Warum Catena-X für die Automobilproduktion entscheidend wird
Das Datenökosystem Catena-X wird zum Schlüsselfaktor der Automobilproduktion: Fehler früher erkennen, CO2-Daten belastbar berichten, Fertigung resilienter machen – durch standardisierten Datenaustausch zwischen OEMs und Zulieferern.
Catena-X ermöglicht Automobilherstellern, Zulieferern und Partnern einen sicheren Informationsaustausch, während sie die vollständige Kontrolle über ihre eigenen Daten behalten.Adobe Stock / panuwat
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Versteht man die globale
Fahrzeugproduktion als einen Organismus – und jedes Werk als eine Zelle
–, dann ist Datenfluss der Mechanismus, der dieses System verbindet. Nach
Angaben des europäischen Automobilherstellerverbands ACEA existierten in Europa
zuletzt 255 Werke für Fahrzeug-, Motoren- und Batterieproduktion,
darunter 98 Standorte, die ausschließlich Pkw fertigen.
Ein deutscher OEM gilt als eines der bekanntesten Beispiele:
BMW hatte bis Ende 2024 mehr als 100 digitale
Verbindungen zu Zulieferern über Catena-X aufgebaut. Die Plattform
Industrie 4.0 warnte sogar, dass ein Ausfall von Catena-X zu
Produktionsstillständen und erheblichen Compliance-Problemen führen könnte, da
operative Abläufe zunehmend auf dem Datenökosystem basieren. Zu den
angebundenen Partnern zählen unter anderem Magna, Dräxlmaier, BASF und Bosch –
neben zahlreichen weiteren Unternehmen im Netzwerk.
Für
Fahrzeughersteller ist entscheidend: Catena-X ist weder ein Wiederaufleben des
Cloud-Computing-Hypes früherer Jahre noch ein Pilotprojekt, das nach
anfänglicher Euphorie wieder verschwindet. Entstanden aus den
Lieferkettenverwerfungen der Pandemie und beschleunigt durch verschärfte
Umwelt- und Nachhaltigkeitsanforderungen, hat sich die 2020 gestartete,
ursprünglich staatlich geförderte Initiative zu dem entwickelt, was SAP als
voll funktionsfähiges Datenökosystem mit rund 190 Mitgliedern weltweit
beschreibt – Tendenz steigend. Ford hat Catena-X Berichten zufolge seit Juli
2024 in Lieferantenverträge integriert, während BMW das System tief in seine
operativen Prozesse eingebettet hat. Was als freiwillige Kooperation begann,
wird zunehmend zur operativen Notwendigkeit.
FABRIK DES JAHRES 2026
Am 18. und 19. März 2026 bringt die FABRIK DES JAHRES wieder führende
Industrievertreter zusammen und setzt Impulse für die Produktion von morgen. Die
34. Auflage des prestigeträchtigen Kongresses findet in der Dortmunder Westfalenhalle
statt.
Ein besonderes Highlight hält in diesem Jahr der zweite
Veranstaltungstag für Sie bereit: Frank Göller, Program Lead Catena-X für
Volkswagen und Audi sowie Vorstandsmitglied des Catena-X e.V., hält die Keynote
Catena-X@Circular Economy.
Die zugrunde liegende Architektur geht dabei weit über reine
Logistikkoordination hinaus. Für die Fahrzeugproduktion sind die Konsequenzen
umfassender: Innerhalb der Werkshallen ermöglicht Catena-X neue Funktionen, die
verändern, wie Qualität überwacht, Komponenten rückverfolgt und die
Gesamtanlageneffektivität optimiert werden – und damit die Produktionspraxis
bereits heute und in absehbarer Zukunft neu gestalten.
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Catena-X ermöglicht souveränen
Datenaustausch
Im Kern basiert Catena-X auf sogenannten Eclipse Dataspace
Components (EDCs) – standardisierten Konnektoren, die es unterschiedlichen
Softwaresystemen ermöglichen, miteinander zu kommunizieren, ohne aufwändige
bilaterale Integrationen aufbauen zu müssen. Vereinfacht gesagt kann
beispielsweise das Manufacturing-Execution-System eines Zulieferers über diese
Konnektoren mit der Qualitätsmanagementplattform eines OEMs interagieren – bei
vollständiger Wahrung der Datensouveränität.
