BMW-Mitarbeiter im Batteriebau

Die Batterien von E-Fahrzeugen bauen Hersteller meist selbst – Für die Batteriezellen braucht es jedoch starke Lieferanten. Bild: BMW

| von Werner Beutnagel

Der absehbare Siegeszug der Elektromobilität stellt die Autohersteller vor immense Herausforderungen. Neben der Entwicklung neuer Modelle, Plattformen und dem Aufbau neuer Produktionsumgebungen stellt vor allem das Thema Batteriezellen die Branche aktuell vor Herausforderungen. Automobil Produktion hat die Lieferantenbeziehungen, Produktionsnetzwerke und Zukunftspläne der der vier großen deutschen Hersteller genauer in Augenschein genommen.

BMW strebt hohes Maß an Lokalisierung an

BMW setzt bei der Versorgung der eigenen Fahrzeuge mit Batterien auf ein breit aufgestelltes Lieferantennetzwerk und einen hohen Grad an Lokalisierung. Die eigenen Werke in Europa, den USA und im asiatischen Raum sollen künftig jeweils von lokalen Lieferanten versorgt werden, wie Einkaufsvorstand Andreas Wendt ankündigte. Derzeit stammen die genutzten Zellen von CATL aus China und Samsung in Südkorea, 2021 sollen Samsung-Zellen aus Ungarn und ab 2020 CATL-Akkus aus Erfurt in den Fahrzeugen der Münchner zum Einsatz kommen. Weiterhin möchte der Autobauer ab 2023 Zellen vom neuen Partner Eve-Power in China und ab 2023/2024 vom schwedischen Anbieter Northvolt beziehen, mit dem auch Volkswagen eng zusammenarbeitet. Northvolt soll ab dem Jahr 2024 Zellen im Wert von zwei Milliarden Euro an BMW liefern. Gefertigt werden sie in einer derzeit entstehenden Fabrik im nordschwedischen Skellefteå. Der Strom dafür soll komplett regional aus Wasser- und Windkraft erzeugt werden.

BMW Mitarbeiter bei der Montage von Batterien
Unter anderem am Standort Digolfing montiert BMW Batteriesysteme. Bild: BMW

Die nachhaltige Fertigung mit grünem Strom im globalen Produktionsverbund von BMW und seinen Zulieferern sei ein Alleinstellungsmerkmal in der Branche, betont Einkaufsvorstand Wendt. Allerdings seien die Preise derzeit noch zu hoch. "Über den Daumen sind 100 Euro je Kilowattstunde als Zielgröße nicht ganz verkehrt", so Wendt. Dies würde einen Preisrückgang um rund ein Drittel entsprechen. Einen Sprung erwarte man mit der nächsten E-Antriebsgeneration, die zusammen mit der ersten elektrisch ausgerichteten BMW-Fahrzeugarchitektur 2025 eingeführt werden soll. Um die Nachfrage nach E-Fahrzeugen flexibel abbilden zu können, habe BMW zudem mit den eigenen Lieferanten vereinbart, je nach Bedarf bis zu 20 Prozent mehr oder weniger Zellen liefern zu lassen.

BMWs eigene Kapazitäten zur Montage von Fahrzeugbatterien sind derweil in den vergangenen Jahren mehrfach ausgebaut worden. Bereits 2019 kündigte der Hersteller an, die Ressourcen am US-Standort Spartanburg für die Plugin-Modelle X3 und X5 zu verdoppeln. Am chinesischen Standort Tiexi hat das Joint Venture BMW Brilliance Automotive (BBA) im Herbst 2020 ein neues Batteriezentrum eröffnet, in dem die leistungsfähigeren Batterien der fünften Generation der BMW eDrive-Technologie produziert werden. Im Kompetenzzentrum E-Antriebsproduktion in Dingolfing laufen bereits die Vorbereitungen, um die neuen Batterien ebenfalls herzustellen. Ab 2021 sollen sie dann unter Wahrung möglichst geringer Transportwege in Fahrzeugen wie dem BMW iNext und BMW i4 verbaut werden.

Daimler forciert Nachhaltigkeit

Daimler setzt in Sachen Batteriezellen auf die beiden strategischen Partner CATL und Farasis. Mit Hilfe eines „wettbewerbsfähigen Lieferantensets“ habe man die Versorgung des weltweiten Produktionsnetzwerks zuverlässig aufgebaut und abgesichert, sagt eine Pressesprecherin gegenüber Automobil Produktion. „Wir haben uns entschieden, das Set aus Wettbewerbsgründen nicht komplett offenzulegen.“

Bereits seit Jahren verfolge der Hersteller die Strategie einer hohen Lokalisierung, so die Sprecherin weiter. Dies erhöhe sowohl die Unabhängigkeit im eigenen Fertigungsverbund, biete andererseits aber auch Vorteile im Bereich der Nachhaltigkeit. Um dem steigenden Bedarf der Mercedes-Werke in Deutschland weiter gerecht zu werden, soll der Lokalisierungsgrad in Zukunft weiter steigen.

Die Weiterverarbeitung der Batteriezellen übernimmt derweil ein global aufgestellter Verbund an Daimler-Standorten: Bereits seit 2012 werden entsprechende Tätigkeiten in Kamenz durchgeführt, 2018 wurde das Werk um eine zweite Batteriefabrik erweitert, die seit 2019 Systeme für den EQC produziert und seit Kurzem auch am Bau des EQA beteiligt ist. Die Daimler-Tochter Accumotive hat bereits mehr als eine Million Batterien für BEV und Hybride des Stuttgarter Herstellers beigetragen. Auch am Standort in Untertürkheim sollen künftig gleich zwei Fabriken Batteriesysteme produzieren. Im Werkteil Hedelfingen laufen aktuell die letzten Vorbereitungen für die Produktion der Speicher für den EQS, der im nahgelegenen Sindelfingen im ersten Halbjahr 2021 vom Band laufen wird. Auch die Systeme des EQE werden in Hedelfingen produziert.

Daimler-Batteriefertigung in Kamenz
Bei der Daimler-Tochter Accumotive in Kamenz laufen unter anderem Batteriesysteme für den EQA vom Band. Bild: Daimler

Die aktuell entstehende Batteriefabrik im Werksteil Brühl soll ab 2022 Plug-in-Hybride mit Stromspeichern versorgen. Arbeiten am Gebäude seien bereits abgeschlossen, heißt es seitens Daimlers, in den kommenden Monaten sollen die entsprechenden Anlagen aufgebaut werden. Zudem sieht die Produktionsstrategie von Mercedes-Benz aktuell am Standort Sindelfingen eine weitere Fabrik für den Bau der Stromspeicher vor.

Ergänzt werden die deutschen Standorte mittelfristig von einer neuen Batteriefabrik, die in der Nähe des Werks im US-amerikanischen Tuscaloosa entsteht. Hier laufen ab 2022 die Modelle EQS und EQE vom Band. Auch hier stehen die entsprechenden Gebäude bereits, in den kommenden Monaten werden entsprechende Anlagen installiert. Für den chinesischen Markt fertigen Mercedes-Benz und der lokale Parter BAIC Batterien im Yizhuang Industrial Park in Peking, noch in diesem Jahr startet Daimlers Standort im polnischen Jawor mit der Produktion von Batterien für die Hybrid-Varianten von C-, E- und S-Klasse. Im kommenden Jahr soll das Portfolio um Systeme für den EQA und den EQB erweitert werden.

Die Zulieferer müssen mitziehen

Ein zentrales Augenmerk legt Daimler bei der Batterieproduktion auf den Bereich Nachhaltigkeit: So wurden unter anderem das Batteriewerk in Jawor sowie der neueste Standort in Kamenz als CO2-neutrale Fabrik konzipiert. Das Werk Kamenz setzt unter anderem auf Solarenergie, Geothermie und ein eigenes Blockheizkraftwerk zur Energiegewinnung. Gleichzeitig sieht die Unternehmensstrategie Ambition 2039 bis zum Ende der kommenden Dekade eine CO2-neutrale Neuwagenflotte und Produktion vor – Eine Zielsetzung, die die Zulieferer Daimlers ausdrücklich mit einschließt: „Die Erreichung der Mercedes-Benz Ambition 2039 setzen wir gemeinsam mit unseren Partnern um. Fast die Hälfte unserer rund 2.000 Lieferanten hat bereits einen Ambition Letter of Intent unterzeichnet und bekennt sich damit dazu, uns künftig nur noch mit CO2-neutralen Teilen zu beliefern“, erklärte unter anderem Gunnar Güthenke, Leiter Einkauf und Lieferantenqualität, Mercedes-Benz Cars, im Rahmen des automotive production summit 2020„Zudem sind wir im Aufbau eines Trackingsystems, mit dem wir künftig verfolgen können, wie sich die CO2-Emissionen über die Zeit reduzieren.“

Mit allen weiteren Lieferanten stehe man im engen Austausch. Sollten Zulieferer sich jedoch gegen entsprechende Maßnahmen sperren, dürfte sich die Zusammenarbeit mit Daimler in Zukunft schwierig gestalten: Die Unterzeichnung des Ambition Letters des Herstellers soll laut dem Autobauer künftig ein wesentliches Kriterium für Auftragsvergaben werden. Spätestens ab 2039 dürfen nur noch Produktionsmaterialien die Werkstore von Mercedes-Benz passieren, die in allen Wertschöpfungsstufen bilanziell CO2-neutral sind. Unterzeichnet ein Lieferant den Ambition Letter nicht, wird er bei Neuvergaben nicht berücksichtigt. 

Mit dem Zelllieferanten Farasis hat Daimler bereits einen ersten Mitstreiter in Sachen Nachhaltigkeit gefunden: Die Kooperation der beiden Unternehmen umfasst die Produktion von Batteriezellen mit Strom aus erneuerbaren Energien ebenso wie das Thema Recycling und die Einhaltung von Menschenrechten in der Lieferkette. Unter anderem soll ein geplanter Farasis-Standort in Bitterfeld-Wolfen künftig klimaneutral Batteriezellen an die deutschen Daimler-Werke liefern.

Opel profitiert von PSA-Gigafactories

Opel setzt in den eigenen Fahrzeugen derzeit auf Batteriezellen der asiatischen Zulieferer CATL und LG Chem, die Montage der genutzten Systeme findet Inhouse statt. Batteriezellen von CATL kommen dabei in den Modellen Corsa-e, Zafira-e und Vivaro-e zum Einsatz, für den Grandland Hybrid und Hybrid 4 liefert LG Chem die Stromspeicher.

Ebenso wie Volkswagen möchte auch Opel in den kommenden Jahren über den Mutterkonzern PSA selbst in die Produktion von Batteriezellen einsteigen. Zu diesem Zweck gründeten PSA sowie der Energiekonzern Total das Joint Venture ACC („Automotive Cells Company“), das von den Regierungen in Deutschland und Frankreich mit zusammen 1,3 Milliarden Euro gefördert wird und insgesamt Investitionen von über fünf Milliarden Euro umfassen soll. Die Entwicklung und Herstellung von Hochleistungsbatterien soll das Unternehmen ab dem Jahr 2023 aufnehmen. Das Forschungs- und Entwicklungszentrum in Bordeaux und der Pilotstandort im französischen Nersac haben dem Hersteller zufolge bereits die Entwicklungsarbeit aufgenommen.

Geplanter Standort Nersac von PSA und Total
Im französischen Nersac wollen PSA und Total in Zukunft Batteriezellen entwickeln. Bild: PSA

Letztendlich sollen zwei neue Gigafabriken in Kaiserslautern und im französischen Douvrin entstehen und Batterien an die PSA-Marken sowie externe Kunden liefern. Bei Opel heißt es auf Nachfrage, die Endausbaustufe der Fabrik in Kaiserslautern soll jährlich bis zu 500.000 Fahrzeuge mit Stromspeichern ausrüsten können. Anfänglich möchten PSA und Total eine Kapazität von acht Gigawattstunden abdecken können, als Ziel gelten bis 2030 rund 48 Gigawattstunden. Dies reicht dem Hersteller zufolge etwa für eine Million Elektrofahrzeuge pro Jahr oder etwa zehn Prozent des europäischen Marktes.

