Digitaler Produktpass

Gamechanger oder Bürokratiemonster?

Der Digitale Produktpass soll Transparenz, Nachhaltigkeit und Qualität entlang des gesamten Fahrzeuglebenszyklus sichern. Wird der DPP zum Gamechanger für Qualität, Garantie und Remanufacturing oder zum Bürokratiemonster?

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Ab kommenden Jahr soll der EU-weit verpflichtende Batteriepass den gesamten Lebenszyklus der E-Auto-Batterie dokumentieren – von Rohstoffen über Produktion bis Recycling

Der Digitale Produktpass (DPP) gilt als eines der zentralen Instrumente der europäischen Industriepolitik. Er soll Transparenz, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft stärken – und könnte die Spielregeln im Automotive-Aftermarket grundlegend verändern. Doch zwischen Vision und Wirklichkeit klaffen Datenlücken, Integrationskosten und regulatorische Unsicherheiten.

Am weitesten fortgeschritten ist der Batteriepass. Er gilt als Blaupause für weitere Produktgruppen. „Als deutsche Automobilindustrie unterstützen wir die Einführung digitaler Produktpässe, denn sie ermöglichen eine Rückverfolgung von Teilen und Materialien über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg“, betont eine Sprecherin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Der Batteriepass soll Informationen zur Herkunft, zu Ladezyklen, Kapazität und Entsorgung enthalten und damit als „Vorläufer“ für folgende digitale Produktpässe dienen. Allerdings seien für den ab 2027 verpflichtenden Batteriepass noch nicht alle technischen Parameter ausreichend definiert, so der VDA.

Datenlücken in der Lieferkette

Ricky Thiermann, Leiter Produktmanagement bei Spherity und Experte für DPPs, sieht die größten Herausforderungen weniger im Konzept als in der Datenbasis: „Die wesentlichen Informationsbausteine wie Artikelnummern, Stücklisten und Chargenbezüge sind in den Unternehmen zwar vorhanden, jedoch auf heterogene Systeme verteilt.“ Medienbrüche etwa durch Excel-Tabellen oder PDFs verhinderten eine konsistente, automatisierte Befüllung des DPP. Unternehmen müssten zunächst ihre Datenpipelines konsolidieren.

Bei vielen Produkten endet die strukturierte Datenerfassung bisher mit der Herstellung oder dem Verkauf

Ricky Thiermann, Spherity

Noch gravierender sei das Defizit bei Lebenszyklusdaten. „Bei vielen Produkten endet die strukturierte Datenerfassung bisher mit der Herstellung oder dem Verkauf“, bedauert der Experte. Für Reparatur, Garantie oder Remanufacturing seien jedoch historische Informationen zu Wartungen, Teiletausch oder Software-Updates essenziell. Der DPP zwingt Unternehmen damit erstmals, Lebenszyklusdaten systematisch zu erfassen – also dort, wo Garantie- und Rückrufprozesse heute oft an ihre Grenzen stoßen. Einheitliche Identifikatoren und Datenformate existieren bislang nur für einzelne Produktgruppen, etwa im Kontext der Batterien mit der DIN DKE SPEC 99100.

Im Qualitäts- und Rückrufmanagement könnte der DPP seine größte Hebelwirkung entfalten. Thiermann spricht von einer „grundlegenden Veränderung“. Die Nachverfolgung über den gesamten Lebenszyklus werde zum strukturierten Standardprozess. Lieferten alle Beteiligten konsistente, rollenbasierte Produktdaten, könnten Abweichungen schneller eingegrenzt werden. Rückrufe würden weniger umfassend – mit spürbaren Effekten auf Kosten und Reputation.

Auch Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA, sieht einen Paradigmenwechsel. Durch den DPP werde die Rückverfolgbarkeit „auf ein neues Niveau gehoben“. Voraussetzung sei Interoperabilität: Produkt- und Prozessdaten müssten in einheitlichen, maschinenlesbaren Formaten bereitgestellt werden. Standardisierte Datenmodelle (etwa auf Basis von OPC UA und Companion Specifications) ermöglichten einen nahtlosen Informationsfluss zwischen Herstellern, Zulieferern und Maschinen, erklärt Rauen: „Das sorgt für durchgängige Traceability und erlaubt im Rückruffall eine schnelle, präzise Identifikation betroffener Bauteile.“

Alle Infos zum Batteriepass:

Was ist der Batteriepass? Ein digitaler Pass, der umfassende Informationen zu Herkunft, Produktion, Nachhaltigkeit, Zustand und Weiterverwendung von Batterien bereitstellt. Er dokumentiert Daten über THG‑Fußabdruck, Arbeitsbedingungen in der Rohstoffgewinnung, Batteriezustand sowie Reparatur‑ und Recyclingmöglichkeiten.