An dieser Stelle unterscheidet sich das System von der
eingangs gewählten Metapher eines Körpers mit Zellen und Nervensystem:
Automobilwerke behalten jederzeit die vollständige Kontrolle über ihre Daten
und entscheiden präzise, welche Informationen sie mit wem und für welchen
Zeitraum teilen.
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Oliver Ganser, Vice President für
Digitalisierung des Einkaufs- und Lieferantennetzwerks bei BMW und Vorsitzender
des Catena-X-Vorstands, vergleicht das System mit E-Mail-Protokollen. So
wie Gmail-Nutzer problemlos mit Outlook-Nutzern kommunizieren können, können
nun SAP-Systeme über standardisierte Datenmodelle und sichere Schnittstellen
mit IBM-Plattformen interagieren. Der Vergleich ist treffend: E-Mail setzte
sich nicht durch, weil ein Anbieter dominierte, sondern weil offene Protokolle
eine flächendeckende Interoperabilität ermöglichten. Genau das leistet Catena-X
nun für die Automobilproduktion.
Darüber hinaus stärkt das System Smart-Factory-Prinzipien
auf internationaler Ebene, wobei digitale Zwillinge eine zentrale Rolle im
operativen Kern einnehmen. Diese virtuellen Abbilder physischer Assets
ermöglichen die Echtzeit-Rückverfolgbarkeit jeder einzelnen Komponente – von
der Rohmaterialzufuhr bis zur Endmontage. Das Digital Twin Registry von Bosch,
das als erste Lösung eine offizielle Catena-X-Zertifizierung erhielt, erlaubt
die dezentrale Erstellung und Verwaltung solcher Zwillinge.
Produktionsmitarbeitende erhalten dadurch unmittelbar Einblick in Herkunft und
Status von Bauteilen – ein entscheidender Faktor für sicherheitsrelevante
Komponenten und regulatorische Compliance.
Der operative Ansatz von Catena-X gewinnt zunehmend an
Gewicht. BMW lehnte beispielsweise ein unternehmensübergreifendes zentrales
Datenrepository ausdrücklich ab. Zahlreiche Produktionsherausforderungen –
insbesondere im Bereich Nachhaltigkeit – lassen sich nur
unternehmensübergreifend lösen. Eine zentrale Datenhaltung hätte jedoch den
grundlegenden Nachteil, die Datensouveränität zu untergraben. Die föderierte
Architektur von Catena-X löst dieses Spannungsfeld, indem sie Zusammenarbeit
ohne Zentralisierung ermöglicht.
Qualitätsmanagement durch Datentransparenz
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Die operative Wirkung von Catena-X
zeigt sich besonders deutlich im Qualitätsmanagement. Laut SAP bilden
deutsche Automobilhersteller jährlich Rückstellungen in Höhe von 1,4 bis 1,8
Milliarden Euro für Rückrufaktionen. Ein zentrales Problem liegt darin, dass
herkömmliche Qualitätsprozesse stark auf arbeitsintensiven, bauteilbasierten
Prüfungen beruhen – wobei Abweichungen häufig erst dann erkannt werden, wenn
Ausfälle bereits eingetreten sind.
Mit Catena-X hingegen lassen sich Felddaten der OEMs mit
Produktionsdaten der Zulieferer auf Basis standardisierter Informationsflüsse
zusammenführen. Dadurch werden Frühwarnanalysen möglich. Ein Beispiel ist die
Zusammenarbeit von BMW und Bosch bei Partikelsensoren und Lenkungskomponenten:
Muster und Anomalien konnten hier bis zu vier Monate früher erkannt werden als
mit konventionellen Methoden – vielfach noch bevor ein Fehler überhaupt
sichtbar wurde.
Diese höhere Präzision wirkt sich unmittelbar auf die
Kostenstruktur aus. In einem konkreten Rückruffall wurde zunächst davon
ausgegangen, dass 1,4 Millionen Fahrzeuge betroffen seien. Nach dem Abgleich
von Felddaten des OEM mit Produktionsdaten des Zulieferers über Catena-X
stellte sich jedoch heraus, dass tatsächlich nur 14 Fahrzeuge zurückgerufen
werden mussten. Die Analyse erlaubte es, die betroffenen Einheiten mit bislang
unerreichter Genauigkeit zu identifizieren und damit erhebliche Kosten einzusparen.