Auch bei den neuen Einrichtungen von PSA und Total steht der Nachhaltigkeitsgedanke im Fokus. „Die Gründung von ACC zeigt das Bekenntnis von Total, auf die Herausforderung des Klimawandels zu reagieren und sich als Multi-Energie-Konzern weiterzuentwickeln, der eine wichtige Rolle bei der Energiewende spielt und den Kunden weiterhin saubere, wirtschaftliche und zuverlässige Energie liefert“, erklärt etwa Patrick Pouyanné, Chairman von Total. „Wir möchten die anerkannten Fähigkeiten unserer Tochtergesellschaft SAFT im Bereich Batterien und das industrielle Know-how unseres Partners PSA nutzen, um für das starke Wachstum von Elektrofahrzeugen in Europa gewappnet zu sein.“

Volkswagen muss immensen Batteriebedarf stemmen

Im Rahmen der „Roadmap E“ sollen die Marken des Volkswagen-Konzerns bis zum Jahr 2025 insgesamt 50 neue BEV auf die Straße bringen. Für die Ausstattung der Flotte benötige man daher eine jährliche Batteriekapazität von mehr als 300 Gigawattstunden, heißt es seitens des Autoherstellers. Kein Wunder also, dass Volkswagen auf ein umfangreiches Partnernetzwerk setzt. Für Europa haben sich die Volkswagen die Partner LG Chem, Samsung und SK Innovation als strategische Lieferanten mit ins Boot geholt, ab 2022 soll SK Innovation zudem den Bedarf auf dem nordamerikanischen Markt abdecken. Strategischer Partner für China ist derweil der Batterieriese CATL.

Gleichzeitig stärkt Volkswagen auch die Kapazitäten bei der Fertigung von eigenen Batteriezellen: Gemeinsam mit dem schwedischen Energiespezialisten Northvolt wurde hierzu ein Joint Venture gegründet, das im niedersächsischen Salzgitter eigene Zellen produzieren soll. An der neuen Firma halten beide Partner jeweils 50 Prozent, Volkswagen ließ anfangs verkünden, man solle sich die gemeinsamen Aktivitäten alleine 900 Millionen Euro kosten lassen: Zum Teil sollte auf diese Weise das Joint Venture und ein Einstieg Volkswagens bei Northvolt finanziert werden. Im Mai vergangenen Jahres wurden die geplanten Finanzmittel um weitere 450 Millionen Euro aufgestockt. Aufgebracht werden sollen diese für den Bau der Gebäude und Werksinfrastruktur, die der Autohersteller anschließend an das Gemeinschaftsunternehmen vermieten möchte.

Entwicklung von Batteriezellen bei VOlkswagen in Salzgitter
Volkswagen entwickelt in Salzgitter eigene Batteriezellen. Bild: Volkswagen

Insgesamt will Volkswagen drei Fertigungslinien in Salzgitter aufbauen, der Start der Arbeiten an dem Werk ist für Anfang 2021 vorgesehen. Bereits seit September 2020 fertigen die Wolfsburger in Salzgitter erste Batteriezellen für Prototypen. Die Produktion des Standortes Salzgitter soll Anfang 2024 starten, zu Beginn sollen rund 16 Gigawattstunden des Konzernbedarfs abgedeckt werden.

Gleichzeitig baut Northvolt unter Beteiligung von Volkswagen und BMW, die entsprechende Batteriezellen beziehen wollen, eine neue Fabrik in Schweden auf. Unterstützt wird das Unterfangen im Rahmen der Außenwirtschaftsförderung unter anderem von einer rund 443 Millionen Euro starken staatlichen Garantie des Bundeswirtschaftsministeriums.

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