Sequenzierung in der Montage

Sequenzierung wird zum Hebel für stabile Fahrzeugmontage

Mit wachsender Variantenvielfalt steigt der Druck auf Produktionssysteme, Reihenfolgen präzise zu planen. OEMs und Komponentenwerke digitalisieren deshalb die Sequenzbildung, koppeln sie enger an Arbeitsinhalte und suchen nach skalierbaren, transparenten Optimierungsansätzen.

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Algorithmen helfen, Variantenmix und Arbeitsinhalte in Fließlinien stabil zu steuern.

Reihenfolgebildung ist in vielen Automobilfabriken längst kein reines Logistikthema mehr. Sie bestimmt, ob Fahrzeuglinien ihre Taktvorgaben einhalten, ob Material pünktlich am Band ankommt und ob die Belastung der Teams über die Schicht hinweg ausbalanciert bleibt. In der Praxis steigt die Variantenvielfalt, weil Verbrenner- und Elektrofahrzeuge sowie unterschiedliche Derivate parallel auf gemeinsamen Linien laufen. Gleichzeitig schwankt die Teileverfügbarkeit stärker. Patrick Ball, verantwortlich für die Planungsprozesse der Aggregatewerke bei der Daimler Truck AG in Mannheim, Kassel und Gaggenau, beschreibt die Doppelrolle seiner Organisation als Lieferant und Kunde zugleich. Die Werke würden weltweit Kunden bedienen und zugleich Lieferanten weltweit ansteuern. Abrufschwankungen und Störungen wie Fehlteile oder Bestandsdifferenzen erschwerten die Sequenzbildung. Ball sagt: „Wir stecken sehr viel Aufwand in die Sequenzierung und sind dann über den ganzen Tag damit beschäftigt, ein optimales Sequenzprogramm zu erstellen.“ 

Auf OEM-Seite wird die Herausforderung sichtbar, wenn mehrere Baureihen mit stark unterschiedlichen Technologieständen auf einer Linie gefertigt werden. Fabian Troll, zuständig für Steuerung und Reihenfolgebildung bei der Porsche Leipzig GmbH, berichtet von drei Baureihen auf einer Linie und einer großen Spreizung in der Technologie. Die Aufgabe bestehe darin, Fahrzeuge so einzutakten, dass keine Überlast in die Linie gelange und dennoch nur das benötigte Personal eingesetzt werde. Zwischen einem sehr einfachen und einem maximal ausgetakteten Fahrzeug könne der Arbeitsinhalt um rund 50 Prozent differieren. Um diese Unterschiede abzufangen, arbeite die Montage mit Mixtaktung, Floating und gezielt eingesetzten Springern. Diese Unterstützung erfolge heute vielfach noch auf Zuruf, könnte aber mit digitalen Mitteln planbarer werden, weil Überlastspitzen zeitlich und räumlich prognostizierbar seien. 

Hinter den operativen Effekten steht häufig eine IT-Landschaft, die historisch gewachsen ist. In der Umstellung auf S/4HANA und bei der Abgrenzung zwischen ERP, APS und MES wird Sequenzierung deshalb erneut zum Thema. In der Konsequenz wird sie zunehmend als interdisziplinäre Aufgabe verstanden, bei der Fachbereiche und IT gemeinsam Regeln, Daten und Systemgrenzen festlegen müssen.

Regeln, Restriktionen und Kennzahlen als gemeinsamer Nenner

Die technische Herausforderung liegt in der Vielzahl und Wechselwirkung von Restriktionen. In Komponentenwerken wie bei Daimler Truck würden je Aggregatetyp typischerweise 20 bis 30 Regeln wirken, darunter Terminregeln, Abstandsregeln und Kapazitätsvorgaben für den Personaleinsatz. Ball beschreibt den Aufwand hinter diesen Regelwerken als hoch und dynamisch. Restriktionen entstünden teils als Reaktion auf akute Probleme und würden später wieder verändert. Jede zusätzliche Regel erhöhe die Komplexität, weil eine Lösung möglichst viele Anforderungen gleichzeitig erfüllen müsse. In Leipzig liege die Größenordnung ähnlich. Troll nennt aktuell rund 25 Restriktionen, weist aber darauf hin, dass sich Regeln gegenseitig bedingen und dadurch faktisch deutlich mehr wirksame Kombinationen entstehen. 

