Produktion des ID.Unyx 08
In Hefei schöpft VW neue Hoffnungen fürs China-Geschäft
In kaum mehr als fünf Jahren ist das Werk in Hefei für VW zum Dreh- und Angelpunkt für das ersehnte Comeback in China geworden. Schon jetzt läuft dort mit dem ID.Unyx 08 ein Schlüsselmodell vom Band.
In Hefei läuft seit kurzem der mit Xpeng entwickelte ID.Unyx 08 vom Band.
Volkswagen
Wenn in der
PS-Branche vom Panda die Rede ist, dann denkt jeder an Fiat. Alle, außer Ralf
Brandstätter. Denn er verantwortet im VW-Vorstand den chinesischen Markt und
hat sein eigenes Panda-Projekt: benannt nach „Meng Meng“ aus dem Berliner Zoo, einem Panda, den China den Deutschen als Dank für die gute Zusammenarbeit ausgeliehen hat. Mittlerweile ist der Kuschelbär intern zum Symbol für das Joint Venture mit Xpeng geworden,
das 2023 geschlossen wurde und Brandstätter jetzt den ersten Panda-Nachwuchs beschert. Denn Ende März startete der Vorverkauf des ID. Unyx 08 – von vielen als der fortschrittlichste Stromer im globalen VW-Portfolio bezeichnet – zu einem für europäische Verhältnisse bemerkenswert niedrigen Einstiegspreis von rund 30.000 Euro.
Wo der ID.Unyx 08
in China gebaut wird
Gebaut wird das
fünf Meter lange SUV mit 800-Volt-Akkus von 82 oder 95 kWh für Normreichweiten
von bis zu 730 Kilometern in Hefei in der Provinz Anhui, etwa auf zwei Drittel
des Weges von Peking nach Shanghai. Dahinter steht ein weiteres Joint Venture,
das die Niedersachsen neben der Kooperation mit SAIC im Süden und FAW im Norden
2017 mit JAC geschlossen haben.
„Damals hat man
sich für Hefei als Standort entschieden, weil wir bereits mit JAC
zusammengearbeitet haben, sowie aufgrund der Entwicklung des Standorts mit
einem Fokus auf Elektromobilität, den geografischen Vorteilen und des
wachsenden Talentpools“, sagt Rogerio Pereira, der die
Produktionsplanung im Werk leitet.
Statt aber
einfach unter das Dach der mit nur 25 Prozent beteiligten Chinesen zu
schlüpfen, hat Volkswagen Anhui in nur 18 Monaten eine neue Fabrik mit 510.000
Quadratmetern Hallenfläche und einer Jahreskapazität von aktuell 360.000
Fahrzeugen hochgezogen.
Parallel dazu
haben sie ein Komponentenwerk aus dem Boden gestampft, das auf eine
Jahreskapazität von 150.000 bis 180.000 Akkus ausgelegt ist. Und natürlich
haben sie in zwei großen Parks mehrere Duzend ihrer Zulieferer angesiedelt.
Schließlich will VW so viel wie möglich Local Content in den China-Autos. „Aber
aus China für China gilt hier nicht nur für die Autos, sondern auch für die
Anlagen,“ sagt Pereira. Etwa 90 Prozent der Maschinen und Einrichtungen im Werk
– von den 1200 Robotern allein im Karosseriebau bis zu den automatischen
Flurförderfahrzeugen oder den Schaltschränken – kommen deshalb von heimischen
Herstellern. Oder zumindest von den chinesischen Joint Ventures der westlichen
Branchengrößen.
Neue Wege in der
Produktion
Dabei hätten sie
ein paar Bestmarken aufgestellt und neue Wege beschritten, sagt Pereira stolz:
So hat der Karosseriebau nicht nur die höchste Automatisierungsquote aller
VW-Standorte in China, sondern ist auch der erste, in dem ausnahmslos jeder
Rohbau automatisch an mehreren Stationen vermessen wird. „Natürlich gibt es am
Ende eine manuelle Qualitätskontrolle. Aber so können wir systematische Fehler
schneller finden und abstellen.“
Dass der Bau so
schnell gegangen ist, liegt allerdings nicht alleine an den geschmeidigeren
Prozessen in China, sagt Pereira. „Sondern wir haben natürlich auch von unserer
Erfahrung mit den anderen Joint Ventures im Norden (FAW Volkswagen, Anm.
d. Red.) und Süden (SAIC Volkswagen, Anm. d. Red.) profitiert
und konnten erfahrenes Personal übertragen. Die mussten sich
zwar an eine neue Konstellation gewöhnen, kannten aber zumindest schon die
Arbeitsweise von Volkswagen. Deshalb mussten wir nicht bei Null anfangen.“ Aktuell
arbeiten in Hefei 2.300 Mitarbeiter. Aber VW stellt munter weiter
ein, weil sie hier mit dem Anlauf von drei neuen Modellen in diesem
Jahr noch viel vorhaben.
