Ganzheitlicher Wandel

Wie Oliver Blume Volkswagen umkrempelt

Mit dem Wechsel an der Spitze des VW-Konzerns zu Oliver Blume begann im September 2022 der große Strategieumbruch beim Wolfsburger Autobauer. Vier Jahre später rüttelt der Manager an den Grundfesten der Unternehmenskultur.

Oliver Blume
Oliver Blume treibt den Umbau des Volkswagen-Konzerns weiter voran. Der aktuelle Zukunftsplan sieht deutliche Einschnitte bei Kosten, Strukturen und Produktionskapazitäten vor.

Seit Oliver Blume im September 2022 die Führung des Volkswagen-Konzerns übernommen hat, baut er Europas größten Automobilhersteller Schritt für Schritt um. Anfangs standen Software, Plattformen, neue Führungsstrukturen und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Marken im Mittelpunkt. Inzwischen hat sich der Schwerpunkt deutlich verschoben. Volkswagen muss Kosten senken, Produktionskapazitäten anpassen und seine Organisation vereinfachen. Mit dem nun vom Aufsichtsrat gebilligten Zukunftsplan 2030 erreicht der Konzernumbau eine neue Stufe.

Der Aufsichtsrat stellte sich Anfang September 2026 einstimmig hinter weite Teile des Sanierungskonzepts des Vorstandes um Oliver Blume. Volkswagen bezeichnet den Zukunftsplan 2030 als das strategisch tiefgreifendste Transformationsprogramm der Unternehmensgeschichte. Vorgesehen sind ein weiterer Personalabbau, eine deutlich kleinere Modellpalette, weniger Beteiligungen und schlankere Führungsstrukturen. Für mehrere deutsche Werke bleibt die langfristige Perspektive offen. Damit hat sich der Charakter von Blumes Transformation grundlegend verändert. In seinen ersten Jahren versuchte der Manager vor allem, Entscheidungswege zu verkürzen und strategische Großprojekte neu zu ordnen. Heute geht es stärker um die Frage, wie groß Volkswagen künftig sein kann und welche Strukturen sich der Konzern angesichts schwächerer Märkte und steigenden Wettbewerbsdrucks noch leisten will.

Blumes Konzernumbau wird zum Sanierungsprogramm

Als Blume am 1. September 2022 den Vorstandsvorsitz übernahm, kündigte er zügige Veränderungen an. Bereits an seinem ersten Arbeitstag ordnete er Verantwortlichkeiten im Konzernvorstand neu. Es folgten Eingriffe in Design, Qualität, Software und die langfristige Plattformstrategie. Der damalige Zehn-Punkte-Plan sollte Volkswagen schneller und effizienter machen.

Vier Jahre später steht der Konzern vor deutlich härteren Entscheidungen. Auf der Hauptversammlung im Juni 2026 stellte Blume einen Zukunftsplan mit Einsparungen von jährlich mehr als sechs Milliarden Euro vor. Dazu sollen Produktionskapazitäten sinken, Strukturen vereinfacht und rund 50.000 Stellen abgebaut werden. Die Gruppe will ihre Fertigung stärker an der tatsächlichen Nachfrage ausrichten.

Die Planungen gehen allerdings inzwischen sogar darüber hinaus. Im Juli legte der Vorstand einen Zukunftsplan mit zwölf Initiativen und einem Zielbild für 2030 vor. Volkswagen will seine Modellpalette deutlich verkleinern. Die Variantenvielfalt soll ebenfalls stark sinken. Gleichzeitig überprüft der Automobilhersteller technische Parallelentwicklungen und will elektronische Architekturen, Fahrzeugplattformen und Software stärker vereinheitlichen.

Blume hält dabei grundsätzlich am Technologiewandel fest. Volkswagen will weiter in Elektrofahrzeuge und Software investieren. Gleichzeitig sollen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor wettbewerbsfähig bleiben. Der Vorstand verfolgt damit vorerst einen breiteren Ansatz bei den Antriebstechnologien.

Volkswagen verkleinert sein Produktionsnetzwerk

Einer der größten Eingriffe betrifft die Produktionsstruktur. Vor der Corona-Pandemie war das weltweite Netzwerk nach Unternehmensangaben auf rund zwölf Millionen Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt. Künftig soll sich die Kapazität an etwa neun Millionen Einheiten orientieren. Rund zwei Millionen Einheiten seien bereits aus dem System genommen worden. Weitere Anpassungen sind insbesondere in Europa und China vorgesehen.

Welche Folgen diese Strategie für einzelne deutsche Werke haben könnte, wurde im Verlauf des Jahres zunehmend zum Konfliktthema. Im Frühjahr erklärte Blume, Überkapazitäten seien langfristig nicht tragfähig. Werksschließungen seien jedoch noch nicht beschlossen. Es gebe intelligentere Wege, Kapazitäten anzupassen, als einen Standort zu schließen.

Besonders aufmerksam wird die Entwicklung des Volkswagen-Werks in Emden verfolgt. Der Standort wurde für mehr als eine Milliarde Euro auf Elektromobilität umgestellt und produziert inzwischen ausschließlich Elektrofahrzeuge. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies stellte sich im Frühjahr hinter den Standort.


Anfang September 2026 verschärfte sich die Debatte erneut. Ein internes Konzept des Volkswagen-Vorstandes soll konkrete Endtermine für die Fahrzeugproduktion in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm enthalten. Dem Bericht zufolge könnte die Fertigung in Emden und Zwickau 2031 auslaufen. Hannover würde 2032 folgen, Neckarsulm 2034. Volkswagen hatte diese Planungen zu diesem Zeitpunkt nicht als endgültige Werksschließungen bestätigt.

Der inzwischen verabschiedete Zukunftsplan lässt die langfristige Zukunft dieser vier Standorte weiterhin offen. Volkswagen spricht von fehlender wettbewerbsfähiger Folgebelegung ab den Jahren 2031 bis 2034. Für die betroffenen Werke sollen alternative Nutzungsmöglichkeiten geprüft werden. Bis Ende Juni 2027 soll ein Konzept für eine nachhaltige und wettbewerbsfähige europäische Produktionsstruktur entstehen.

geplante produktionsausläufe im vw-konzern
Für vier deutsche Standorte des Volkswagen-Konzerns stehen konkrete Termine für ein mögliches Ende der Fahrzeugproduktion im Raum: Emden und Zwickau 2031, Hannover 2032 und das Audi-Werk Neckarsulm 2034. Eine Schließung der Werke zu diesen Zeitpunkten ist damit jedoch nicht beschlossen.

Stellenabbau wird zum Konflikt mit dem Betriebsrat

Der Umbau betrifft zunehmend auch die Beschäftigung. Bereits vereinbart ist ein Abbau von rund 50.000 Stellen im Konzern bis 2030. Allein bei der Volkswagen AG sollen 35.000 Arbeitsplätze entfallen. Der Autobauer setzt dabei bislang weitgehend auf sozialverträgliche Instrumente.

Im August spitzte sich die Diskussion über weitere Einschnitte zu. Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo warnte vor deutlich größeren Folgen. Unter Einbeziehung bereits vereinbarter Maßnahmen, zusätzlicher Sparvorhaben und möglicher Auswirkungen auf mehrere Werke errechnete der Betriebsrat ein Risiko für bis zu 115.000 Arbeitsplätze in Deutschland. Diese Zahl ist keine offizielle Planung des Unternehmens. Sie entspricht einer Rechnung der Arbeitnehmervertretung. Der Konflikt zeigt jedoch, wie stark sich der Schwerpunkt von Blumes Umbau verändert hat. In seinen ersten Jahren konzentrierte sich die Diskussion hauptsächlich auf Strukturen und technische Projekte. Mittlerweile stehen Standortentscheidungen und Beschäftigung im Zentrum. Mit der Zustimmung des Aufsichtsrats zum Zukunftsplan 2030 hat sich die Situation zumindest teilweise entspannt. Arbeitnehmervertreter betonten, dass keine Werksschließung beschlossen sei. Gleichzeitig bleibt die Forderung bestehen, konkrete Perspektiven für die betroffenen Standorte zu entwickeln.

Weniger Modelle und weniger Komplexität

Blumes Strategie richtet sich nicht ausschließlich auf Personal und Produktionsstandorte. Einen wesentlichen Beitrag zur Kostensenkung soll eine deutlich kleinere Produktpalette leisten. Bis 2035 soll die Modellpalette des Volkswagen-Konzerns um rund 50 Prozent schrumpfen. Die Angebotskomplexität will die Gruppe sogar um rund 75 Prozent reduzieren. Aus Sicht des Managements sollen Entwicklungsressourcen dadurch stärker auf wirtschaftlich und strategisch relevante Fahrzeugprojekte konzentriert werden. Weniger Varianten könnten zudem die Fertigung vereinfachen und größere Stückzahlen je Modell ermöglichen.

Auch das Beteiligungsportfolio steht zur Überprüfung. Geschäfte und Beteiligungen sollen stärker danach bewertet werden, welchen strategischen und wirtschaftlichen Beitrag sie zum Kerngeschäft leisten. Nach dem aktuellen Sanierungsplan soll das Portfolio um rund ein Drittel schrumpfen. Damit setzt Blume einen Ansatz fort, den er bereits zu Beginn seiner Amtszeit verfolgt hatte. Damals überprüfte Volkswagen große Investitionsprojekte auf ihre Tragfähigkeit. Das prominenteste Beispiel war Trinity. Die ursprünglich geplante neue Fabrik in Wolfsburg-Warmenau wurde aufgegeben. Das Fahrzeugprojekt selbst wurde später auf die frühen 2030er Jahre verschoben.

Cariad und Software bleiben Teil der Transformation

Zu Blumes frühesten Baustellen gehörte die Softwaretochter Cariad. Entwicklungsverzögerungen hatten mehrere Fahrzeugprojekte bei Porsche und Audi belastet. 2023 wechselte Volkswagen deshalb fast den gesamten Cariad-Vorstand aus. Die Tochter sollte schlanker werden und sich stärker als interner Softwarelieferant der Konzernmarken positionieren. Parallel öffnete Blume die Softwarestrategie stärker für externe Partnerschaften. Das Joint Venture mit Rivian soll Volkswagen Zugang zu einer modernen Elektronikarchitektur und Softwareplattform verschaffen. Damit verlagerte der Konzern einen Teil seiner Strategie von einer weitgehend eigenständigen Entwicklung hin zu Kooperationen. Auch beim aktuellen Konzernumbau bleibt Software ein Kernthema. Allerdings steht sie inzwischen stärker unter Effizienzgesichtspunkten. Technische Parallelstrukturen bei Software, Plattformen und Elektronikarchitekturen sollen reduziert werden. Technologien sollen stärker über Marken und Regionen hinweg genutzt werden.


Blume konzentriert sich vollständig auf Volkswagen

Eine weitere Veränderung betrifft Blumes eigene Rolle. Seit seinem Amtsantritt als Volkswagen-Chef im September 2022 führte er gleichzeitig die Porsche AG. Diese Doppelrolle war insbesondere bei Investoren wiederholt auf Kritik gestoßen. 2025 kündigte Porsche angesichts einer schwierigen Geschäftsentwicklung ein weiteres Sparprogramm an. Schwächere Geschäfte in China, Handelskonflikte und Herausforderungen beim Hochlauf der Elektromobilität erhöhten den wirtschaftlichen Druck auf den Sportwagenhersteller.

Später wurde bekannt, dass Blume den Vorstandsvorsitz bei Porsche abgeben soll. Mit Michael Leiters wurde ein Manager ausgewählt, der bereits zuvor Führungspositionen in der Sportwagenbranche innehatte. Über den Führungswechsel an der Porsche-Spitze hatte Automobil Produktion bereits berichtet. Blume kann sich damit stärker auf den Umbau des Volkswagen-Konzerns konzentrieren. Der Handlungsdruck in Wolfsburg ist erheblich. Der Konzern kämpft unter anderem mit schwächeren Geschäften in China und Nordamerika, zusätzlichen Handelsbarrieren und einer niedrigen Profitabilität. Im ersten Quartal 2026 lag die operative Umsatzrendite bei 3,3 Prozent. Mit dem Zukunftsplan strebt Volkswagen für 2030 wieder eine Rendite zwischen acht und zehn Prozent an.

Blume fordert stärkere Industriepolitik in Europa

Parallel zum internen Umbau tritt Blume verstärkt als industriepolitischer Akteur auf. Gemeinsam mit Stellantis-Chef Antonio Filosa forderte er Anfang 2026 eine stärkere „Made in Europe“-Strategie für die europäische Automobilindustrie. Nach Vorstellung der beiden Konzernchefs sollten Förderprogramme stärker an europäische Wertschöpfung gekoppelt werden. Kriterien könnten unter anderem die Produktion von Fahrzeugen, Antrieben, Batteriezellen und wichtigen elektronischen Komponenten in Europa berücksichtigen. Blume und Filosa verbinden damit die Forderung nach besseren Rahmenbedingungen für Investitionen und Produktion innerhalb der Europäischen Union. Der Vorstoß passt zur wirtschaftlichen Lage des Volkswagen-Konzerns. Während Blume intern Kosten und Kapazitäten senkt, fordert er von der Politik bessere Bedingungen für die europäische Fahrzeugproduktion. Beide Ebenen gehören inzwischen zu seiner Strategie, die Wettbewerbsfähigkeit des Herstellers zu verbessern.


Aus Blumes Transformation wird eine Bewährungsprobe

Blumes erste Jahre an der Volkswagen-Spitze waren von der Neuordnung großer Zukunftsprojekte geprägt. Er veränderte Verantwortlichkeiten, griff bei Cariad durch, überprüfte Trinity und setzte stärker auf Synergien zwischen den Marken. Auch Technologieplattformen, Batterien, China und Nordamerika rückten in den Mittelpunkt seiner Agenda. Der wirtschaftliche Druck nahm anschließend weiter zu. Bereits Anfang 2026 gab es Berichte über ein mögliches zusätzliches milliardenschweres Sparprogramm bei Volkswagen. Wenige Monate später konkretisierte der Vorstand seinen umfassenden Zukunftsplan.

Inzwischen steht der Konzernchef vor einer anderen Aufgabe als zu Beginn seiner Amtszeit. Volkswagen muss seine Kostenbasis erheblich reduzieren und gleichzeitig genügend Mittel für Elektromobilität, Software und neue Fahrzeuge erwirtschaften. Das Produktionsnetzwerk wird kleiner, die Modellpalette soll schrumpfen und Zehntausende Stellen fallen weg. Mit dem Zukunftsplan 2030 hat der Aufsichtsrat Blumes Kurs grundsätzlich bestätigt. Viele der schwierigsten Entscheidungen sind damit jedoch noch nicht getroffen. Für Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm fehlen langfristige Produktionszusagen. Auch der Umfang weiterer Personalanpassungen und die konkrete Ausgestaltung des künftigen Produktportfolios werden Volkswagen weiter beschäftigen.

Nach vier Jahren im Amt lässt sich Blumes Konzernumbau deshalb kaum noch als einzelne Transformationsinitiative beschreiben. Er ist zu einer umfassenden Neuordnung des Volkswagen-Konzerns geworden. Ob sie Volkswagen langfristig wieder wettbewerbsfähiger macht, wird wesentlich davon abhängen, ob es dem Vorstand gelingt, Kostensenkungen mit neuen Produkten, technologischem Fortschritt und tragfähigen Perspektiven für das Produktionsnetzwerk zu verbinden.