Wie Renault Speed und Qualität in Einklang bringen will
Renault hat den neuen Elektro-Twingo in ungewöhnlich kurzer Zeit entwickelt. Damit das Tempo nicht auf Kosten der Qualität geht, überwacht der Konzern Werke und Fahrzeuge in Echtzeit.
Hanno BoblenzHannoBoblenzSP-X
3 min
Im slowenischen Novo mesto läuft der Twingo E-Tech Electric vom Band.Renault
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Thierry Charvets Arbeitsplatz sieht nicht aus wie das Büro
eines Topmanagers. Renaults Vorstand für Industrie, Qualität und Lieferkette
braucht keinen repräsentativen Schreibtisch, keine Designmöbel, keine
Familienfotos im Silberrahmen. Ein großer Konferenztisch und mehrere Meter
breite Bildschirme an den Wänden genügen. Der Hauptscreen zeigt eine Weltkarte
mit 20 Renault-Werken, unter jedem Standort fünf kleine Punkte. Grün, Gelb oder
Rot. Mehr braucht es nicht, um zu erkennen, ob es irgendwo hakt.
Eine dieser Fabriken ist Novo mesto. Das slowenische Werk
liegt mehr als 1.000 Kilometer von Paris entfernt, wo Charvet arbeitet. Auf
seinen Bildschirmen ist es trotzdem nur einen Klick entfernt. Dort läuft der
neue Twingo E-Tech Electric vom Band. Und dort will Renault beweisen, dass ein
Auto auch dann zuverlässig in Serie gehen kann, wenn es deutlich schneller auf
die Straße gebracht wird als früher.
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Renault
will „China Speed“ erreichen
Für die Franzosen ist der kleine Stadtflitzer also nicht nur
ein neues Einstiegsmodell, sondern ein Testfall für ein neues
Entwicklungstempo. In rund 21 Monaten wurde das Auto vom fertigen Konzept bis
zur Serienfertigung gebracht, konzipiert in Frankreich, technisch entwickelt
vor allem in China und industrialisiert in Slowenien. Renault nähert sich damit
einem Tempo, das bislang vor allem chinesische Hersteller vorgeben.
Dass der Twingo in Slowenien vom Band läuft, ist kein
Zufall. Das Werk in Novo mesto baut seit fast 20 Jahren alle Twingo-Modelle,
hat mehr als 5,1 Millionen Fahrzeuge für Renault produziert und gilt im Konzern
als Spezialist für kleine Autos und Elektrofahrzeuge. Ab Jahresende sollen dort
auch die auf derselben Plattform aufbauenden Schwestermodelle von Dacia und
Nissan entstehen.
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Die kurze Entwicklungszeit bedeutet allerdings nicht, dass
Renault die Erprobung einfach gekürzt hätte. Vieles, was früher erst am realen
Auto geprüft wurde, läuft heute bereits während der Entwicklung am Rechner.
Simulationen sollen Fehler sichtbar machen, bevor die ersten Teile aus
Serienwerkzeugen kommen. Entscheidend bleibt aber die Straße. Der Twingo habe
die gleichen Testläufe hinter sich wie andere Renault-Modelle, betont Charvet.
Die Entwicklung werde digitaler und schneller, aber sie ende nicht im Computer.
Null-Fehler-Quote ist nicht das Ziel
In rund 21 Monaten wurde das Auto vom fertigen Konzept bis zur Serienfertigung gebracht, konzipiert in Frankreich, technisch entwickelt vor allem in China und industrialisiert in SlowenienRenault
Basis für die schnellere Entwicklung neuer Modelle ist nach
Charvets Überzeugung die Qualitätssicherung. Als er Ende 2021 die Verantwortung
übernahm, sei die Organisation zu stark auf Prozesse, Kennzahlen und Prüfungen
ausgerichtet gewesen, aber zu wenig auf das, was später in den Fabriken und auf
der Straße tatsächlich passiert. Charvet führte neue Abläufe ein, die stärker
auf Daten, Rückverfolgbarkeit und schnelle Reaktion setzen. Sein Credo: Es gibt
keine Null-Fehler-Quote. Entscheidend ist, Probleme früh zu erkennen und
schnell zu handeln.
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Seine Referenz: Toyota. Die japanische Marke gilt seit
Jahrzehnten als Benchmark für robuste Prozesse und verlässliche Qualität.
