Korea ist mehr als Hyundai, Kia und die Nachlassverwalter von Ssangyong. Auch Renault fühlt sich hier zu Hause und will ein großes Stück vom Kuchen. Das Werk in Busan spielt bei diesem Plan eine besondere Rolle.
Thomas GeigerThomasGeiger
4 min
In Busan werden auf 1,5 Millionen Quadratkilometern rein elektrische Autos, Hybrid-Modelle und Benziner gebaut.Renault
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Über 75 Prozent Marktanteil für drei Marken aus einem
Konzern – seit dem Ende der DDR gibt es wohl kein Land auf der Welt, in dem ein
Unternehmen den Automarkt derart dominiert wie der Hyundai-Konzern in Korea.
Und selbst dort mussten sich Wartburg und Trabant den Markt teilen.
„Doch Korea ist nicht nur Hyundai und Kia“, sagt Nicolas
Paris. Er ist der Renault-Chef in Seoul und schlägt sich für einen Anbieter aus
dem Ausland mit knapp vier Prozent oder 80.000 Fahrzeugen Anteil an den knapp
1,7 Millionen Zulassungen und dem zweiten Rang noch vor Ssangyong-Erbe KGM als
weiterem Lokalmatador mehr als tapfer. Zum Vergleich: Auch Mercedes oder BMW,
die Korea als einen ihrer größten Auslandsmärkte nach China und den USA rühmen,
liegen mehr oder minder deutlich dahinter.
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Renaults industrielle Basis in Korea
Aber Renault ist in Korea auch keine Importmarke. Denn
erstens sind die Franzosen schon vor 25 Jahren bei Samsung Motors eingestiegen
und haben erst 2022 den koreanischen Beinamen abgelegt. Und zweitens betreiben
sie aus dieser Historie heraus in Busan, an der Südküste des Landes, ein Werk.
Von der 3,5-Millionen-Stadt aus, in der das Herz des koreanischen Maschinenbaus
und der Werftindustrie schlägt, bedienen sie den lokalen Markt mit dem Arkana,
dem Grand Koleos und ab diesem Frühjahr auch mit dem neuen Flaggschiff Filante.
Mit dem mutig gezeichneten und mit einem 250 PS starken
Hybrid-Antrieb bestückten Cross-Over auf einer Geely-Plattform kehren die
Franzosen in die Fünf-Meter-Klasse zurück und wollen so ihre Position im Kampf
gegen Hyundai und Kia stärken. Weil aber die Kapazität mit aktuell rund 150.000
Fahrzeugen pro Jahr weitaus größer ist, als Paris es für seinen eigenen Markt
braucht, legen vom sechstgrößten Überseehafen der Welt auch regelmäßig Schiffe
mit Renaults ab. Insgesamt haben die Franzosen dort bereits vier Millionen
Autos produziert und fast die Hälfte davon exportiert, sagt Paris.
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In Busan arbeiten 1.785 Menschen, rund 1.500 davon in der Produktion.Renault
Nicht erst, seit sie es mit einer Tranche der drei
Milliarden Euro aus ihrem „International Game Plan“ für die Produktion ihres
ersten E-Segment-Modells seit Jahren ertüchtigt und das Aurora-Programm für
drei neue Korea-Modelle in drei Jahren aufgelegt haben, hat Busan unter den 26
Werken in der Renault-Welt einen exzellenten Ruf. „Wir belegen im internen
Ranking Spitzenplätze bei der Produktionsqualität und der Kundenzufriedenheit“,
rühmt der bisherige Werksleiter Haejin Lee die 1.785 Mitarbeiter, von denen
rund 1.500 in der Produktion beschäftigt sind. Damit stellt Busan mehr als die
Hälfte der knapp 3.000 Mitarbeiter, von denen 650 im eigenen Entwicklungs- und
Designzentrum arbeiten und noch einmal gute 500 im Headquarter in Seoul.
Flexible Produktion für mehrere
Marken
Was Busan aber noch viel stärker auszeichnet, ist die
erstaunliche Flexibilität des Werkes. Sie haben auf dem 1,5 Millionen
Quadratkilometer großen Areal zwar nur eine einzige Produktionslinie, auf der
sie bis zu 55 Autos pro Stunde bauen können. Aber darüber läuft eine
Fahrzeugflotte, die kaum unterschiedlicher sein könnte. Sie bauen rein
elektrische Autos, Hybrid-Modelle und Benziner und nutzen dafür drei
unterschiedliche Plattformen und vier Karosserien. „Früher haben wir sogar auch
noch Diesel installiert“, sagt Lee stolz.
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Und es sind nicht nur unterschiedliche Modelle, die sie hier
fertigen. Unter Lees Dach laufen auch mehrere Marken vom Band. Früher waren das
Nissan, Samsung und Renault, zur besten Zeit sieben Fahrzeuge auf vier,
erinnert sich Lee an die zweite Hälfte des letzten Jahrzehnts.
