Digitale Zwillinge und KI-Tools

So setzt Mercedes-Benz die flexible Fahrzeugmontage um

Mehr als 40 neue Modelle bis 2027 erhöhen die Komplexität in der Montage. Mercedes-Benz setzt weniger auf maximale Robotik und mehr auf Daten, digitale Zwillinge und KI-gestützte Qualitätssicherung im laufenden Prozess.

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Der neu CLA wird in Rastatt montiert.

In der Montagehalle entscheidet nicht die Größe einer Roboterzelle über die Produktivität, sondern der reibungslose Ablauf der Linie. Jeder Modellwechsel, jeder zusätzliche Antrieb, jede neue Variante wirkt sich direkt auf den Zyklus aus. Bei Mercedes-Benz nimmt dieser Druck deutlich zu. Bis Ende 2027 will der Hersteller mehr als 40 neue Modelle im globalen Produktionsnetzwerk produzieren. Elektrofahrzeuge, Hybride und andere Derivate sollen parallel auf bestehenden Linien laufen. Für die Montage bedeutet dies vor allem eines: zunehmende Varianz bei konstanten Taktzeiten. Die Automatisierung soll dazu beitragen, neue Modelle flexibler, effizienter und stabiler in die bestehende Produktion zu integrieren, so Mercedes-Benz.

Automatisierung zielt auf stabile Modelländerungen ab

Das Stuttgarter Unternehmen richtet die Montageautomatisierung nicht auf einzelne Stationen aus, sondern auf das Gesamtsystem. Im Rahmen des Programms „Next Level Production“ sollen neue Modelle schneller und mit weniger Anlaufverlusten in bestehende Linien integriert werden. Nach den Produktionsstarts des elektrischen CLA im Werk Rastatt und des elektrischen GLC in Bremen werden weitere Modelle aus dem Kern- und Oberklassesegment folgen. Gleichzeitig bereiten sich Standorte wie Kecskemét und Sindelfingen auf neue Elektro-Serien vor. Bremen und Sindelfingen fungieren weiterhin als Leitwerke.

Ein wichtiger Hebel ist die vollständige Integration aller Werke in das MO360-Produktionsökosystem. Über die Datenplattform sind Produktions- und Qualitätsdaten standortübergreifend verfügbar. In der Montage ermöglicht dies einen kontinuierlichen Überblick über Zyklusabweichungen, Prozessstabilität und Qualitätsanomalien. Kurz gesagt: Automatisierung entsteht hier weniger durch zusätzliche Technologie als vielmehr durch Transparenz und schnelle Reaktionsfähigkeit.

Qualität wird in den laufenden Zyklus integriert

Ein Schwerpunkt der Montageautomatisierung ist die Qualitätssicherung innerhalb der Produktionslinie. Mit der MO360-Anwendung „Quality Live“ lässt sich die Produktion einzelner Fahrzeuge in Echtzeit verfolgen. Dabei werden Daten aus der Montage, den Prüfschritten und Nachkontrollen zusammengeführt. Ziel der Schwaben ist es, Abweichungen frühzeitig zu erkennen und Nacharbeiten zu vermeiden. In der Montage wirkt sich jeder Fehler direkt auf den Zyklus aus.

Dieser Ansatz spiegelt eine grundlegende Entwicklung wider, die auch in der Frage sichtbar wird, wie weit die Automatisierung in der Endmontage tatsächlich gehen kann. Gerade bei variantenreichen Arbeitsschritten stoßen starre Automatisierungslösungen an ihre Grenzen. Mercedes-Benz reagiert darauf mit einer engeren Integration von Qualitäts- und Prozesskontrolle mit Daten- und Assistenzsystemen.

Digitale Zwillinge verändern die Montageplanung

Ein entscheidendes Instrument ist der digitale Zwilling der Produktion. Im Werk Kecskemét wurde erstmals eine komplette Halle digital abgebildet. Auf Basis von Simulationsplattformen können Montageprozesse virtuell getestet, optimiert und abgesichert werden, bevor sie in der Realität umgesetzt werden. Dies ist besonders relevant für die Montage neuer Modelle. Anläufe gelten als besonders anfällig für Störungen. Kleine Abweichungen können den gesamten Linienfluss beeinträchtigen. 

Der digitale Zwilling ermöglicht es, Engpässe frühzeitig zu erkennen und die Automatisierung gezielt vorzubereiten. Änderungen können ohne Unterbrechung des laufenden Betriebs simuliert werden. Dadurch wird die Automatisierung planbarer und weniger risikobehaftet. Dieser Ansatz entspricht dem allgemeinen Trend, dass digitale Zwillinge, Cloud-Systeme und Predictive Analytics zunehmend zur Grundlage einer vernetzten Produktion werden.

KI unterstützt Entscheidungen in der Montage

Natürlich spielt künstliche Intelligenz auch in der Montage von Mercedes-Benz eine immer wichtigere Rolle, jedoch nicht als Ersatz für manuelle Arbeit, so die Stuttgarter. KI wird laut Mercedes zur Optimierung von Produkten und Prozessen, zur Automatisierung von Routineaufgaben und zur Unterstützung der Mitarbeiter bei der Datenanalyse eingesetzt. KI-Assistenten werden bereits in der Produktion eingesetzt, beispielsweise zur Analyse von Qualitätsdaten. Sie dienen als sprachbasierte Schnittstelle zu den Daten des MO360-Ökosystems. So können Mitarbeiter auf Produktionskennzahlen, Qualitätsinformationen oder Wartungs- und Best-Practice-Tipps zugreifen, ohne komplexe Systeme bedienen zu müssen.

Eine weitere wichtige Komponente ist das intern entwickelte Chatbot-Ökosystem für die digitale Fabrik, das Produktionsdaten, Expertenwissen und Best-Practice-Informationen standortübergreifend miteinander verbindet. Die Automatisierung wird hier als verkürzter Entscheidungsprozess im Zyklus dargestellt. Die Rolle der KI verlagert sich damit von der physischen Automatisierung hin zur kognitiven Unterstützung, was sich auch in der breiteren Nutzung intelligenter Systeme in der Fertigung zeigt.

Humanoide Robotik in der Mercedes-Montage noch Randthema

Mercedes-Benz testet Apollo aktuell am Standort Marienfelde.

Parallel zu diesen Entwicklungen testet Mercedes-Benz gemeinsam mit Apptronik humanoide Robotik. Der Roboter „Apollo“ wird derzeit in realistischen Produktionsumgebungen getestet, wobei der Schwerpunkt zunächst auf Intralogistik, Materialtransport und einfachen Inspektionsaufgaben liegt. In Zukunft könnten auch Montageaufgaben hinzukommen, beispielsweise die Handhabung empfindlicher Bauteile.

Bei der aktuellen Fahrzeugmontage spielt die humanoide Robotik jedoch noch keine operative Rolle. Der Reifegrad der Autonomie wird als entscheidend angesehen. Erst wenn die Systeme stabil, sicher und wirtschaftlich arbeiten, sollten sie näher an die Fertigungslinie herangeführt werden.

Letztendlich definiert Mercedes-Benz die Automatisierung der Montage nicht anhand des Anteils an Robotern, sondern anhand der Fähigkeit, Komplexität zu bewältigen. Jede Automatisierung muss daran gemessen werden, ob sie Hochläufe sicherstellt, die Qualität frühzeitig stabilisiert und die Modellvielfalt zuverlässig integriert. Daten, digitale Zwillinge und KI-gestützte Assistenz bilden dafür die Grundlage. Die Montage wird dadurch nicht unbedingt spektakulärer, aber sie wird robuster.