Der Digitale Produktpass soll Transparenz, Nachhaltigkeit und Qualität entlang des gesamten Fahrzeuglebenszyklus sichern. Wird der DPP zum Gamechanger für Qualität, Garantie und Remanufacturing oder zum Bürokratiemonster?
Chris LöwerChrisLöwer
3 min
Ab kommenden Jahr soll der EU-weit verpflichtende Batteriepass den gesamten Lebenszyklus der E-Auto-Batterie dokumentieren – von Rohstoffen über Produktion bis RecyclingBMW
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Der Digitale
Produktpass (DPP) gilt als eines der zentralen Instrumente der europäischen
Industriepolitik. Er soll Transparenz, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft
stärken – und könnte die Spielregeln im Automotive-Aftermarket grundlegend
verändern. Doch zwischen Vision und Wirklichkeit klaffen Datenlücken,
Integrationskosten und regulatorische Unsicherheiten.
Am weitesten
fortgeschritten ist der Batteriepass. Er gilt als Blaupause für weitere
Produktgruppen. „Als deutsche Automobilindustrie unterstützen wir die
Einführung digitaler Produktpässe, denn sie ermöglichen eine Rückverfolgung von
Teilen und Materialien über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg“, betont
eine Sprecherin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Der Batteriepass
soll Informationen zur Herkunft, zu Ladezyklen, Kapazität und Entsorgung
enthalten und damit als „Vorläufer“ für folgende digitale Produktpässe dienen.
Allerdings seien für den ab 2027 verpflichtenden Batteriepass noch nicht alle
technischen Parameter ausreichend definiert, so der VDA.
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Datenlücken in
der Lieferkette
Ricky Thiermann,
Leiter Produktmanagement bei Spherity und Experte für DPPs, sieht die größten
Herausforderungen weniger im Konzept als in der Datenbasis: „Die wesentlichen
Informationsbausteine wie Artikelnummern, Stücklisten und Chargenbezüge sind in
den Unternehmen zwar vorhanden, jedoch auf heterogene Systeme verteilt.“
Medienbrüche etwa durch Excel-Tabellen oder PDFs verhinderten eine konsistente,
automatisierte Befüllung des DPP. Unternehmen müssten zunächst ihre
Datenpipelines konsolidieren.
Bei vielen Produkten endet die strukturierte Datenerfassung bisher mit der Herstellung oder dem Verkauf
Ricky Thiermann, Spherity
Noch gravierender
sei das Defizit bei Lebenszyklusdaten. „Bei vielen Produkten endet die
strukturierte Datenerfassung bisher mit der Herstellung oder dem Verkauf“,
bedauert der Experte. Für Reparatur, Garantie oder Remanufacturing seien jedoch
historische Informationen zu Wartungen, Teiletausch oder Software-Updates
essenziell. Der DPP zwingt Unternehmen damit erstmals, Lebenszyklusdaten
systematisch zu erfassen – also dort, wo Garantie- und Rückrufprozesse heute
oft an ihre Grenzen stoßen. Einheitliche Identifikatoren und Datenformate
existieren bislang nur für einzelne Produktgruppen, etwa im Kontext der
Batterien mit der DIN DKE SPEC 99100.
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Im Qualitäts- und
Rückrufmanagement könnte der DPP seine größte Hebelwirkung entfalten. Thiermann
spricht von einer „grundlegenden Veränderung“. Die Nachverfolgung über den
gesamten Lebenszyklus werde zum strukturierten Standardprozess. Lieferten alle
Beteiligten konsistente, rollenbasierte Produktdaten, könnten Abweichungen
schneller eingegrenzt werden. Rückrufe würden weniger umfassend – mit spürbaren
Effekten auf Kosten und Reputation.
Auch Hartmut
Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA, sieht einen
Paradigmenwechsel. Durch den DPP werde die Rückverfolgbarkeit „auf ein neues
Niveau gehoben“. Voraussetzung sei Interoperabilität: Produkt- und Prozessdaten
müssten in einheitlichen, maschinenlesbaren Formaten bereitgestellt werden.
Standardisierte Datenmodelle (etwa auf Basis von OPC UA und Companion
Specifications) ermöglichten einen nahtlosen Informationsfluss zwischen
Herstellern, Zulieferern und Maschinen, erklärt Rauen: „Das sorgt für
durchgängige Traceability und erlaubt im Rückruffall eine schnelle, präzise
Identifikation betroffener Bauteile.“
Alle Infos zum Batteriepass:
Was ist der Batteriepass?
Ein digitaler Pass, der umfassende Informationen zu Herkunft, Produktion, Nachhaltigkeit, Zustand und Weiterverwendung von Batterien bereitstellt. Er dokumentiert Daten über THG‑Fußabdruck, Arbeitsbedingungen in der Rohstoffgewinnung, Batteriezustand sowie Reparatur‑ und Recyclingmöglichkeiten.
Warum ist er wichtig?
