Die Kollision von territorialem Anspruch und Handelspolitik erreichte am 17. Januar eine neue Eskalationsstufe, als Präsident Donald Trump Zölle in Höhe von zehn Prozent auf Waren aus acht europäischen Ländern ankündigte – „bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Deal über den vollständigen und totalen Kauf Grönlands erreicht ist“. Bis zum 1. Juni sollen die Zollsätze auf 25 Prozent steigen. Betroffen sind Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, Deutschland, das Vereinigte Königreich, die Niederlande und Finnland – allesamt NATO-Verbündete, die kleine militärische Kontingente für arktische Trainingsübungen nach Grönland entsandt haben.
Für europäische Automobilhersteller, die bereits mit erheblichen Handelshemmnissen umgehen müssen, markiert Trumps jüngster Schritt eine grundlegende Verschiebung in der Verknüpfung von Handelspolitik und geopolitischen Zielen. Die möglichen Auswirkungen auf die Fahrzeugproduktion sind erheblich. Die Ankündigung erfolgte trotz eines im Juli 2025 erzielten Handelsrahmens, der Zölle von 15 Prozent auf die meisten europäischen Automobilprodukte vorsah – ein Abkommen, das die europäischen Gesetzgeber bislang nicht ratifiziert haben und dessen Zustimmung nun als unwahrscheinlich gilt.
Besonders verwundbar zeigt sich die Automobilproduktion. Europas große Hersteller verfügen über umfangreiche Exportaktivitäten in die USA und steuern zugleich komplexe, grenzüberschreitende Lieferketten. Die angedrohten Zölle würden sich auf bestehende Abgaben aufschlagen und die Kosten weiter erhöhen – zu einem Zeitpunkt, an dem die Branche mit einer nachlassenden Nachfrage nach Elektrofahrzeugen, wachsender Konkurrenz aus China und hohen Transformationsinvestitionen ringt.
„[Diese Situation ist] ein Test westlicher Werte … Wir entscheiden uns für Partnerschaft und Zusammenarbeit. Wir entscheiden uns für unsere Unternehmen. Wir entscheiden uns für unsere Menschen“,
Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission
Trump begründet sein Vorgehen mit nationalen Sicherheitsbedenken. „China und Russland wollen Grönland, und Dänemark kann dagegen nichts tun“, schrieb er auf der Plattform Truth Social und bezeichnete die europäischen Militärpräsenz auf dem Territorium als „eine sehr gefährliche Situation für die Sicherheit und das Überleben unseres Planeten“. Europäische Spitzenpolitiker wiesen diese Darstellung entschieden zurück. Acht Staaten bekräftigten in einer gemeinsamen Erklärung ihr Bekenntnis zur NATO und betonten zugleich, ihre Einsätze in Grönland stellten „keine Bedrohung für irgendjemanden“ dar.
Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen zeigte sich überrascht von der Zollankündigung und verwies darauf, dass ihr „ein konstruktives Treffen“ mit US-Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio vorausgegangen sei. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ordnete die Auseinandersetzung als „Test westlicher Werte“ ein.
Fertigungsstandorte unter Druck, Aktienkurse im Sinkflug
Die Märkte fällten ein schnelles Urteil über die möglichen Folgen der Zollandrohungen für die Automobilproduktion. Die Aktien europäischer Hersteller gerieten am Montagmorgen deutlich unter Druck, besonders stark traf es die drei großen deutschen Autobauer. Die Aktie der Mercedes-Benz Group verlor in Frankfurt zeitweise bis zu 6,7 Prozent, BMW gab um sieben Prozent nach, Volkswagen um 5,4 Prozent. Auch der branchenweite Index Stoxx Automobiles and Parts notierte rund zwei Prozent im Minus.
In Mailand fielen die Aktien von Stellantis, zu dessen Markenportfolio unter anderem Jeep, Dodge, Fiat, Chrysler und Peugeot gehören, um 2,1 Prozent. Ferrari verlor rund zwei Prozent. Die Reaktionen spiegeln die Einschätzung vieler Investoren wider, dass die Automobilindustrie besonders anfällig für Zölle ist – nicht zuletzt wegen hochgradig globalisierter Lieferketten und der starken Abhängigkeit von Produktionsnetzwerken in Nordamerika.
