Warum Cyberangriffe die Automobilfertigung direkt treffen
Cyberangriffe verursachen mehr und mehr Milliardenverluste in der Automobilproduktion. Eine Studie des CAM und Cisco analysiert Risiken, Lieferketten und Governance-Defizite.
Die Produktion von JLR wurde 2025 Opfer eines Cyberangriffs.JLR
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Der Produktionsstillstand beginnt unspektakulär. Keine
Explosion, kein sichtbarer Schaden. Stattdessen bleiben Bildschirme dunkel,
Roboter stehen, der Takt reißt ab. Was früher als IT-Problem galt, entfaltet
heute physische Wirkung in der Fertigung. Cyberangriffe treffen die
Automobilindustrie zunehmend dort, wo Wertschöpfung entsteht – in der laufenden
Produktion und entlang globaler Lieferketten. Cyberattacken auf Toyota, Suzuki,
Thyssenkrupp Automotive, Honda, Bridgestone oder Jaguar Land Rover führten zuletzt
zu massiven Fertigungsunterbrechungen und Lieferengpässen.
Milliardenrisiko für die Fertigung
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Die aktuelle Studie „Automotive Cybersecurity 2026“ des
Center of Automotive Management (CAM) zusammen mit Cisco Systems und Automobil Produktion beschreibt diese Verschiebung deutlich.
Cyberangriffe entwickeln sich demnach zu einem systemischen Risiko für
industrielle Produktionsnetzwerke. Die weltweiten Schadenskosten im
Automobilsektor beziffert die Untersuchung inzwischen auf mehr als 20
Milliarden US-Dollar – rund zwanzigmal so viel wie noch 2022. Stillstände,
Lieferengpässe und verzögerte Hochläufe sind keine theoretischen Szenarien
mehr, sondern reale Folgen digitaler Angriffe. „Die Automobilproduktion ist heute ein systemrelevantes
Ziel globaler Cyberakteure“, sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of
Automotive Management. Produktionsstillstände verursachten inzwischen „Schäden
im zweistelligen Millionenbereich – pro Tag“. Der Angriff richte sich nicht
mehr primär gegen Daten, sondern gegen die Funktionsfähigkeit industrieller
Systeme. Professionelle Ransomware-Gruppen, staatlich gesteuerte Akteure und
kompromittierte Lieferketten rückten Produktionsnetzwerke gezielt in den Fokus.
„Unternehmen in der Automobilbranche benötigen heute einen
umfassenden Sicherheitsansatz, der über IT und OT sowie Produktion und
Office-Kommunikation reicht“, so Thorsten Rosendahl, Technical Leader
Engineering bei Cisco Talos.
Lieferketten als Einfallstor
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Die Ursachen liegen in der tiefgreifenden Transformation
der Werke. IT- und OT-Systeme wachsen zusammen, Produktionsanlagen sind mit
Cloud-Plattformen, externen Dienstleistern und Zuliefernetzwerken verbunden.
Diese Vernetzung steigert Effizienz und Flexibilität, erhöht aber zugleich die
Angriffsfläche. Sicherheitsgrenzen zwischen Büro-IT und Fertigung lösen sich
auf. Ein kompromittierter Fernzugang oder ein manipuliertes Software-Update
kann sich über mehrere Ebenen hinweg ausbreiten – von der Unternehmens-IT bis
in die Steuerungslogik einzelner Anlagen.
Besonders verwundbar sind dabei Lieferketten. Laut der im
Whitepaper zitierten Studie von VicOne entfallen 56,9 Prozent der Cyberangriffe
auf Zulieferer, 21,5 Prozent auf Händler und lediglich 9,8 Prozent auf OEMs.
Tier-2- und Tier-3-Partner verfügen häufig über geringere
Sicherheitsressourcen, sind aber digital eng in Produktionsprozesse
eingebunden. Angriffe auf einzelne Partner können sich kaskadenartig auf ganze
Produktionsverbünde auswirken. Die Stabilität eines Werks hängt damit zunehmend
von der Cyberresilienz externer Akteure ab.
Organisation wichtiger als Technik
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Auffällig ist, dass die größten Defizite weniger in
fehlender Technologie liegen als in Organisation und Governance. Viele Werke
arbeiten mit historisch gewachsenen OT-Landschaften, die nur unzureichend
segmentiert sind. Sicherheitsanforderungen werden oft spät in Planungs- oder
Umbauprozesse integriert. Zuständigkeiten zwischen IT, Produktion und
Engineering bleiben unscharf verteilt.
