JLR setzt auf Stellantis für Defender-Produktion in den USA
Die Kooperation von JLR und Stellantis zur Produktion neuer Defender-Modelle in den USA soll Zölle umgehen, Währungsrisiken absichern und eine Geländewagen-Tradition wiederbeleben, von der sich der aktuelle Defender entfernt hat.
Nordamerika ist JLRs größter Absatzmarkt. Im Geschäftsjahr bis zum 31. März 2026 verkaufte der Konzern dort knapp 100.000 Fahrzeuge.Jaguar Land Rover
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Produktionsnetzwerke werden üblicherweise langsam angepasst – Werk für Werk und Modellzyklus für Modellzyklus. JLR wählt als Reaktion auf die US-Zölle einen anderen Weg. Statt eine bestehende Produktionslinie über den Atlantik zu verlagern, will der britische Automobilhersteller eine neue Fertigung aufbauen – und dafür die Werke eines anderen OEM nutzen.
JLR bestätigte während seiner Quartalskonferenz am 13. August, dass die geplante Zusammenarbeit mit Stellantis auch die tatsächliche Montage von Fahrzeugen in den USA umfassen wird. Die bereits im Mai angekündigte Kooperation soll bis Ende des Jahres durch eine verbindliche Absichtserklärung konkretisiert werden. Vorgesehen ist, neue Fahrzeuge unter der Marke Defender gemeinsam zu entwickeln und in US-Werken von Stellantis zu fertigen.
US-Zölle machen lokale Produktion attraktiver
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Der Hintergrund ist vor allem handelspolitischer Natur. JLR importiert bislang sämtliche Fahrzeuge, die das Unternehmen in seinem größten Absatzmarkt verkauft. Seit 2025 gelten zusätzliche Zölle von 10 Prozent auf in Großbritannien produzierte Fahrzeuge und 15 Prozent auf Fahrzeuge aus der EU. In diese zweite Kategorie fällt auch der in der Slowakei gebaute Defender.
JLRs Finanzvorstand Richard Molyneux machte deutlich, dass der Hersteller einen Teil seiner Produktion künftig innerhalb der US-Zollgrenzen ansiedeln müsse. Damit reagiert JLR später als einige Wettbewerber. BMW und Mercedes-Benz produzieren bereits seit Jahrzehnten große SUV in South Carolina beziehungsweise Alabama. Volvo fertigt den EX90 ebenfalls in den USA und bereitet dort zusätzlich die Produktion des XC60 vor. Für JLR, dessen Profitabilität stark vom US-Geschäft abhängt, wird die vollständige Abhängigkeit von Importen zunehmend teuer.
Bemerkenswert ist vor allem, welchen Weg JLR dabei wählt. Molyneux machte deutlich, dass eine Lokalisierung der bestehenden Modellpalette bei den aktuellen Stückzahlen wirtschaftlich kaum sinnvoll wäre. JLR verkauft in den USA jährlich rund 30.000 Defender. Selbst bei 50.000 Einheiten ließe sich nach Einschätzung des Unternehmens keine ausreichend effiziente lokale Produktion darstellen.
Stattdessen will JLR mit gemeinsam mit Stellantis entwickelten Defender-Modellen in neue Marktsegmente vorstoßen. Welche Segmente konkret gemeint sind, hat der Hersteller bislang nicht erläutert. Naheliegend wäre jedoch eine stärkere Rückkehr zum klassischen, robusten Geländewagen. Ein Defender mit Leiterrahmen auf technischer Basis des Jeep Wrangler könnte JLR wieder in einem Segment positionieren, aus dem sich die Marke mit der Entwicklung des aktuellen Defender hin zu einem Premium-SUV weitgehend zurückgezogen hat.
Gut 30.000 Defender verkauft JLR pro Jahr in den USA.RICHARD PRESCOTT
Gerade in den USA ist dieses Segment weiterhin attraktiv. Neben dem Jeep Wrangler konkurrieren dort unter anderem höher ausgestattete Varianten des Ford Bronco, die neue Scout-Marke des Volkswagen-Konzerns und der Ineos Grenadier.
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Für Stellantis wiederum bietet eine Kooperation die Möglichkeit, bestehende Jeep-Architekturen und Produktionskapazitäten auch für einen Premium-Partner zu nutzen. Gleichzeitig könnten bislang nicht ausgelastete Fertigungskapazitäten besser eingesetzt werden.