ID.Unyx 08 mit
Xpeng stellt andere Anforderungen
Das erste Auto,
das hier im Juli 2023 vom Band lief, war der für den Europa-Export bestimmte
Cupra Tavascan, der entsprechend auch auf dem von Europa exportieren MEB
basiert. Ein halbes Jahr später kam dann – ebenfalls mit einer MEB-Architektur
als ID.Unyx 06 das erste China-Modell dazu.
Und jetzt mussten
wir schon wieder umbauen, sagt Pereira. Denn als erstes Modell aus der „Meng-Meng-Familie“
nutzt der ID.Unyx 08 die Sepa 2.0-Plattform des Partners Xpeng, die nicht
einfach so mir nichts dir nichts übers gleiche Band läuft. Erst recht, weil die
Plattformen so unterschiedlich bestückt seien, sagt der Produktionsplaner. Sie
haben nicht nur unterschiedliche Akkus mit unterschiedlichen Kapazitäten vom verschiedenen
Zulieferern. Sondern auch ganz unterschiedliche Hightech-Ausstattungen, die bei
der Montage berücksichtigt werden müssen. Der ID.Unyx 08 zum Beispiel ist für
die fortschrittlichste der in China aktuell zugelassenen Stufen des autonomen Fahrens
gerüstet und hat deshalb nicht nur entsprechende Rechenpower an Bord, sondern
auch elf Kameras und 15 Radare, die schließlich alle installiert und oft auch
kalibriert werden müssen.
Hier wird die
neue CEA-Plattform entworfen
Und selbst wenn
es alsbald noch ein zweites Modell aus der Meng-Meng-Familie geben wird,
sind die Herausforderungen für Pereira damit noch nicht gelöst. Denn mit der „China Electrical Architecture (CEA)“ muss er künftig eine dritte Plattform integrieren, insbesondere wenn er sich mit einem größeren Update vom MEB entfernt und auf chinesische Strukturen setzt.
Diesen Baukasten
haben sie nur einen Steinwurf vom Werk entfernt bestückt. Denn in Hefei bauen
sie nicht nur ein Drittel der neuen Modelle, mit denen VW sein Comeback in
China schaffen will, und haben deshalb reichlich Reserven eingeplant im Werk. Sondern hier ist auch die neue Entwicklungszentrale der Niedersachsen für den
größten Automobilmarkt der Welt.
Dafür haben sie die Volkswagen Group China Technology Company gegründet, die das mit 100.000
Quadratmetern und mehr als 100 Labors und Prüfständen sowie einer eigenen
Teststrecke größte R&D-Center außerhalb Wolfsburgs betreibt. Im Jahr 2024, nach vier Jahren Bauzeit und rund einer Mrd. Euro Investition offiziell
eröffnet, laufen hier die Fäden aller drei Joint Ventures zusammen. Hier
hat VW die China Electric Architecture (CEA), die erste zonale E/E-Architektur
des Konzerns spezifisch für den chinesischen Markt, sowie mit CMP und CSP zwei
elektrifizierte Fahrzeugplattformen entwickelt.
In China schmilzt
VWs Entwicklungszeit
Dabei geht es
nicht nur um darum, mit lokalen Entwicklungen den eigenen Geschmack der
Chinesen besser zu treffen, tiefer ins digitale Ökosystem der Kunden
einzutauchen und eine engere Vernetzung zu bieten. Sondern es geht auch darum, endlich „China Speed“ aufzunehmen, sagt Brandstätter. Und tatsächlich kommt der
Konzern so langsam auf Touren und meldet bei jedem neuen Modell wieder ein paar
Wochen weniger Entwicklungszeit. Von über drei Jahren sind Entwicklungszeiten
schon auf zwei Jahre runter, und es kommt ja noch einiges nach: Über 20 neue
New Energy-Vehicles (NEV) hat Konzernchef Oliver Blume angekündigt, mehr als
die Hälfte davon bei der Kernmarke. Die leeren Hallen links des Haupteingangs
in Hefei werden also wohl nicht mehr lange leer bleiben.
So setzt VW in Hefei
Nachhaltigkeit um
Als das erste VW-Joint-Venture
in China ausschließlich für elektrische Fahrzeuge haben sie in Hefei
natürlich von Anfang an auch auf einen grünen Fußabdruck geachtet, sagt
Produktionsexperte Pereira und schwärmt zum Beispiel von der ersten Lackiererei
von Volkswagen in China, deren Abwasser phosphatfrei ist. Die Fabrik
läuft mit Grünstrom, zudem gibt es ein Smart-Logistik-Projekt, das vernetzt ist
mit einer intelligenten Mobilitätsoffensive der Stadtväter, für das VW drei
elektrische Laster einsetzt, die fast 150.000 Kilometer pro Jahr fahren und
dabei knapp 100 Tonnen CO2 einsparen.
Und sogar die Roboter
helfen im Ringen um Nachhaltigkeit mit und gehen bei Arbeitspausen, Umbauten
oder sonstigen Auszeiten automatisch in einen stromsparenden Ruhemodus.
Ausgerechnet im bienenfleißigen China bekommen so selbst Maschinen ihre wohl
verdiente Mittagspause.
Der VW-Standort in Hefei in Bildern: