Schlüsselmodell des Premium-OEMs

So arbeiten Ingolstadt und Györ beim Bau des Audi Q3 zusammen

Bisher wurde der Q3 nur in Györ gebaut. Nun läuft das kompakte SUV auch im bayerischen Stammwerk vom Band. Audi erhofft sich von der Verbundfertigung Vorteile in verschiedenen Bereichen.

4 min
Q3-Karossen werden in den Waggon geladen, um nach Ingolstadt transportiert zu werden.

Audi braucht neue Impulse. Der Hersteller hat zwar nach eigenen Angaben mehr als 20 neue Modelle in den Jahren 2024 und 2025 auf den Markt gebracht und spricht vom jüngsten Portfolio im Wettbewerb. Doch die Absatzentwicklung zeigt, wie groß der Druck bleibt. Die Marke Audi lieferte 2025 weltweit 1,62 Millionen Fahrzeuge aus. Im Jahr zuvor waren es noch 1,67 Millionen gewesen, 2023 sogar knapp 1,9 Millionen. Die Modelloffensive wirkt damit bislang nur schrittweise. Umso wichtiger wird der neue Q3, der im Kompaktsegment Volumen bringen und zugleich das Produktionsnetzwerk besser auslasten soll.

In dieses Umfeld fällt der Start der Verbundfertigung zwischen Győr und Ingolstadt. Am 8. Juni lief der erste Audi Q3 im Stammwerk Ingolstadt vom Band. Für Audi ist das mehr als ein zusätzlicher Produktionsanlauf. Der Q3 steht für den Versuch, Nachfrage, Kapazitäten und Standortrollen im europäischen Produktionsverbund flexibler zu steuern. Gerade weil der Hersteller in den vergangenen Jahren Marktanteile und Volumen verteidigen musste, kommt dem Modell eine besondere Bedeutung zu.

Q3 beerbet den Q2 in Ingolstadt

Gefertigt wird der Q3 in Ingolstadt auf der Montagelinie 3. Dort entstehen bereits Derivate der Modellfamilie rund um den Audi A3, zuvor wurde dort auch der Audi Q2 produziert. Mit dem Wechsel vom Q2 auf den Q3 bleibt die Linie im kompakten Verbrennersegment verankert. Zugleich wird sie Teil eines komplexeren Produktionsmodells, bei dem Győr und Ingolstadt enger ineinandergreifen als bei früheren Kooperationen.

Die Karosserien des Q3 entstehen zunächst im ungarischen Audi-Werk Győr. Von dort werden sie per Bahn nach Ingolstadt transportiert, wo sie in den weiteren Produktionsprozess eingesteuert, lackiert und montiert werden. Audi erweitert damit die Rolle des Stammwerks: Ingolstadt übernimmt nicht die vollständige Fertigung des Modells, sondern ergänzt die Kapazitäten des ungarischen Standorts bei Lackierung und Montage. Für den Hochlauf des Q3 entsteht so ein Zwei-Standorte-Modell, das, so die Hoffnung, Audi eine höhere Flexibilität verschaffen soll.

Werkleiter Siegfried Schmidtner stellt den Anlauf in einen größeren Zusammenhang. „Der Audi Q3 steht beispielhaft für die Zukunftsfähigkeit und Flexibilität am Standort Ingolstadt“, sagt Schmidtner. Der Start der Fertigung des neuen Modells am Stammsitz sei „das Ergebnis monatelanger Vorbereitung, enger Teamarbeit und eines gelebten Produktionsverbunds zwischen Győr und Ingolstadt“. Bei der Umstellung vom Audi Q2 auf den Q3 habe die Mannschaft in Ingolstadt von ihrem Erfahrungsschatz profitiert. Zugleich habe Audi mit den Vorbereitungen für die Verbundfertigung gezeigt, wie professionell die Belegschaft über Standorte hinweg zusammenarbeite.

Auch bei Audi Hungaria wird der neue Fertigungsverbund als strategisch relevante Kooperation verstanden. „Die Verbundfertigung Q3 ist eine beispielhafte technische, logistische und organisatorische Zusammenarbeit zwischen Győr und Ingolstadt – dank der intensiven Vorbereitung können wir heute flexibel auf die Nachfrage nach dem neuen Modell reagieren“, sagt Michael Breme, Vorsitzender des Vorstands von Audi Hungaria.

30 Waggons fahren täglich hin und her

Der entscheidende Hebel liege dabei in der Logistik. Innerhalb von weniger als einem Jahr haben die Supply-Chain-Teams in Ingolstadt und Győr die notwendigen Abläufe aufgebaut. Mit dem Transport der Q3-Karosserien aus Győr steigt das Transportvolumen auf der Achse nach Angaben des OEM um rund 50 Prozent. Täglich ist ein Ganzzug mit 30 Waggons zwischen den beiden Standorten unterwegs. Der Bahntransport ist dabei als Kreislauf organisiert. Die Karosserien fahren nach Ingolstadt, Leergut geht direkt zurück nach Győr. Dadurch soll ein stabiler und effizienter Ablauf entstehen, der die Montageversorgung absichert und zugleich den CO2-Ausstoß gegenüber alternativen Transportwegen reduziert. Audi vermeidet damit eine rein kapazitätsgetriebene Erzählung und stellt die Verbundfertigung auch als Logistikprojekt dar.

Stephan Sulser, Managing Director DB Cargo Logistics / Automotive, beschreibt die Züge zwischen Ungarn und Oberbayern als Teil des Produktionssystems. „Unsere DB-Cargo-Züge verlängern die Fertigungslinien zwischen den Audi-Werken in Ungarn und Oberbayern“, sagt Sulser. DB Cargo freue sich, „die Verbundproduktion unseres Topkunden Audi mit der Leistungsstärke des europäischen DB-Cargo-Netzwerks zu unterstützen“. Der Satz verdeutlicht, worum es im Kern geht: Die Fabrik endet nicht mehr am Werkstor. Sie wird über Schiene, Behälterkreisläufe und Produktionsplanung standortübergreifend organisiert.

Stammwerk baut auch die PPE-Modelle weiter

Für Ingolstadt ist der Q3-Anlauf zugleich Teil einer Übergangsphase. Das Werk baut mit dem Audi A3 und dem Audi Q3 weiterhin zwei kompakte Verbrennermodelle. Parallel treibt Audi die Elektrifizierung des Stammwerks voran. Nach dem verspäteten Produktionsstart des Audi Q6 e-tron im Jahr 2023 und des Audi A6 e-tron im Jahr 2024 soll im Herbst eine weitere vollelektrische Baureihe in Ingolstadt anlaufen. „Der Audi A2 e-tron ist für Ingolstadt der nächste Meilenstein auf dem Weg in das elektrische Zeitalter. Ich bin stolz, dass dieses Auto an unserem Heimatstandort produziert wird“, sagt Werkleiter Schmidtner.

Gerade diese Parallelität macht die Lage des Standorts deutlich. Ingolstadt muss kurzfristig Volumen mit Verbrennermodellen sichern und gleichzeitig die Transformation zur Elektromobilität vorantreiben. Der Q3 ist deshalb nicht nur ein weiteres Modell auf einer bestehenden Linie. Er ist auch ein Baustein, um Auslastung, Beschäftigung und Produktionskompetenz während der laufenden Transformation zu stabilisieren.

Historische Verbindungen beider Werke

Bereits beim Audi TT arbeiteten beide Standorte eng zusammen. Ab 1998 wurde das TT Coupé, ab 1999 der TT Roadster in Verbundfertigung produziert. Damals kamen die lackierten Karosserien aus Ingolstadt, während die Montage in Győr erfolgte. Nach der Eröffnung des neuen Fahrzeugwerks in Győr im Jahr 2013 wurde der gesamte Produktionsprozess des TT nach Ungarn verlagert.

Auch bei der A3 Limousine sammelten die Standorte Erfahrung in der Zusammenarbeit. Die Serienproduktion startete 2013 zunächst vollständig in Győr. In Phasen der Kapazitätssteuerung gab es zusätzliche Kooperationen mit Ingolstadt, allerdings auf Basis einer getrennten Produktionslogik.

Beim Q3 ist das Betriebsmodell komplexer. Während beim A3 eine separate Fertigungslinie die Bedarfe aus Ingolstadt bediente, versorgt nun dieselbe Produktionslinie zwei Lackierereien und zwei Montagelinien. Das verlangt eine präzisere Planung, weil die Anforderungen beider Standorte in einem gemeinsamen System berücksichtigt werden müssen. Audi spricht deshalb von einem neuen Niveau der standortübergreifenden Zusammenarbeit.

Aus der Vogelperspektive zeigt dieser Produktionsanlauf damit exemplarisch, wie stark sich die Steuerung moderner Fahrzeugwerke verändert. Kapazität entsteht nicht allein durch zusätzliche Linien oder neue Hallen. Sie entsteht durch die Fähigkeit, Standorte, Transporte, Leergutflüsse, Lackierereien und Montagelinien in einem gemeinsamen System zu synchronisieren. Für Audi ist der Q3 dabei ein wichtiges Testfeld. Das Modell soll helfen, die Nachfrage im Kompakt-SUV-Segment zu bedienen, während der Konzern seine Elektrifizierung vorantreibt und nach Jahren rückläufiger Auslieferungen wieder mehr Dynamik in den Markt bringen will.