Physical AI im Werk Leipzig

BMW bringt humanoide Roboter in die deutsche Produktion

BMWs Leipziger Werk ist das erste in Europa, das einen humanoiden Roboter als Pilotprojekt einsetzt. Der Premium-OEM skaliert die Erfahrungen aus Spartanburg und testet den Aeon-Roboter in der Batteriemontage und Komponentenfertigung.

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Humanoid robot AEON carrying a large car body panel inside a BMW factory.
Leipzig wird Europas erstes Automobilwerk mit humanoiden Robotern in der Montage

Seit Jahren existieren humanoide Roboter in der Vorstellung von Automobilingenieuren als fernes Versprechen – in der Theorie äußerst überzeugend, in der Praxis jedoch frustrierend schwer zu realisieren. Die BMW Group hat nun einen entscheidenden Schritt unternommen, um dieses Versprechen in industrielle Realität zu überführen. Der Premium-OEM setzt ab sofort in seinem Werk in Leipzig humanoide Roboter ein – es ist das erste Mal, dass Physical AI dieser Art in eine europäische Automobilproduktion einzieht. Die Ankündigung ist weit mehr als eine Schlagzeile. Sie ist der Höhepunkt einer strukturierten, mehrjährigen Strategie, adaptive, KI-gesteuerte Robotik tief in das Produktionsnetzwerk der BMW Group zu integrieren.

Von Spartanburg nach Sachsen

Das Leipziger Pilotprojekt ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Seine geistigen und operativen Grundlagen wurden in Spartanburg in South Carolina gelegt , wo die BMW Group nach eigenen Angaben den weltweit ersten Einsatz humanoider Roboter in einem laufenden Automobilwerk realisierte. In Zusammenarbeit mit Figure AI, dem Roboter Figure 02, wurde dieser 2025 in der Karosseriefertigung eingeführt – eine bewusste Standortwahl, da der Bereich bereits einen hohen Automatisierungsgrad aufweist und die Belegschaft über umfangreiche Erfahrung bei der Integration neuer Technologien verfügt.

Die Ergebnisse waren nach jeder gängigen Messgröße beachtlich. Innerhalb von zehn Monaten unterstützte Figure 02 die Produktion von mehr als 30.000 BMW X3, von Montag bis Freitag in Zehn-Stunden-Schichten. Die konkrete Aufgabe bestand in der präzisen Entnahme und Positionierung von Blechteilen für Schweißarbeiten – ein Prozess, der sowohl Geschwindigkeit als auch Genauigkeit im Millimeterbereich erfordert. In rund 1.250 Betriebsstunden bewegte der Roboter mehr als 90.000 Komponenten und legte etwa 1,2 Millionen Schritte zurück. Der Übergang vom Training im Labor zum stabilen Schichtbetrieb erfolgte, so hielten die Projektteams fest, schneller als erwartet.

Michael Nikolaides, Leiter Produktionsnetzwerk und Logistik der BMW Group, zog daraus eine klare Lehre: „Unser Anspruch ist es, Technologieführer zu sein und neue Technologien frühzeitig in die Produktion zu integrieren. Pilotprojekte helfen uns dabei, den Einsatz von Physical AI – also KI-gestützten, lernfähigen Robotern – unter realen industriellen Bedingungen zu erproben und weiterzuentwickeln. Der erfolgreiche Ersteinsatz humanoider Roboter in unserem BMW Group Werk Spartanburg in den USA beweist, dass ein humanoider Roboter nicht nur unter kontrollierten Laborbedingungen, sondern auch in einer bestehenden, automobilen Fertigungsumgebung funktionieren kann. “

Die Architektur des Aeon-Einsatzes

Der Roboter im Zentrum des Leipziger Pilotprojekts ist „Aeon“, entwickelt von Hexagon Robotics, der humanoiden Robotikeinheit von Hexagon mit Hauptsitz in Zürich. Hexagon selbst ist ein langjähriger Partner der BMW Group im Bereich Sensorik und Software. Hexagon Robotics präsentierte Aeon im Juni 2025, und bereits im Dezember desselben Jahres hatte der Roboter seinen ersten Testeinsatz in der Produktion am Standort Leipzig erfolgreich abgeschlossen.

