Testfall Twingo

Wie Renault Speed und Qualität in Einklang bringen will

Renault hat den neuen Elektro-Twingo in ungewöhnlich kurzer Zeit entwickelt. Damit das Tempo nicht auf Kosten der Qualität geht, überwacht der Konzern Werke und Fahrzeuge in Echtzeit.

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Im slowenischen Novo mesto läuft der Twingo E-Tech Electric vom Band.

Thierry Charvets Arbeitsplatz sieht nicht aus wie das Büro eines Topmanagers. Renaults Vorstand für Industrie, Qualität und Lieferkette braucht keinen repräsentativen Schreibtisch, keine Designmöbel, keine Familienfotos im Silberrahmen. Ein großer Konferenztisch und mehrere Meter breite Bildschirme an den Wänden genügen. Der Hauptscreen zeigt eine Weltkarte mit 20 Renault-Werken, unter jedem Standort fünf kleine Punkte. Grün, Gelb oder Rot. Mehr braucht es nicht, um zu erkennen, ob es irgendwo hakt.

Eine dieser Fabriken ist Novo mesto. Das slowenische Werk liegt mehr als 1.000 Kilometer von Paris entfernt, wo Charvet arbeitet. Auf seinen Bildschirmen ist es trotzdem nur einen Klick entfernt. Dort läuft der neue Twingo E-Tech Electric vom Band. Und dort will Renault beweisen, dass ein Auto auch dann zuverlässig in Serie gehen kann, wenn es deutlich schneller auf die Straße gebracht wird als früher.

Renault will „China Speed“ erreichen

Für die Franzosen ist der kleine Stadtflitzer also nicht nur ein neues Einstiegsmodell, sondern ein Testfall für ein neues Entwicklungstempo. In rund 21 Monaten wurde das Auto vom fertigen Konzept bis zur Serienfertigung gebracht, konzipiert in Frankreich, technisch entwickelt vor allem in China und industrialisiert in Slowenien. Renault nähert sich damit einem Tempo, das bislang vor allem chinesische Hersteller vorgeben.

Dass der Twingo in Slowenien vom Band läuft, ist kein Zufall. Das Werk in Novo mesto baut seit fast 20 Jahren alle Twingo-Modelle, hat mehr als 5,1 Millionen Fahrzeuge für Renault produziert und gilt im Konzern als Spezialist für kleine Autos und Elektrofahrzeuge. Ab Jahresende sollen dort auch die auf derselben Plattform aufbauenden Schwestermodelle von Dacia und Nissan entstehen.

Die kurze Entwicklungszeit bedeutet allerdings nicht, dass Renault die Erprobung einfach gekürzt hätte. Vieles, was früher erst am realen Auto geprüft wurde, läuft heute bereits während der Entwicklung am Rechner. Simulationen sollen Fehler sichtbar machen, bevor die ersten Teile aus Serienwerkzeugen kommen. Entscheidend bleibt aber die Straße. Der Twingo habe die gleichen Testläufe hinter sich wie andere Renault-Modelle, betont Charvet. Die Entwicklung werde digitaler und schneller, aber sie ende nicht im Computer.

Null-Fehler-Quote ist nicht das Ziel

In rund 21 Monaten wurde das Auto vom fertigen Konzept bis zur Serienfertigung gebracht, konzipiert in Frankreich, technisch entwickelt vor allem in China und industrialisiert in Slowenien

Basis für die schnellere Entwicklung neuer Modelle ist nach Charvets Überzeugung die Qualitätssicherung. Als er Ende 2021 die Verantwortung übernahm, sei die Organisation zu stark auf Prozesse, Kennzahlen und Prüfungen ausgerichtet gewesen, aber zu wenig auf das, was später in den Fabriken und auf der Straße tatsächlich passiert. Charvet führte neue Abläufe ein, die stärker auf Daten, Rückverfolgbarkeit und schnelle Reaktion setzen. Sein Credo: Es gibt keine Null-Fehler-Quote. Entscheidend ist, Probleme früh zu erkennen und schnell zu handeln.