Charvet verspricht keine fehlerfreien Autos. Im Gegenteil: Null Fehler gebe es
nicht. Entscheidend sei aber, Probleme früher zu erkennen, kleiner zu halten
und schneller aus dem System zu bekommen.
Beim Twingo hat Renault dieses Prinzip erstmals angewendet.
Seit Oktober 2025 waren mehr als 50 Vorserienautos unterwegs, mit über 500
Fahrern und mehr als einer halben Million Kilometern. Dabei suchte Renault
nicht nur nach klassischen Dauerlaufproblemen, sondern nach Alltagsfällen, die
in normalen Prüfprogrammen leicht untergehen: unterschiedliche Smartphones,
Ladezustände, Bediengewohnheiten, kurze Stopps, lange Strecken. Die Zentrale
konnte mitverfolgen, wie die Steuergeräte kommunizieren und wo es im Alltag
Probleme gibt. Gefunden wurden unter anderem Softwareprobleme bei Anzeigen und
ein Problem am Außenspiegelmotor.
Noch deutlicher wird das System, wenn ein Renault nicht mehr
im Werk steht, sondern irgendwo in Europa liegenbleibt. Früher dauerte es nach
Charvets Darstellung bis zu einem Monat, bis der Konzern einen solchen Fall
technisch wirklich einordnen konnte. Heute läuft die Information deutlich
schneller ein. Derzeit noch über Pannen-Hotlines und Abschleppdienste, ab 2027
soll die Meldung over-the-air direkt aus dem Auto kommen. Charvets Ziel: von 30
Tagen auf 30 Sekunden.
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Die Produktion wird engmaschig überwacht.Renault
Dabei wird jeder Vorfall dem Werk zugeordnet, aus dem das
Fahrzeug stammt. Charvet zeigte das am Beispiel Novo mesto. An einem der
betrachteten Tage meldete das System zwei Pannen: Ein ebenfalls in Slowenien
produzierter Clio blieb in Perpignan liegen, ein Twingo in Deutschland. Beim
Twingo deutete die erste Diagnose auf einen Fehler im Airbag-Sensor hin. „Wir
wissen, wo das Auto steht, wir haben eine erste Diagnose und können direkt mit
der Werkstatt sprechen“, sagte Charvet über das neue Pannenmonitoring. Das Teil
wurde ausgebaut und zur Analyse zurück ins Werk geschickt. Erst dort
entscheidet sich, ob es ein Einzelfall bleibt oder ob Renault den Zulieferer
einschalten muss. Beim Clio in Perpignan vermutete Renault zunächst einen sehr
speziellen Bedienfall, bei dem Gas- und Bremspedal nahezu gleichzeitig betätigt
wurden.
Mit dem neuen Monitoring habe Renault die Zahl der
Garantievorfälle und Abschleppfälle zwischen 2021 und 2025 halbiert. Für neue
Modelle nennt der Konzern als Ziel weniger als 20 Beanstandungen je 1.000
Fahrzeuge nach drei Monaten. Unter dem Strategieplan Futuready soll dieser Wert
weiter auf zehn je 1.000 sinken.
Qualität wird zum wirtschaftlichen Hebel
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Die bis 2030 geltende Strategie zielt nicht nur auf
Wachstum, sondern auch auf kürzere Entwicklungszeiten, bessere Technik und eine
robustere Organisation. Renault will bei Elektroantrieb, Hybridtechnik,
Software und Plattformen näher an die besten Wettbewerber heranrücken und
zugleich widerstandsfähiger gegen Lieferkettenprobleme oder Marktverwerfungen
werden. Damit wird die Qualität der Fahrzeuge zum wirtschaftlichen Hebel. Oder,
wie es Renault-Sprecher Christian Stein formuliert: „Schlechte Qualität lässt
sich vielleicht ein oder zwei Jahre kaschieren, dann holt sie den Hersteller
ein.“
Der Twingo muss nun beweisen, ob diese Rechnung aufgeht. Er
ist der Prüfstein dafür, ob sich europäische Autoentwicklung beschleunigen
lässt, ohne die Qualität zu riskieren. In Charvets Büro wird man früh sehen, ob
das gelingt. Spätestens dann, wenn einer der Punkte auf dem Bildschirm rot
aufleuchtet.