Warum ist er wichtig? Die Batterie macht ca. 40 % der Wertschöpfung eines Elektroautos aus – umso entscheidender sind Transparenz, Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle Lieferketten. Der Batteriepass unterstützt die EU‑Regulierung, ermöglicht verantwortungsvolle betriebs- und volkswirtschaftliche Nutzung von Batteriedaten und trägt zu UN‑SDGs sowie menschenrechtlichen Leitprinzipien bei.

Welchen Nutzen hat der Batteriepass? 

  • Verbraucher erhalten klare Nachhaltigkeitsinformationen
  • Hersteller nachhaltiger Batterien werden geschützt
  • Daten erleichtern Lebenszeitverlängerung, Restwertbestimmung, Reparatur, Nachnutzung und Recycling
  • Beitrag zum Übergang zu klimafreundlicher Mobilität und geringerer Rohstoffabhängigkeit

Wann kommt der Batteriepass? Ab Februar 2027 soll er für alle neu angeschafften Batterien in Fahrzeugen, stationären Speichern und größeren Industriebatterien verpflichtend sein – unabhängig vom Herkunftsland oder Unternehmenssitz.

Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK)

Qualitätsprobleme früher erkennen

Mit durchgängigen Lebenszyklusdaten entstehen neue Möglichkeiten für Predictive Quality. Werden Produktions-, Nutzungs- und Servicedaten verknüpft, lassen sich Muster früher erkennen. Statt nur auf Ausfälle zu reagieren, könnten OEMs und Zulieferer Schwachstellen proaktiv adressieren. Etwa durch Software-Updates oder gezielte Servicekampagnen.

Besonders deutlich wird das Potenzial am Batteriepass. Laut Thiermann zeigen Ladezyklen, State of Health und historische Verlaufsdaten, wie sich Alterung und Beanspruchung objektiv bewerten lassen: „Die Frage nach der tatsächlichen Nutzung lässt sich jetzt technisch präziser beantworten, was Auswirkungen auf den Markt für Gebrauchtwagen haben wird sowie auf das Recycling von Altautos.“ Garantieentscheidungen könnten perspektivisch stärker automatisiert werden. Für den Aftermarket bedeutet das: weniger Streitfälle, schnellere Entscheidungen, transparentere Prozesse. Heißt: Für Zulieferer steigt der Handlungsdruck. Sie müssen Produkt- und Prozessdaten strukturiert erfassen, harmonisieren und über Schnittstellen bereitstellen, wie Rauen betont.

Interoperabilität wird zur Überlebensfrage

Die ist nicht zum Nulltarif zu haben. „Im Mittelpunkt steht nicht die Einführung einer einzelnen DPP-Software, sondern das Konsolidieren bestehender Datenbestände, das Harmonisieren von Datenmodellen, das Aufbauen von Schnittstellen und das Etablieren stabiler Betriebsprozesse“, betont Thiermann. Die Kosten hingen stark von Ausgangssituation und Reifegrad ab. Unternehmen mit fragmentierten IT-Landschaften müssen erheblich investieren. Initiativen für standardisierte Schnittstellen und Datenräume (etwa im Kontext von Catena-X) könnten Skaleneffekte heben und Integrationsaufwände bündeln. Thiermann versteht den DPP als Infrastrukturprojekt und langfristige Investition. Richtig umgesetzt, könne er Basis digitaler Geschäftsmodelle und neuer Serviceangebote werden – etwa datenbasierter Wartungsverträge oder transparenter Remanufacturing-Programme.

Droht das Bürokratiemonster?

So groß die Potenziale sind, so real sind die Sorgen vor Überregulierung. Rauen warnt davor, dass der DPP zunehmend als universelles Berichterstattungstool für immer neue Regularien genutzt werde. Es bestehe die Gefahr, dass „zu viel auf einmal“ verlangt werde – sowohl hinsichtlich betroffener Sektoren als auch der Datenmenge. Die VDA-Sprecherin verweist auf wachsende Berichts- und Dokumentationspflichten, die insbesondere mittelständische Zulieferer an ihre Grenzen brächten. Zusätzliche Umweltanforderungen könnten nur dann wirken, wenn sie praxisnah und verhältnismäßig ausgestaltet seien. Doppelregulierungen müssten vermieden, Übergangsfristen realistisch bemessen werden. Zudem müssten DPP-Vorgaben mit bestehenden Regelwerken abgestimmt und DSGVO-konform umgesetzt werden.

Ein möglicher Ausweg liegt laut Rauen in echter Interoperabilität. Wenn Datenanforderungen über harmonisierte Standards bereitgestellt werden, sinke der Aufwand erheblich. Tier-2- und Tier-3-Zulieferer müssten Informationen nicht mehrfach in unterschiedlichen Formaten aufbereiten, sondern könnten strukturierte Daten automatisiert an verschiedene Kunden und regulatorische Systeme übermitteln. Interoperabilität wirke damit direkt der Gefahr eines „Bürokratiemonsters“ entgegen.