„Cybersecurity ist längst keine reine IT-Disziplin mehr,
sondern eine operative Herausforderung im Herzstück der Wertschöpfung“, betont
Bratzel. In einer für das Whitepaper ausgewerteten Umfrage von Techconsult im
Auftrag von Diconium nannten 19,5 Prozent der befragten IT-Entscheider die
Sicherheit in Cloud- und Remote-Umgebungen als größte Herausforderung.
Ransomware- und Malware-Angriffe folgen mit 19,0 Prozent. Datenschutz (16,5
Prozent), KI-basierte Bedrohungen (14,5 Prozent) sowie Schwachstellen in vernetzten
Fahrzeugen (14,0 Prozent) schließen sich an.
„Wir
sehen die Automobilbranche weltweit im Fokus von Cyberangriffen – das ist für
den Wirtschaftsstandort Deutschland natürlich besonders bedeutend.
Cyberangriffe werden heute gezielt auf das schwächste Glied im IT-Ökosystem
gerichtet. Egal ob DAX-Konzern oder Mittelstand: Ein ganzheitlicher Cyberschutz
ist heute überlebensrelevant für jedes Unternehmen in der Automobilbranche“,
ergänzt Rosendahl.
Das 4C-Modell zu Bewertung der Cyberresilienz in Unternehmen.CAM
4C-Modell als strategischer Rahmen
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Zusätzlichen Druck erzeugt die regulatorische
Entwicklung. Mit Vorgaben wie UN R155 und R156, dem Cyber Resilience Act oder
dem AI Act wird Cybersicherheit auditierbar und verbindlich – nicht nur für
Fahrzeuge, sondern auch für Produktions- und Lieferkettenstrukturen. Sicherheit
wird damit zur Management- und Führungsaufgabe.
Als Orientierungsrahmen stellt die Studie das 4C-Modell
vor. Es betrachtet Cyberresilienz entlang der Dimensionen Kompetenzen,
Kooperationen, Kultur und Organisation sowie Cyberstrategie. Technische
Schutzmaßnahmen allein reichen demnach nicht aus. Erst das Zusammenspiel aus
qualifizierten Mitarbeitenden, belastbaren Lieferantenbeziehungen, klaren
Verantwortlichkeiten und strategischer Verankerung schafft robuste
Produktionssysteme.
Viele Hersteller investieren bereits in
Zero-Trust-Architekturen, OT-Monitoring, sichere Updateprozesse und
Lieferantensicherheit. Dennoch bleibt die Umsetzung uneinheitlich, insbesondere
in global verteilten Produktionsnetzwerken. Kleine und mittelständische
Zulieferer stehen vor besonderen Herausforderungen. Gleichzeitig wächst die
Abhängigkeit der Werke von digitalen Plattformen und KI-gestützten Anwendungen.
Manipulierte Daten oder fehlerhafte Modelle können unmittelbare Auswirkungen
auf Qualität und Verfügbarkeit haben.
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„Ein ganzheitlicher Cyberschutz ist heute
überlebensrelevant für jedes Unternehmen in der Automobilbranche“, sagt
Bratzel. Neben Taktzeit, Ausbringung und Qualität rückt damit die Resilienz in
den Fokus. Wie schnell kann ein Werk nach einem Angriff wieder anlaufen? Wie
transparent sind digitale Abhängigkeiten? Und wie robust sind Prozesse, wenn
Systeme ausfallen? Die Antworten darauf entscheiden zunehmend darüber, ob
vernetzte Produktion zum Wettbewerbsvorteil wird – oder zum Risiko.
Automotive Cybersecurity 2026 zum Download!
Die Studie Automotive Cybersecurity in der Produktion
von CAM und Cisco zeigt, wie sich digitale Angriffe zu einem systemischen
Risiko für industrielle Netzwerke entwickelt haben. Die Studie liefert mit
einem ganzheitlichen Modell konkrete Ansatzpunkte, wie Unternehmen Kompetenzen,
Organisation, Kooperationen und Cyberstrategie systematisch stärken können.
Mehr dazu, wie Cyberresilienz zur entscheidenden
Managementaufgabe in der automobilen Produktion wird, lesen Sie in Executive
Summary und Langfassung der Studie. Beides kann hier heruntergeladen werden.