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Hagen Heubach, damals Global Vice President und Head of
Discrete Industries bei SAP, betonte, dass sich so exakt bestimmen lasse,
welche Fahrzeuge tatsächlich betroffen sind – mit entsprechend großen
Einsparpotenzialen. Für Zulieferer gehen die Vorteile dabei weit über die
Vermeidung von Rückrufkosten hinaus. Dräxlmaier, Anbieter von
Hochvolt-Batteriesystemen, hat Datenflüsse etabliert, bei denen jeder digitale
Zwilling einer Komponente in Catena-X registriert wird. Dadurch wird eine
durchgängige Rückverfolgbarkeit entlang der gesamten Produktionskette
sichergestellt.
Der Tier-1-Zulieferer registriert inzwischen monatlich
zwischen 20.000 und 40.000 digitale Zwillinge, führt täglich rund 100
Datenaustausche nahezu in Echtzeit durch – mit Transaktionszeiten von lediglich
zwei bis drei Minuten – und garantiert die Auslieferung erst nach erfolgreicher
Datenverifikation durch den Kunden.
Auch Magna, das Catena-X derzeit konzernweit ausrollt und
implementiert, hebt den Wert harmonisierter Standards hervor. Ziel ist es, von
individuellen Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zu standardisierten Schnittstellen
überzugehen und so die Integrationskomplexität zu reduzieren, während das
Lieferantennetzwerk weiter wächst.
Nachhaltigkeit im Fokus: Dekarbonisierung wird skalierbar
Die zunehmende Dringlichkeit regulatorischer Anforderungen
im Bereich Nachhaltigkeitsberichterstattung treibt die Entwicklung und den
Rollout einer weiteren zentralen Catena-X-Anwendung in der Fertigung voran: die
Berechnung von Product Carbon Footprints (PCF) auf Grundlage von Primärdaten
statt branchentypischer Durchschnittswerte. Innerhalb der Werke ermöglicht
Catena-X die Ermittlung von CO₂-Fußabdrücken direkt auf Basis der tatsächlich
erfassten Produktionsdaten.
BMW hat das System im Werk Landshut implementiert und dort
erstmals den energiebezogenen Ressourcenverbrauch bei der Fertigung kompletter
Komponenten datenbasiert erfasst. Als Praxisbeispiel dient die Niere des BMW
iX, deren CO₂-Fußabdruck mithilfe dieses datengetriebenen Ansatzes berechnet
wird. Die PCF-Berechnung folgt dem Catena-X-Regelwerk und umfasst sämtliche
Cradle-to-Gate-Emissionen – von der Rohstoffgewinnung über Emissionen in der
Lieferkette bis hin zu den Produktionsprozessen im Werk.
In diesem Projekt kommen Catena-X-zertifizierte
CO₂-Anwendungen von Siemens zum Einsatz, die den Datenaustausch zwischen dem
Werk Landshut und dem Hochleistungskunststoffhersteller Covestro ermöglichen.
Sabrina Schrangl, Projektleiterin Catena-X in der BMW Group
Komponentenfertigung, betont, dass der OEM gemeinsam mit Partnern den
CO₂-Fußabdruck von Komponenten bereits während der Produktion berechnet. Diese
Echtzeitfähigkeit erlaubt es Produktionsverantwortlichen, den Energieverbrauch
kontinuierlich zu überwachen und Prozesse auf Basis realer Betriebsdaten
emissionsoptimiert zu steuern – statt mit Schätzungen zu arbeiten.
Auch BASF, einer der weltweit größten Automobilzulieferer,
sieht in der standardisierten PCF-Berechnung einen zentralen Mehrwert von
Catena-X. Einheitliche Standards und Datenformate seien entscheidend, da
Berechnungen ohne Lock-in-Effekte erfolgen können. Andreas Wollny,
Projektleiter Catena-X bei BASF, weist darauf hin, dass Nachhaltigkeit sich
neben Qualität und Liefermenge zunehmend zu einem eigenständigen Kaufkriterium
entwickelt. Transparente Protokolle und standardisierte Verfahren erhöhten die
Zahlungsbereitschaft der Kunden. Da eines der Kernziele von Catena-X ein
weltweit einsetzbares Datenaustauschsystem sei, zeige die regulatorische
Entwicklung deutlich die Notwendigkeit einer international tragfähigen Lösung.
Bereits 2024 demonstrierten Ford sowie die Zulieferer Flex
(Tier 1) und Micron (Tier 2) einen interkontinentalen Austausch von PCF-Daten
entlang der Wertschöpfungskette. Alle Beteiligten erhielten Zugriff auf
verifizierte Primärdaten und konnten so präzisere CO₂-Berechnungen durchführen.
