatz der Chinesen. In den blitzblanken und
pieksauberen Hallen erinnert deshalb vieles eher an Handy-Fabriken, wie die
neue, auf zehn Millionen Telefone im Jahr ausgelegte Smart Factory nebenan, als
an die Werke in Wolfsburg oder Detroit.
Die hohe Automatisierung führt bei Xiaomi zu einer fast menschenleeren Fabrik.Xiaomi
Denn Xiaomi hat
die Prozesse für die PS-Welt so weit automatisiert, dass es in den aktuell zwei
Schichten jeweils kaum mehr als 100 Mitarbeiter braucht, um die Maschinen und
den Materialfluss zu überwachen und am Ende jedes einzelne Auto über die 2,5
Kilometer lange Teststrecke zwischen den Hallen und zu guter Letzt durch den
Regentunnel der finalen Qualitätskontrolle zu fahren.
Anzeige
Der Prozess
beginnt mit dem Hyper-Diecasting, bei dem in einer mehr als 1.000 Tonnen
schweren Maschine 700 Grad heißes, flüssiges Aluminium binnen 100 Millisekunden
in die Gussformen gepresst wird. Alle 120 Sekunden entsteht so eine neue
Bodengruppe, für die in der konventionellen Produktion 72 Einzelteile und 840
Schweißpunkte benötigt würden. „Das spart 17 Prozent Gewicht und ist zehnmal
effizienter,“ rechnen die Chinesen vor. Auch die Qualitätskontrolle haben sie
automatisiert: Von jedem einzelne Gussteil werden 28 Röntgenaufnahmen gemacht,
die eine KI auf Mikrorisse oder Einschlüsse checkt, bevor sie nach jeweils 84
Sekunden die Verwendung freigibt.
Nach diesem
Vorbild produzieren die Chinesen ein Dutzend verschiedener Gussteile, aus denen
zusammen mit noch einmal 18 Pressteilen der Rohbau zusammengefügt
wird. Auch hier im Bodyshop rotieren überall Roboterarme, auf den
Wegen surren autonome Transportschlitten mit mehr als zwei Tonnen Traglast und abgesehen von den vielen Besuchern sieht man kaum mal einen Menschen.
Kein Wunder: „Mit 91 Prozent haben wir hier den höchsten Automatisierungsgrad
in der Branche“, sagt Zeng mit Blick auf die über 700 Roboter, die das Puzzle
aus Stahl und Aluminium zu einem Auto zusammenfügen. Dabei nutzen die vom
Punkschweißen über das Nieten bis hin zu knapp 100 Metern Klebenähten zehn
unterschiedliche Fügetechniken und schaffen so fast 2.500 Verbindungstellen.
Das Verfahren ist mit einer Toleranz von 0,05 Millimetern so präzise, dass
sich Xiaomi mit der schmalsten Karosseriefuge in der gesamten
Branche rühmt – und das an 207 Checkpoints pro Karosse Auto pro Auto immer
wieder überprüft. Natürlich automatisch.
Aber nicht die
Rohbaufertigung selbst ist hoch automatisiert – auch mit dem Materialfluss
haben die Menschen hier nichts zu tun. Stattdessen navigieren knapp 200
autonome Transportroboter mit Laser, Radar und KI-Algorithmen durch die Hallen,
passen ihre Routen flexibel an den Produktionsfluss an und kommen ganz ohne
klassische Leitlinien am Boden aus.
Anzeige
Auch in der
Lackiererei überlässt Xiaomi nichts dem Zufall – und kaum noch dem
Menschen: Roboter tragen den Lack in einem sogenannten „3C2B“-Verfahren auf,
also drei Schichten mit zwei Einbrennprozessen. Mit einer durchschnittlichen
Schichtdicke von 120 Mikrometern und zwei zusätzlichen Arbeitsschritten
gegenüber herkömmlichen Verfahren steigt die Oberflächengüte laut Hersteller um
rund acht Prozent. Der eigentliche
Vorteil der vollautomatisierten Lackierung liegt jedoch in ihrer Flexibilität:
Dank eines „Quick Color Change Systems“ lässt sich die Farbe in etwa 40 Minuten
wechseln. So kann Xiaomi den SU7 in gleich neun verschiedenen
Lackierungen anbieten – deutlich mehr als die in westlichen Märkten üblichen
rund sechs Farben pro Modell.
Egal ob Batterieproduktion,
die Hochzeit von Akku und Karosserie in nur 30 Sekunden oder die Endmontage mit
neun Main- und sechs Sub-Stations – überall geben die Roboter den Takt vor und
der Mensch ist allenfalls Zaungast in Yizhuang.
Solarstrom senkt hohen
Energieverbrauch
Anzeige
Zwar treibt der
hohe Grad an Automatisierung auch Energieverbrauch in die Höhe und ist damit
schlecht für den CO2-Fußabdruck. Doch weil Xiaomi als Spätstarter im
Autogeschäft von Grund auf neu planen konnte, haben die Chinesen ihre
Umweltziele bereits von Beginn an berücksichtigt. Damit sie bis 2040
tatsächlich klimaneutral sein können, produziert die Fabrik zum Beispiel 16,4
Millionen Kilowattstunden Solarstrom im Jahr. Das spart fast 10.000 Tonnen CO2,
so viel wie eine halbe Million Bäume. Von den branchenüblichen
Emissionsstandards in der Lackiererei oder der Wasseraufbereitung ganz zu
schweigen.
Zwei Jahre nach der Premiere des SU7 ist der Hype um Xiaomi in der Heimat
zwar ein wenig abgekühlt, die langen Lieferfristen sind Geschichte und der Erstling
bekommt in diesem Frühjahr bereits ein vorsichtiges Facelift. Doch die Plätze
für die Werksführungen sind noch immer über Wochen ausgebucht und bald können
sie sich beim Besucherservice auf noch mehr internationale Gäste einstellen,
die bei der Stippvisite in Peking neben der Verbotenen Stadt auch das Werk
sehen wollen. Denn 2027 soll bei Xiaomi auch in Europa der Verkauf
beginnen.