Seine Referenz: Toyota. Die japanische Marke gilt seit Jahrzehnten als Benchmark für robuste Prozesse und verlässliche Qualität. Charvet verspricht keine fehlerfreien Autos. Im Gegenteil: Null Fehler gebe es nicht. Entscheidend sei aber, Probleme früher zu erkennen, kleiner zu halten und schneller aus dem System zu bekommen.

Beim Twingo hat Renault dieses Prinzip erstmals angewendet. Seit Oktober 2025 waren mehr als 50 Vorserienautos unterwegs, mit über 500 Fahrern und mehr als einer halben Million Kilometern. Dabei suchte Renault nicht nur nach klassischen Dauerlaufproblemen, sondern nach Alltagsfällen, die in normalen Prüfprogrammen leicht untergehen: unterschiedliche Smartphones, Ladezustände, Bediengewohnheiten, kurze Stopps, lange Strecken. Die Zentrale konnte mitverfolgen, wie die Steuergeräte kommunizieren und wo es im Alltag Probleme gibt. Gefunden wurden unter anderem Softwareprobleme bei Anzeigen und ein Problem am Außenspiegelmotor.

Pannenfälle werden schneller aufgespürt

Noch deutlicher wird das System, wenn ein Renault nicht mehr im Werk steht, sondern irgendwo in Europa liegenbleibt. Früher dauerte es nach Charvets Darstellung bis zu einem Monat, bis der Konzern einen solchen Fall technisch wirklich einordnen konnte. Heute läuft die Information deutlich schneller ein. Derzeit noch über Pannen-Hotlines und Abschleppdienste, ab 2027 soll die Meldung over-the-air direkt aus dem Auto kommen. Charvets Ziel: von 30 Tagen auf 30 Sekunden.

Die Produktion wird engmaschig überwacht.

Dabei wird jeder Vorfall dem Werk zugeordnet, aus dem das Fahrzeug stammt. Charvet zeigte das am Beispiel Novo mesto. An einem der betrachteten Tage meldete das System zwei Pannen: Ein ebenfalls in Slowenien produzierter Clio blieb in Perpignan liegen, ein Twingo in Deutschland. Beim Twingo deutete die erste Diagnose auf einen Fehler im Airbag-Sensor hin. „Wir wissen, wo das Auto steht, wir haben eine erste Diagnose und können direkt mit der Werkstatt sprechen“, sagte Charvet über das neue Pannenmonitoring. Das Teil wurde ausgebaut und zur Analyse zurück ins Werk geschickt. Erst dort entscheidet sich, ob es ein Einzelfall bleibt oder ob Renault den Zulieferer einschalten muss. Beim Clio in Perpignan vermutete Renault zunächst einen sehr speziellen Bedienfall, bei dem Gas- und Bremspedal nahezu gleichzeitig betätigt wurden.

Mit dem neuen Monitoring habe Renault die Zahl der Garantievorfälle und Abschleppfälle zwischen 2021 und 2025 halbiert. Für neue Modelle nennt der Konzern als Ziel weniger als 20 Beanstandungen je 1.000 Fahrzeuge nach drei Monaten. Unter dem Strategieplan Futuready soll dieser Wert weiter auf zehn je 1.000 sinken.

Qualität wird zum wirtschaftlichen Hebel

Die bis 2030 geltende Strategie zielt nicht nur auf Wachstum, sondern auch auf kürzere Entwicklungszeiten, bessere Technik und eine robustere Organisation. Renault will bei Elektroantrieb, Hybridtechnik, Software und Plattformen näher an die besten Wettbewerber heranrücken und zugleich widerstandsfähiger gegen Lieferkettenprobleme oder Marktverwerfungen werden. Damit wird die Qualität der Fahrzeuge zum wirtschaftlichen Hebel. Oder, wie es Renault-Sprecher Christian Stein formuliert: „Schlechte Qualität lässt sich vielleicht ein oder zwei Jahre kaschieren, dann holt sie den Hersteller ein.“

Der Twingo muss nun beweisen, ob diese Rechnung aufgeht. Er ist der Prüfstein dafür, ob sich europäische Autoentwicklung beschleunigen lässt, ohne die Qualität zu riskieren. In Charvets Büro wird man früh sehen, ob das gelingt. Spätestens dann, wenn einer der Punkte auf dem Bildschirm rot aufleuchtet.