Rob Brewis, Director und Investment Manager bei Aubrey Capital Management, verwies darauf, dass Zölle nach ihrer ersten Ankündigung im April 2025 zwar erhebliche Verwerfungen ausgelöst hätten, ihre Wirkung mit der Zeit und wiederholter Anwendung jedoch nachlasse. Gleichwohl räumte er ein, dass die Automobilbranche weiterhin zu den am stärksten exponierten Sektoren gegenüber Trumps jüngsten Drohungen zählt.
Die aktuelle Marktvolatilität verschärft ohnehin angespannte Rahmenbedingungen für europäische Hersteller. Volkswagen, BMW und Mercedes haben in den vergangenen Tagen jeweils zwischen sechs und acht Prozent an Börsenwert eingebüßt, während die Unsicherheit über mögliche Zölle zunahm. Der Rückgang der Marktkapitalisierung erschwert den Zugang zu Kapital – ausgerechnet in einer Phase, in der hohe Investitionen für die Elektrifizierung und die Modernisierung der Produktion erforderlich sind.
Europäische Produktionsstrukturen erneut auf dem Prüfstand
Die Zolldrohungen zwingen Hersteller dazu, über Jahrzehnte optimierte Produktionsstrategien neu zu bewerten. 2023 fertigte die europäische Automobilindustrie 14,8 Millionen Fahrzeuge in 255 Werken und sicherte direkt und indirekt 13,8 Millionen Arbeitsplätze – entsprechend groß ist die wirtschaftliche Fallhöhe.
Besonders exponiert sind deutsche Hersteller mit ihrer starken Präsenz auf dem US-Markt. Mercedes-Benz setzte dort 2024 mehr als 374.000 Fahrzeuge ab, BMW und Mercedes erzielten 2023 rund ein Fünftel beziehungsweise mehr als ein Viertel ihrer Umsätze in den USA. Das BMW-Werk in Spartanburg ist dabei der größte Produktionsstandort des Konzerns weltweit. Der Volkswagen-Konzern steht vor komplexen Abwägungen: Während einzelne Marken in den USA produzieren, wären Porsche und Audi vollständig von Zöllen betroffen – mit entsprechendem Risiko für den weltweit zweitgrößten Autobauer. Stellantis ist anders positioniert. Zwar stammen rund 40 Prozent des Umsatzes aus den USA, zugleich verfügt der Konzern über mehrere US-Marken mit lokaler Produktion. Das dämpft die Zollrisiken, führt jedoch zu sehr unterschiedlichen Belastungen innerhalb des Portfolios.
Vergeltungsmaßnahmen gefährden das transatlantische Produktionsökosystem
Die EU reagierte mit Krisensitzungen auf Trumps Ankündigung. Diskutiert werden zwei Optionen: die Wiederbelebung eines 2025 beschlossenen, zuletzt ausgesetzten Vergeltungszollpakets im Umfang von 93 Milliarden Euro auf US-Waren oder – deutlich schärfer – der Einsatz des Anti-Coercion-Instruments, der sogenannten „handelspolitischen Bazooka“. Letzteres, 2023 verabschiedet und auf wirtschaftlichen Zwang ausgerichtet, würde weit über klassische Zölle hinausgehen und auch Dienstleistungen, Investitionen und Finanzmärkte erfassen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron soll die Aktivierung bereits gefordert haben – ein Schritt mit Eskalationspotenzial weit über die Automobilindustrie hinaus.
Für den 22. Januar haben die europäischen Staats- und Regierungschefs einen außerordentlichen Gipfel anberaumt, um eine gemeinsame Linie abzustimmen. EU-Ratspräsident António Costa erklärte, Europa sei „bereit, sich gegen jede Form von Zwang zu verteidigen“. Zugleich bestehen weiterhin Differenzen über die richtige Strategie: Während einige für ein besonnenes Vorgehen plädieren, um eine Eskalation zu vermeiden, halten andere entschlossene Gegenmaßnahmen für das einzige wirksame Mittel, um künftige Drohungen abzuschrecken.