Für die Bewertung der Sequenzqualität setzt Porsche Leipzig auf Stabilität der sogenannten Perlenkette. Die Reihenfolge werde etwa zwei Wochen vor Montagestart festgelegt und kurz vor dem Einlauf in die Fertigung nochmals angepasst, typischerweise vier Stunden vorher. Ziel seien 95 Prozent, also dass 95 von 100 geplanten Fahrzeugen in der vorgesehenen Reihenfolge laufen. Diese Stabilität soll Ruhe in Logistik und Fertigung bringen und damit auch Termintreue und Qualität stützen, weil Überlast am Takt Stress und Fehler begünstigen könne. Bei der Werker-Auslastung strebe die Montage im Mittel rund 90 Prozent der Taktzeit an. 

In Komponentenwerken wird Sequenzstabilität ebenfalls als zentrale Zielgröße diskutiert. Ball bezeichnet sie als Master-KPI für ein Zielbild, in dem eine Sequenz mehrere Tage im Voraus geplant und dann auf Einhaltung geprüft wird. Entscheidend sei Transparenz darüber, warum Sequenzen verletzt werden. Ein standardisiertes Tool solle zudem die Harmonisierung der drei Aggregatewerke unterstützen und Vergleichbarkeit schaffen.

Algorithmik trifft Shopfloor-Realität

Softwareanbieter setzen in der Sequenzierung auf eine Kombination aus mathematischer Optimierung, Heuristiken und adaptiven Verfahren. Simon Altemeier, Geschäftsführer und Sequenzierungs-Experte bei Taktiq, kommt aus der Montageplanung und beschreibt, wie die Sicht aus dem Shopfloor die Produktentwicklung geprägt habe. Er habe erlebt, dass Mitarbeitende am Band unterschiedliche Belastungen unmittelbar spüren und deshalb oft früh auf eine bessere Reihenfolge drängen. Aus dieser Praxis sei die Idee entstanden, Sequenzierung nicht als Blackbox zu behandeln, sondern als steuerbaren Prozess. Altemeier berichtet von Anwendungen, in denen Sequenzierungsaufgaben, die zuvor mehrere Stunden manueller Prüfung erforderten, algorithmisch in sehr kurzer Zeit gelöst werden konnten. Er sagt: „Sowas konnten wir dann wirklich in 30 Sekunden fehlerfrei sequenzieren.“ 

Gleichzeitig betont Altemeier, dass Performance allein nicht ausreicht. Mindestens ebenso wichtig sei die Schnittstelle zum Menschen. Planer müssten verstehen, warum eine Lösung entsteht, welche Regeln verletzt würden und welche Zielkonflikte dahinterstehen. Nur dann lasse sich Vertrauen aufbauen und die Sequenzierung als Teil des Produktionssystems stabil betreiben. In der Praxis bedeutet das, Gewichtungen und Prioritäten nachvollziehbar abzubilden. Termintreue, Kapazitätsauslastung, Abstands- und Nachbarschaftsregeln, Ladungsträger-Umlauf, Blockbildungsregeln in der Lackierung oder zeitbezogene Vorgaben wie Sonderfahrzeuge in einer bestimmten Schicht müssen in einem Modell zusammengeführt werden. 