Erstmals tauschten OEMs sowie Tier-1- und Tier-2-Zulieferer PCF-Daten nahtlos
entlang der Lieferkette aus – mit dem Ergebnis reduzierter Kosten, höherer
Transparenz und einer skalierbaren Dekarbonisierung.
Manufacturing-as-a-Service als Alternative
Über Qualitätsmanagement und Nachhaltigkeit hinaus
unterstützt Catena-X auch das Konzept des Manufacturing-as-a-Service (MaaS).
Produktionsschritte oder Fertigungskapazitäten können innerhalb des Netzwerks
angeboten und genutzt werden. Dadurch erhalten Werke die Möglichkeit, bei
internen Engpässen oder Materialknappheit schnell alternative
Fertigungskapazitäten bei Partnern zu identifizieren – ein Thema, das die
Automobilproduktion insbesondere in den vergangenen, von anhaltenden Störungen
geprägten Jahren stark belastet hat.
Starkes Netzwerk: Catena-X wird für viele Akteure der Automobilindustrie zunehmend unverzichtbar.BMW Group
Fraunhofer IOSB, das maßgeblich an der Ausgestaltung
produktionsbezogener Anwendungsfälle innerhalb von Catena-X beteiligt war,
entwickelte hierfür die Referenzarchitektur Smart Factory Web, die speziell auf
MaaS-Szenarien zugeschnitten ist. Diese Architektur ermöglicht den Abgleich
zwischen benötigten und verfügbaren Fertigungskapazitäten, Werkzeugen und
Materialbeständen und unterstützt Hersteller dabei, kurzfristig alternative
Lieferanten oder Produktionspartner zu finden.
Laut dem Siemens-Bericht „Senseye Predictive Maintenance:
The True Cost of Downtime“ verlieren große Fabriken im Durchschnitt mehr als
320 Produktionsstunden pro Jahr infolge verspäteter Lieferungen,
Maschinenausfälle oder kurzfristiger Auftragsänderungen. In der
Automobilindustrie können Produktionsausfälle dabei Kosten von über zwei
Millionen US-Dollar pro Stunde verursachen.
Die modulare Produktionsanwendung von Catena-X erlaubt es,
Fertigungsprozesse stärker automatisiert und selbstorganisiert zu steuern. Bei
Abweichungen kann das System das Datenökosystem abfragen, um beispielsweise zu
klären: Welche Maschine kann den Auftrag alternativ übernehmen? Wer kann
kurzfristig Material liefern? Welche Aufträge lassen sich vorziehen, um
Stillstandszeiten zu vermeiden? Diese Abfragen, Vergleiche und Bewertungen
erfolgen automatisiert.
Die Auswirkungen reichen insbesondere bis in kleine und
mittlere Unternehmen hinein, die häufig nicht über ausreichende Ressourcen
verfügen, um Verzögerungen abzufedern, und stark von wiederkehrenden Aufträgen
zufriedener Kunden abhängig sind. Durch die Vernetzung von
Produktionskapazitäten mit potenziellen Geschäftspartnern über Catena-X wird
ein schneller, automatisierter Datenabgleich entlang der Produktions- und
Lieferkette möglich. Dadurch lassen sich Handlungsbedarfe frühzeitig erkennen
und die Gesamtanlageneffektivität verbessern.
Predictive Maintenance durch vernetzte Maschinendaten
Der Ansatz markiert einen wichtigen Schritt vom reaktiven
Beheben von Störungen hin zu proaktiven Strategien, die auf realen
Betriebsdaten basieren. In Echtzeit-Steuerungs- und Simulationsszenarien
innerhalb von Catena-X entwickeln Teams KI-basierte Prognosealgorithmen, die
durch Simulationen ergänzt werden und über intuitive Visualisierungen sowie
mobilen Zugriff verfügen.
Der Einsatz verteilter Machine-Learning-Methoden –
insbesondere föderierter Ansätze – ermöglicht es, komplexe Produktions- und
Logistikkennzahlen präzise zu analysieren, ohne sensible Daten zentral zu
bündeln. Datensouveränität bleibt somit gewahrt.
Gleichzeitig unterstützt Condition Monitoring eine
vorausschauende Wartung anstelle reaktiver Reparaturen. Das reduziert
Produktionskosten und Stillstandszeiten und eröffnet Maschinenherstellern
zusätzliche digitale Serviceerlöse aus ihrer installierten Basis. Auf diese
Weise verändert sich die Wirtschaftlichkeit des Anlagenbetriebs entlang der
gesamten Wertschöpfungskette.
Obwohl Catena-X ursprünglich als europäisches Projekt
gestartet ist, reicht seine Wirkung inzwischen weit über die Region hinaus. Die
Automotive Industry Action Group (AIAG) – eine gemeinnützige Organisation zur
Förderung der Zusammenarbeit in der Automobilindustrie – fungiert als
nordamerikanischer Hub. Dort wird Catena-X derzeit auf die nahezu 5.000
Mitgliedsunternehmen der Organisation ausgerollt. In China arbeitet das
Netzwerk mit der China Association of Automobile Manufacturers sowie dem
Verband der Automobilindustrie (VDA) zusammen. Regionale Hubs bestehen zudem in
Frankreich mit GALIA sowie in Schweden und Spanien.
Kevin Piotrowski, Chief Transformation Officer bei der AIAG,
erklärt, dass Unternehmen grundsätzlich bereit seien, Daten zu teilen und zu
kooperieren – jedoch nicht über fünf oder zehn unterschiedliche Verfahren
hinweg. Catena-X adressiere genau diese Problematik: Statt Daten in 15
verschiedenen Formaten suchen oder als Zulieferer tausende Einzelbewertungen
verwalten zu müssen, schafft das System standardisierte Strukturen. Klassischer
Electronic Data Interchange (EDI) bleibe für Punkt-zu-Punkt-Transaktionen
weiterhin sinnvoll, doch Catena-X ermögliche darüber hinaus eine umfassende
Transparenz komplexer Daten entlang ganzer Lieferketten – ohne diese zwingend
zentral zu speichern.
Anfängliche Vorbehalte einzelner Zulieferer, die Catena-X
als weiteres System mit zusätzlichem Verwaltungsaufwand betrachteten, nehmen
zunehmend ab, da der praktische Nutzen sichtbarer wird. Verbesserte
Zusammenarbeit, Effizienzsteigerungen, hohe Datensicherheit und -integrität,
gewahrte Datensouveränität sowie neue Innovationsmöglichkeiten zählen zu den
Eigenschaften, die in dieser Form im Datenaustausch vor zehn Jahren noch nicht
vorhanden waren.
Factory-X überträgt das Konzept in den Maschinenbau
Der Erfolg von Catena-X hat zur Entstehung von Factory-X
geführt, das bewährte Konzepte auf den Maschinen- und Anlagenbau überträgt und
die vertikale Integration bis auf die Shopfloor-Ebene erweitert. Während
Catena-X die Fabrik primär als geschlossene Einheit betrachtete, rückt
Factory-X die Fertigungsebene in den Mittelpunkt – dort, wo Maschinen mit
eigenen Zulieferern, Wartungszyklen und spezifischen Anforderungen betrieben
werden.
Nadine Kanja, Solution Head für SAP Industry Network
Automotive und Catena-X, erläutert, dass das Ziel darin besteht, die
Flexibilität der Lieferkette auf die Produktion selbst auszuweiten. Wenn
technische Probleme auftreten oder sich Kundenanforderungen ändern, müssen
Hersteller schnell reagieren können. Klassische Fabrikstrukturen sind jedoch
nur begrenzt flexibel: Maschinen sind fest installiert und physisch verdrahtet,
Umbauten sind mit erheblichem Aufwand verbunden.
Factory-X soll diese Flexibilität direkt in die Fertigung
bringen – durch modulare Produktionskonzepte, Manufacturing-as-a-Service und
On-Demand-Fertigung. SAP führt Factory-X gemeinsam mit Siemens und koordiniert
derzeit 47 Konsortialpartner. Georg Kube, Head of Industry Data Ecosystems bei
SAP, betont, dass Europas Stärke im Vergleich zu Amerika und Asien im
historisch gewachsenen Know-how über funktionierende Prozesse und qualitativ
hochwertige Produkte liege. Ziel von Factory-X sei es, diese Qualität zu
sichern und zugleich Kosten zu senken sowie die Flexibilität zu erhöhen.
Die daraus resultierende Zwei-Geschwindigkeiten-Strategie
ermöglicht es Unternehmen aus der Automobil- wie auch der Industrieproduktion,
ihre Systeme flexibel auszubauen, wenn Anforderungen steigen. Factory-X ist
zunächst als Entwicklungsprojekt bis Mitte 2026 angelegt und soll anschließend
in eine stabile operative Phase übergehen.