Investitionspläne geraten durch geopolitische Volatilität ins Wanken
Die wohl größte Herausforderung für die Industrie sind weniger die Zölle selbst oder mögliche europäische Gegenmaßnahmen als vielmehr die massive Unsicherheit, die beide Faktoren in die langfristige Planung bringen. Die Automobilproduktion arbeitet mit langen Entwicklungszyklen; grundlegende Plattformentscheidungen erstrecken sich in der Regel über fünf bis sieben Jahre. Entsprechend erfordern hohe Kapitalinvestitionen verlässliche und stabile politische Rahmenbedingungen. Steven Durlauf, Professor an der Harris School of Public Policy der University of Chicago, erklärte, Trumps Vorgehen markiere „de facto das Ende der Glaubwürdigkeit amerikanischer Zusagen. Das wird negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben.“ Für Hersteller erschwert dieser Vertrauensverlust jede größere Investitionsentscheidung erheblich.
Dabei sieht sich die europäische Automobilproduktion ohnehin mit erheblichen Gegenwinden konfrontiert. Nach Analysen von McKinsey erfordert der Übergang zur Elektromobilität Investitionen von schätzungsweise 200 bis 300 Milliarden Euro bis 2035, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu sichern. Hinzu kommen verschärfte Emissions- und Nachhaltigkeitsvorgaben sowie der Wettbewerb mit Herstellern in Märkten mit größerem regulatorischem Spielraum. Das ab 2035 geltende EU-Verbot für den Verkauf neuer Benzin- und Dieselfahrzeuge zwingt eine Branche, die typischerweise in Dekaden plant, zu einem tiefgreifenden Strukturwandel.
Deutsche Hersteller besonders stark betroffen
Die deutsche Automobilindustrie steht exemplarisch für die Herausforderungen europäischer Hersteller insgesamt. Neben drei Premiumherstellern beherbergt Deutschland mit dem Volkswagen-Konzern auch einen der größten Volumenanbieter der Welt. Gemeinsam haben diese Unternehmen massiv in Produktionsstandorte in den USA investiert und zugleich komplexe transatlantische Liefernetzwerke aufgebaut. Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), bezeichnete die Zölle als protektionistische Maßnahme, die „weltweit negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben“ und „Arbeitsplätze gefährden“ werde. Nach Einschätzung des VDA führen Zölle vor allem in den USA zu höheren Preisen und damit zu sinkender Nachfrage – mit Folgen für komplette Produktions- und Lieferketten, auch in Europa.
Automobilhersteller Mercedes-Benz, der seit 1888 in den Vereinigten Staaten aktiv ist und dort direkt und indirekt 163.000 Menschen an 24 Standorten in 13 Bundesstaaten beschäftigt, steht vor schwierigen Abwägungen zwischen Kostenübernahme und Preiserhöhungen. Der OEM hatte angekündigt, Zölle von 25 Prozent auf Modelle des Jahrgangs 2025 vorübergehend selbst zu tragen, dauerhaft hohe Sätze wären jedoch nicht tragfähig.
Auch BMW ist trotz seines Werks in Spartanburg erheblich exponiert. Der Autobauer hatte bereits darauf hingewiesen, dass Zölle das Ergebnis 2026 um bis zu 1,1 Milliarden US-Dollar belasten könnten. Vorstandschef Oliver Zipse forderte die Europäische Union auf, das im Juli erzielte Handelsabkommen mit den USA zügig zu ratifizieren. Verzögerungen führten dazu, dass Hersteller erhebliche Zusatzkosten tragen müssten, während sie gleichzeitig mit 31-prozentigen Zöllen auf in China produzierte und in die EU importierte Elektrofahrzeuge konfrontiert seien.
Der Volkswagen-Konzern brachte die branchenweite Problematik in einer Stellungnahme auf den Punkt: „US-Zölle und mögliche Gegenmaßnahmen werden negative Folgen für Wachstum und Wohlstand in den USA und anderen Wirtschaftsregionen haben. Die gesamte Automobilindustrie, globale Lieferketten sowie Unternehmen und Kunden werden diese negativen Konsequenzen tragen müssen.“