Aus OEM-Sicht verschiebt sich der Fokus dabei zunehmend von starren Restriktionen hin zu arbeitsinhaltsbasierten Modellen. Troll beschreibt, dass Reihenfolgen heute nicht mehr nur nach Regelsets gebildet werden, sondern bewusst mit Abtaktungen im Hintergrund. Arbeitsinhalte, Wege und Stationsbelegungen würden genutzt, um die Belastung über die Sequenz zu simulieren. Dadurch könne man Restriktionen perspektivisch reduzieren und stärker über reale Auslastung am Band steuern. Die Planung laufe bei Porsche Leipzig inzwischen weitgehend automatisiert. Die Software rechne die Perlenkette vollständig durch, der Mitarbeiter prüfe das Ergebnis und übernehme es meist unverändert. Dass diese Automatisierung nötig wurde, führt Troll auch auf den Faktor Mensch zurück. Mit wachsender Komplexität sei sichtbar geworden, dass Schichten unterschiedliche Planungsstile hatten und Mitarbeitende am Band erkennen konnten, wer die Reihenfolge eingesteuert hatte. Aus Sicht des Werks habe man die Kollegen deshalb systemisch unterstützen müssen.

Durchgängige Sequenzen und neue Automatisierungswellen

Ein zentrales Thema ist die Durchgängigkeit der Sequenz über Prozessketten hinweg. In der Fahrzeugproduktion wird die Montage häufig rückwärts terminiert, um Lack, Karosseriebau und interne Komponentenfertigung auf eine gemeinsame Reihenfolge auszurichten. Troll beschreibt, dass sich die Lackreihenfolge in der Regel an der Montage orientiert und Farblockungen dort integriert werden, wo es möglich ist. Gleichzeitig werde versucht, mit denselben Grundregeln im Karosseriebau zu starten, damit die Logik vom Bodyshop bis zur Endmontage konsistent bleibt. Diese Kopplung begrenze zwar extreme Blockstrategien, vermeide aber zusätzliche Komplexität durch ständig wechselnde Reihenfolgen zwischen den Bereichen. In Komponentenwerken ist die Situation ähnlich, aber durch unterschiedliche Durchlaufzeiten noch stärker durchlaufgetrieben. Ball beschreibt eine Rückwärtsterminierung und eine Spreizung der Durchlaufzeiten von weniger als einem Tag bis zu fünf Tagen. Um das Ausgangslager als Puffer zu nutzen, würden Aufträge teils bewusst vorgezogen und Sequenzen so gestaltet, dass Vormontagen, Hauptmontage und Materialflüsse zusammenpassen. Gerade in der Vormontage gebe es heute noch geringe Systemunterstützung und viel manuelle Arbeit, die stark von Erfahrung abhänge. 

Damit Sequenzierung in der Breite wirtschaftlich wird, nennt Altemeier als pragmatische Schwelle mindestens 15 aufeinanderfolgende Stationen in einem Fließsystem sowie eine spürbare Varianten- und Arbeitsinhaltsspreizung. Dann könne eine datenbasierte Mixtaktung helfen, Engpässe zu reduzieren, Stückzahlverluste zu vermeiden und den Einsatz von Springern zu minimieren. Anwendungen gebe es nicht nur in Pkw-Werken, sondern auch bei Trucks und Bussen, in der Montage von Wohnmobilen, Gabelstaplern, Kränen und Landmaschinen. 

Die Digitalisierung der Sequenzierung fällt in eine Phase, in der die Automobilindustrie ihre Produktionssysteme weiter automatisiert und zugleich auf mehr Flexibilität trimmt. Viele Hersteller und Zulieferer prüfen parallel, wie sich humanoide Robotik oder andere neue Robotikformen in Montageszenarien integrieren lassen, etwa für materialnahe Tätigkeiten, Nacharbeit oder ergonomisch ungünstige Schritte. Solche Ansätze erhöhen den Bedarf an präziser Takt- und Reihenfolgeplanung, weil Mensch und Roboter ihre Arbeit in denselben Taktstrukturen abstimmen müssen. Sequenzierung wird damit zu einem verbindenden Element zwischen Planung, Logistik und Shopfloor. Sie soll nicht nur die Reihenfolge von Aufträgen optimieren, sondern auch die Voraussetzungen schaffen, damit Fabriken Skalierung, Variantenmix und neue Automatisierungstechnologien gleichzeitig beherrschen können.