Das Design von Aeon eignet sich für die Art der multifunktionalen Nutzung, die BMW anstrebt. Sein menschenähnlicher Körper kann mit einer Vielzahl von Hand- und Greifelementen oder Scantools bestückt werden, und er bewegt sich auf Rollen, was ihm die dynamische Mobilität verleiht, die für den Einsatz an verschiedenen Produktionsstationen erforderlich ist. In der Pilotphase wird er in der Montage von Hochvoltbatterien sowie in der Komponentenfertigung für Außenteile eingesetzt.

Eine weitere Testphase ist ab April 2026 geplant, bevor die vollständige Pilotphase im Sommer 2026 beginnt. Der strukturierte Bewertungsansatz der Münchner gab den Weg vor: theoretische Bewertung, Labortests mit realen Produktionsanwendungsfällen, erster Einsatz unter Realbedingungen und anschließend die eigentliche Pilotphase.

Welche Datenbasis benötigt BMWs Humanoider?

Physical AI funktioniert nicht im luftleeren Raum. Einer der lehrreichsten Aspekte des Ansatzes der BMW Group ist das Ausmaß, in dem ihre Roboterstrategie auf einer zugrunde liegenden Dateninfrastruktur beruht, die über Jahre hinweg aufgebaut wurde. Das Unternehmen hat systematisch isolierte Datensilos in seinem Produktionssystem abgebaut und sie durch eine einheitliche Datenplattform ersetzt, die sicherstellt, dass alle Informationen jederzeit konsistent, standardisiert und zugänglich sind.

Diese Architektur ist von Bedeutung, weil sie es digitalen KI-Agenten ermöglicht, in komplexen Umgebungen autonom zu agieren und kontinuierlich zu lernen. In Kombination mit physischen Robotern bilden diese Agenten das, was – nicht nur – BMW Physical AI nennt. Eine Konvergenz, von der das Unternehmen sagt, dass sie einen Paradigmenwechsel in der Produktion einleitet.

Milan Nedeljković, Produktionsvorstand und künftiger Konzernboss, brachte den strategischen Rahmen auf den Punkt: „Digitalisierung verbessert die Wettbewerbsfähigkeit unserer Produktion – hier in Europa und weltweit. Die Symbiose aus Ingenieurskompetenz und künstlicher Intelligenz eröffnet in der Produktion vollkommen neue Möglichkeiten.“

Die Erfahrungen in Spartanburg unterstrichen, wie entscheidend diese Infrastrukturarbeit in der Praxis ist. Die Integration von Figure 02 erforderte die frühzeitige Einbindung der Produktions-IT, der Arbeitssicherheits-Teams, des Prozessmanagements und der Logistik. Physische Anpassungen waren notwendig, darunter zusätzliche Barrieren und Abtrennungen. Die 5G-Netzabdeckung in der Produktionshalle wurde verbessert, um den kontinuierlichen, zuverlässigen Betrieb des Roboters sicherzustellen. Die Einbindung in das Smart-Robotics-Ökosystem von BMW erfolgte über standardisierte Schnittstellen. Nichts davon geschah zufällig; es war das Ergebnis eines bewussten systemischen Denkansatzes.

Kompetenzzentrum soll Physical-AI-Wissen aufbauen

Damit die Erkenntnisse aus Spartanburg und Leipzig nicht in einzelnen Projektteams verbleiben, hat BMW ein neues Kompetenzzentrum für Physical AI in der Produktion eingerichtet. Das Zentrum soll Fachwissen bündeln und Knowhow zu KI und Robotik im gesamten globalen Produktionsnetzwerk des Unternehmens breit verfügbar machen.

Felix Haeckel, Gruppenleiter des Kompetenzzentrums für Physical AI in der Produktion, beschreibt dessen Zweck: „In unserem neuen Center of Competence for Physical AI in Production bündeln wir unsere Expertise, um das Wissen zu KI und Robotik breit im Unternehmen nutzbar zu machen. Bereits in den letzten Jahren konnten wir ein internationales Expertenteam aufbauen, welches sich neben der Inhouse-Forschung und ‑Programmierung die sukzessive Integration von KI in das bestehende Produktionssystem zur Aufgabe gemacht hat.“