Die operative Realität des Catena-X-Ökosystems
Seit April 2025 ist die Registrierung bei Catena-X fester
Bestandteil des Beschaffungsprozesses von BMW. Digitale Sperrhinweise im
Netzwerk ermöglichen es Zulieferern, kritische Komponenten effizient zu melden
und kostspielige Nacharbeiten zu vermeiden. Der Informationsaustausch erfolgt
schneller, Fehler werden durch gezielte Aktualisierungen reduziert und die Resilienz der Lieferkette wird gestärkt.
Schaeffler nutzt gemeinsam mit BMW und SAP bestehende
Installationen von SAP Analytics Cloud und SAP Datasphere, um
Catena-X-Anwendungsfälle im Qualitätsmanagement unmittelbar umzusetzen. Die
Integration in etablierte Unternehmenssysteme senkt die Implementierungshürden
für große Zulieferer, die diese Plattformen bereits einsetzen.
Der Übergang von der Vision zur vernetzten Realität vollzog
sich innerhalb weniger Jahre. Was 2020 konzipiert und 2021 vor dem Hintergrund
von Pandemie und Halbleiterengpässen gestartet wurde, ist heute ein zentraler
Baustein der digitalen Transformation der Automobilindustrie. Die Effekte sind
messbar: Fehler werden bis zu vier Monate früher erkannt, Rückrufumfänge von
1,4 Millionen auf 14 Fahrzeuge reduziert, Einsparungen im niedrigen
einstelligen Millionenbereich erzielt und Produktionskontinuität durch datenbasierte
Entscheidungen gesichert.
Historisch betrachtet war die Vernetzung von
Produktionsstandorten zu einem ganzheitlichen System mit erheblichen
Herausforderungen verbunden. Die Einbindung neuer Partner erfordert eine
ausreichende Datenreife. Kleine und mittlere Unternehmen verfügen oftmals nicht
über die notwendige IT-Infrastruktur oder spezialisierte Fachkräfte, um
vollumfänglich teilzunehmen. Zudem ist Standardisierung komplex: Proprietäre
Systeme und individuelle Datenformate erschweren eine durchgängige Vernetzung
entlang von Produktion und Lieferkette.
Oliver Ganser, Vice President für Digitalisierung des Einkaufs- und Lieferantennetzwerks bei BMW und Vorsitzender des Catena-X-Vorstands.automotiveIT
Catena-X begegnet diesen Hürden mit vereinfachten
Anbindungsmethoden – unabhängig von Unternehmensgröße oder Digitalisierungsgrad
– sowie mit Schulungs-, Support- und Zertifizierungsprogrammen. Das Ökosystem
setzt bewusst darauf, bestehende Akteure und Lösungsanbieter einzubinden,
anstatt neue technische Vorgaben aufzuzwingen.
Angesichts volatiler Nachfrage, Lieferengpässen und
Transparenzdefiziten entlang globaler Wertschöpfungsketten steht die
Automobilindustrie vor strukturellen Herausforderungen. Eine unzureichende
Rückverfolgbarkeit von Bauteilen, Materialien und Produktionsschritten
erschwert die Ursachenanalyse bei Störungen zusätzlich. Um resiliente
Produktionsnetzwerke aufzubauen, benötigen Fahrzeughersteller einen
kontinuierlichen digitalen Informationsfluss, der sicher, standardisiert und
interoperabel ist.
Catena-X schafft hierfür die Grundlage – nicht durch
revolutionäre Einzeltechnologien, sondern durch die konsequente Anwendung
standardisierter Datenmodelle und souveräner Datenaustauschprinzipien. Das
Ökosystem belohnt seine Teilnehmer mit erhöhter Resilienz, Innovationskraft und
Ertragspotenzial. Wie Oliver Ganser betont, verbessert der neue
Kooperationsansatz von Catena-X Wertschöpfungsprozesse in den Bereichen
Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Qualität – bei gleichzeitiger
Kostensenkung.
Mit jeder weiteren nationalen und internationalen
Beteiligung steigt der Mehrwert für alle Akteure. Von der Vision zur vernetzten
Realität zeigt Catena-X, wie offene Standards und souveräner Datenaustausch die
Automobilproduktion transformieren können – ohne Zentralisierung und ohne
Verlust von Wettbewerbsfähigkeit. Innerhalb der Werkshallen und entlang
globaler Produktionsnetzwerke ist die Architektur bereits operativ im Einsatz –
und entwickelt sich zunehmend zum Standard.