Die Batterie macht ca. 40 % der Wertschöpfung eines Elektroautos aus – umso entscheidender sind Transparenz, Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle Lieferketten. Der Batteriepass unterstützt die EU‑Regulierung, ermöglicht verantwortungsvolle betriebs- und volkswirtschaftliche Nutzung von Batteriedaten und trägt zu UN‑SDGs sowie menschenrechtlichen Leitprinzipien bei.
Hersteller nachhaltiger Batterien werden geschützt
Daten erleichtern Lebenszeitverlängerung, Restwertbestimmung, Reparatur, Nachnutzung und Recycling
Beitrag zum Übergang zu klimafreundlicher Mobilität und geringerer Rohstoffabhängigkeit
Wann kommt der Batteriepass?
Ab Februar 2027 soll er für alle neu angeschafften Batterien in Fahrzeugen, stationären Speichern und größeren Industriebatterien verpflichtend sein – unabhängig vom Herkunftsland oder Unternehmenssitz.
Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK)
Qualitätsprobleme
früher erkennen
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Mit durchgängigen
Lebenszyklusdaten entstehen neue Möglichkeiten für Predictive Quality. Werden
Produktions-, Nutzungs- und Servicedaten verknüpft, lassen sich Muster früher
erkennen. Statt nur auf Ausfälle zu reagieren, könnten OEMs und Zulieferer
Schwachstellen proaktiv adressieren. Etwa durch Software-Updates oder gezielte
Servicekampagnen.
Besonders
deutlich wird das Potenzial am Batteriepass. Laut Thiermann zeigen Ladezyklen,
State of Health und historische Verlaufsdaten, wie sich Alterung und
Beanspruchung objektiv bewerten lassen: „Die Frage nach der tatsächlichen
Nutzung lässt sich jetzt technisch präziser beantworten, was Auswirkungen auf
den Markt für Gebrauchtwagen haben wird sowie auf das Recycling von Altautos.“ Garantieentscheidungen
könnten perspektivisch stärker automatisiert werden. Für den Aftermarket
bedeutet das: weniger Streitfälle, schnellere Entscheidungen, transparentere
Prozesse. Heißt: Für Zulieferer steigt der Handlungsdruck. Sie müssen Produkt-
und Prozessdaten strukturiert erfassen, harmonisieren und über Schnittstellen
bereitstellen, wie Rauen betont.
Interoperabilität
wird zur Überlebensfrage
Die ist nicht zum
Nulltarif zu haben. „Im Mittelpunkt steht nicht die Einführung einer einzelnen
DPP-Software, sondern das Konsolidieren bestehender Datenbestände, das
Harmonisieren von Datenmodellen, das Aufbauen von Schnittstellen und das
Etablieren stabiler Betriebsprozesse“, betont Thiermann. Die Kosten hingen
stark von Ausgangssituation und Reifegrad ab. Unternehmen mit fragmentierten
IT-Landschaften müssen erheblich investieren. Initiativen für standardisierte
Schnittstellen und Datenräume (etwa im Kontext von Catena-X) könnten Skaleneffekte
heben und Integrationsaufwände bündeln. Thiermann versteht den DPP als
Infrastrukturprojekt und langfristige Investition. Richtig umgesetzt, könne er
Basis digitaler Geschäftsmodelle und neuer Serviceangebote werden – etwa
datenbasierter Wartungsverträge oder transparenter Remanufacturing-Programme.
So groß die
Potenziale sind, so real sind die Sorgen vor Überregulierung. Rauen warnt
davor, dass der DPP zunehmend als universelles Berichterstattungstool für immer
neue Regularien genutzt werde. Es bestehe die Gefahr, dass „zu viel auf einmal“
verlangt werde – sowohl hinsichtlich betroffener Sektoren als auch der
Datenmenge. Die VDA-Sprecherin verweist auf wachsende Berichts- und
Dokumentationspflichten, die insbesondere mittelständische Zulieferer an ihre
Grenzen brächten. Zusätzliche Umweltanforderungen könnten nur dann wirken, wenn
sie praxisnah und verhältnismäßig ausgestaltet seien. Doppelregulierungen
müssten vermieden, Übergangsfristen realistisch bemessen werden. Zudem müssten
DPP-Vorgaben mit bestehenden Regelwerken abgestimmt und DSGVO-konform umgesetzt
werden.
Ein möglicher
Ausweg liegt laut Rauen in echter Interoperabilität. Wenn Datenanforderungen
über harmonisierte Standards bereitgestellt werden, sinke der Aufwand
erheblich. Tier-2- und Tier-3-Zulieferer müssten Informationen nicht mehrfach
in unterschiedlichen Formaten aufbereiten, sondern könnten strukturierte Daten
automatisiert an verschiedene Kunden und regulatorische Systeme übermitteln.
Interoperabilität wirke damit direkt der Gefahr eines „Bürokratiemonsters“
entgegen.