Heute wechseln sich auf dem Band Renault und Polestar ab.
Denn Polestar-Mutter Geely ist an Renault Korea mit 34 Prozent beteiligt und
nutzt Busan für den Polestar 4 als Hintertür in die USA, die keine Autos aus
China ins Land lassen.
Damit so viel Flexibilität möglich ist, musste Lees
Mannschaft tief in die Trickkiste greifen. Das Fertigungsband zum Beispiel hebt
und senkt sich für jedes Auto auf eine ergonomisch optimale Höhe und gleicht
deshalb einer Berg- und Talbahn, und allein in dem Warenhaus der Endmontage
stapeln sich 6.000 Teile, die nach einem ausgeklügelten System sortiert und von
Spezialisten so auf Vorratswagen geladen werden, dass es am Band nicht zu
Verwechslungen kommen kann. Denn den Transport zwischen den einzelnen Stationen
übernehmen autonome Flurförderfahrzeuge, die fiepen, bimmeln und blinken und
das Werk klingen lassen wie eine japanische Pachinko-Halle.
Die ersten 40 davon brauchen – eine Premiere in der
Renault-Welt – keine Führung mehr, sondern sind auf angelernten Pfaden frei
unterwegs wie daheim der Staubsaugerroboter. Weil das mehr Sicherheit und
Flexibilität bietet, will Renault binnen zwei Jahren über 500 davon einsetzen
und das Konzept von Busan aus in den Rest der Welt übertragen. Sind die Teile
vorsortiert in der Endmontage angekommen, laufen die Wagen im Gleichtakt mit
dem Band weiter, das über den gesamten Verlauf nicht stoppt. Selbst die Sitze
werden von Robotern auf Laufschienen während der Fahrt installiert.
Smarte Fertigung ist in Busan gelebte Realität.Renault
Damit dabei nichts schiefgeht und Busan seine
Spitzenposition im Qualitätsranking halten kann, hat Renault viel in die
Prozesskontrolle investiert – und setzt dabei neuerdings verstärkt auf
künstliche Intelligenz. Schon jetzt werden wichtige Fertigungsschritte mit
Kameras überwacht, deren Aufnahmen elektronisch ausgewertet werden, sodass ein
Monteur im Zweifel manuell arbeiten kann. Während dabei bislang allerdings nur
der Ist- und Sollzustand verglichen wird, wechseln die Franzosen jetzt
schrittweise auf eine selbstlernende Software, die in kürzerer Zeit mehr
Kontrollen gründlicher ausführen kann. So reichen dem digitalen
Qualitätsinspektor drei Fotos, um 185 Montagepunkte zu kontrollieren. Und an
dem Roboterarm, der die 12-Volt-Batterie montiert, ist zugleich eine Kamera
befestigt, mit der die Software 26 Punkte im Motorraum kontrollieren kann.
Hightech und Digitalisierung spielen auch in der Logistik
eine große Rolle. Die Kalibrierung der Radarsensoren zum Beispiel auf der
Teststrecke hinter dem Werk übernimmt schon heute meist der Autopilot, und wenn
es nach Lee geht, muss bald auch niemand mehr die fertigen Fahrzeuge auf die
großen Parkplätze rangieren. „Das kann die Elektronik schneller, besser und vor
allem billiger.“
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Skalierung mit Augenmaß und globalem Blick
Vielleicht werden Lee und Paris die Hilfe des Autopiloten
schneller brauchen, als sie denken, um die Autos auf dem Parkplatz noch etwas
enger zusammenzustellen. Zwar glaubt weder der Korea-Chef noch der Pariser
Produktionsvorstand Thierry Charvet, dass Busan so bald wieder auf drei
Schichten umstellen und mehr als eine halbe Million Autos produzieren wird wie
in der Zeit, als sie für Nissan den Rogue in die USA geliefert haben. Das lasse
sich schon mit dem hohen Qualitätsanspruch an die durchweg in den oberen
Segmenten positionierten Fahrzeuge aus Busan kaum vereinen, dämpft er die
Erwartungen. Doch erstens haben sie mit dem neuen Flaggschiff Filante noch viel
vor in Korea, in den Golfstaaten und in Südamerika, sodass sie von zuletzt
84.000 produzierten Autos schnell wieder an der Schwelle zu einer zweiten
Schicht stehen könnten. Und zweitens spielt die klimatische Entwicklung auf dem
Globus dem Standort in die Karten.
Der von Busan gilt mit einem Umschlag von mehr als 24
Millionen Seecontainern bereits heute als ein wichtiges Tor nach und von Asien.
Aber wenn das Eis um die Pole weiter taut, dann wird die zweitgrößte Stadt
Koreas zu einem der letzten westlichen Handelshubs vor der Arktis und zum
Gateway für ganz neue Handelswege. Und mit dem Export kennen sie sich aus im
Renault-Werk Busan – schließlich haben sie ihre Autos bereits in 145 Länder
geliefert.