US-Produktion mindert auch das Währungsrisiko
Die Zölle sind jedoch nur ein Teil der wirtschaftlichen Überlegungen. Molyneux bezeichnete eine Produktion in den USA zugleich als Instrument zur Absicherung gegen Wechselkursschwankungen.
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JLR verfügt aufgrund seiner hohen Umsätze in den Vereinigten Staaten über eine große Dollar-Long-Position. Werden Fahrzeuge direkt in den USA produziert, entstehen dort zugleich höhere Kosten in US-Dollar. Dadurch entsteht eine natürliche Absicherung gegenüber Schwankungen zwischen Dollar und britischem Pfund. Je stärker der Anteil des US-Geschäfts am Gesamtkonzern wächst, desto wichtiger wird dieser Effekt. Eine US-Produktion wäre damit neben einer industriepolitischen auch eine finanzwirtschaftliche Entscheidung.
CEO PB Balaji hatte beim Investorentag des Unternehmens im Juni erklärt, dass das US-Geschäft langfristig die Größenordnung erreichen solle, die heute das gesamte Geschäft von JLR besitzt.
Nordamerika ist bereits der größte Absatzmarkt des Konzerns. Im Geschäftsjahr bis zum 31. März verkaufte JLR dort knapp 100.000 Fahrzeuge der Modellreihen Range Rover, Defender, Discovery und Jaguar. Das entsprach 28 Prozent des weltweiten Absatzes von 352.389 Fahrzeugen. Im Quartal bis zum 30. Juni stieg der Anteil Nordamerikas sogar auf 34 Prozent.
Schwaches China-Geschäft macht die USA noch interessanter
Die wachsende Bedeutung Nordamerikas hängt gleichzeitig mit der Entwicklung in anderen Märkten zusammen. China war früher der größte Markt für JLR. Im jüngsten Quartal gingen die Verkäufe dort jedoch um 26 Prozent zurück. Damit entfielen nur noch 11 Prozent des weltweiten Absatzes auf China.
Die Entwicklung steht im Zusammenhang mit dem zunehmenden Druck auf europäische Premiummarken im chinesischen Markt. Chinesische Käufer wenden sich in hohem Tempo von klassischen Verbrennermodellen ab und zunehmend elektrifizierten sowie digital geprägten Fahrzeugen heimischer Hersteller zu.Molyneux zeigte sich hinsichtlich der weiteren Entwicklung zurückhaltend: „China dürfte für uns kaum einfacher werden.“
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JLR setzt in den USA auf höhere Margen
Die USA passen dagegen gut zur aktuellen Strategie von JLR. Der Hersteller konzentriert sich stärker auf hochpreisige Fahrzeuge mit hohen Margen. Angestrebt werden ein jährliches Umsatzwachstum von 10 Prozent und ein durchschnittlicher Verkaufspreis von mehr als 80.000 Pfund beziehungsweise rund 108.000 US-Dollar pro Fahrzeug. Im Quartal bis zum 30. Juni lag der durchschnittliche Verkaufspreis bei 75.300 Pfund beziehungsweise etwa 102.000 Dollar. JLR veröffentlicht zwar keine Gewinne nach einzelnen Märkten, betont jedoch seit Langem, dass die USA aufgrund des höheren Preisniveaus die höchsten Erträge pro Fahrzeug liefern.
Gleichzeitig sieht das Management dort noch erhebliches Wachstumspotenzial. Balaji bezeichnete die aktuelle Marktdurchdringung von JLR in den USA als vergleichsweise gering und erklärte, der Hersteller sei im US-Markt weiterhin nur ein sehr kleiner Anbieter. Genau diese Kombination erklärt die Entscheidung für eine Produktionspartnerschaft mit Stellantis: Der US-Markt ist für JLR zu wichtig, um ihn dauerhaft vollständig über Importe zu bedienen, zugleich sind die vorhandenen Stückzahlen für eine eigenständige Lokalisierung bestehender Baureihen zu gering.
Mit einer neuen Defender-Modellfamilie innerhalb des bestehenden US-Produktionsnetzwerks von Stellantis kann JLR seine Präsenz ausbauen, Zoll- und Währungsrisiken reduzieren und neue Segmente erschließen – ohne selbst Milliarden in ein eigenes neues US-Werk investieren zu müssen.