Im Münchner Stammwerk zeigt sich, wie sehr sich die Automobilproduktion verändert: Sie ist ein präzises, austariertes System aus Daten, Anlagen und Materialflüssen – Know-how und Einsatz der Mitarbeitenden machen daraus belastbare industrielle Praxis.
Ohne Fahrzeug zum Produktionsstart: Anlagen und Prozesse werden zunächst ohne Bauteile detailliert virtuell simuliert, wie hier im KarosseriebauBMW Group
Anzeige
Keine Karosserie, keine Türen, kein Sitz, kein Kabelbaum: Im
Münchner Stammwerk nimmt ein virtuelles Fahrzeug Gestalt an, ehe das erste
Blech in Form gebracht ist. Bei den sogenannten Common Function Tests läuft
Takt für Takt ein Auto durch die Fabrik, das man nicht sehen kann. Und doch
bewegt es bereits die gesamte Anlage. Die Produktion probt ihren Ernstfall,
lange bevor das erste reale Bauteil verbaut wird.
Darin steckt bereits die eigentliche Nachricht dieses
Anlaufs. Fabriken werden heute nicht mehr nur gebaut und hochgefahren. Sie
werden vorab simuliert, digital abgesichert und im laufenden Betrieb neu
programmiert. Der i3 ist in München deshalb weit mehr als das zweite Modell der
Neuen Klasse. Er dient BMW als Praxistest dafür, wie der Konzern seine
Produktion im Kern neu ordnet.
Anzeige
Der Anlauf beginnt mit einer Fabrik, die sich selbst
prüft
Der Produktionsstart beginnt mit einer Trockenübung, die auf
den ersten Blick unerquicklich technisch wirkt, in Wahrheit aber den Kern des
Projekts freilegt. Im neuen Karosseriebau und in der neuen Montage wurden die
Anlagen zunächst ohne Bauteile getestet. Beim sogenannten Common Function
Test entsteht Takt für Takt ein unsichtbares Fahrzeug, weil sämtliche
Prozessschritte bereits vollständig im System laufen. Das Auto ist noch nicht
da, die Fabrik aber muss schon funktionieren. BMW zieht damit den klassischen
Anlaufstress nach vorn: erst die digitale und physische Absicherung der
Prozesskette, dann Vorserie, dann Serie.
Peter Weber, Leiter des BMW Group Werks München, formuliert
den erreichten Zwischenstand ganz sachlich: „Die Produktionsanlagen sind in
allen Technologien startklar und unsere Mitarbeitenden werden bereits für die
Produktion geschult.“ Hinter dieser Formulierung steckt allerdings mehr als ein
Fortschrittsbericht. Sie deutet auf eine Fertigung hin, die sich vor dem ersten
Verkaufsfahrzeug selbst validieren muss.
Anzeige
Die neue Produktion entsteht zuerst im digitalen Raum
Jeder Produktionsschritt wird präzise geprüft – mit besonderem Fokus auf die Freigabe moderner Fertigungsanlagen und ihrer digitalen Anbindung an die Bestandssysteme.BMW Group
Neu ist vor allem die Konsequenz, mit der das Werk als
digital vernetztes System gedacht wird. Neuer Karosseriebau und neue Montage
entstanden von Anfang an auf digitaler Grundlage; bestehende Anlagen in
Presswerk und Lackiererei sind in die virtuelle Fabrik, BMWs
iFactory-Philosophie, integriert. Funktionstests ließen sich dadurch schon
lange vor dem physischen Hochlauf virtuell absichern. Hinzu kommen KI-gestützte
Qualitätskontrollen, automatisierte Oberflächeninspektionen, selbstmeldende
Fördertechnik, digitales Live-Tracking in der Montage und eine Logistik, die
große Teile ihrer Transportmissionen automatisiert koordiniert.
Im Presswerk laufen hochautomatisierte Linien, die täglich
mehrere zehntausend Bauteile fertigen können. Im Karosseriebau übernehmen rund
800 neue Industrieroboter die Fügevorgänge; die Zahl der Fügeverfahren wurde
auf fünf reduziert, was Prozesskomplexität spart. In der Lackiererei erkennen
AOI- und AOB-Systeme kleinste Oberflächenabweichungen digital und bearbeiten
sie teils direkt im laufenden Prozess. In der Montage sind Fahrzeuge, Werkzeuge
und Anlagen an das Produktionssystem angebunden; der i3 meldet schon während
des Aufbaus den Status von bis zu 20.000 Merkmalen digital zurück.
Rollenprüfstände werden dadurch überflüssig.
Anzeige
München baut nicht nur ein neues Modell, sondern ein
anderes Werk
Genau deshalb ist dieser Anlauf mehr als ein Modellstart.
BMW schiebt in München nicht einfach ein neues Elektrofahrzeug in ein
bestehendes Werk. Das Stammwerk wird strukturell neu ausgerichtet. Im August
2026 startet dort die Serienproduktion des BMW i3, des zweiten Modells der
Neuen Klasse. Ein Jahr später soll das Produktionsportfolio in München
vollständig auf vollelektrische Fahrzeuge der Neuen Klasse umgestellt sein.
Damit wird München zum ersten bestehenden Werk innerhalb der BMW Group, das
diesen vollständigen Wechsel vollzieht.
Ein Drittel der Werksfläche wurde in Rekordzeit um- und ausgebaut: Montage, Logistik und Karosseriebau sind neu.BMW Group
Dr. Milan Nedeljković, Produktionsvorstand der BMW AG,
ordnet das strategisch ein: „Mit der BMW iFACTORY haben wir einen konsistenten
strategischen Rahmen für unsere Produktion erarbeitet. Wir haben in all unseren
Werken die Weichen für die anstehenden Anläufe gestellt und stark in
Technologien, Digitalisierung und KI investiert.“ München ist in diesem Sinne
nicht nur Stammwerk, sondern Schaufenster und Belastungstest zugleich.
Auf der operativen Ebene wird der Anspruch noch deutlicher.
Nedeljković verweist darauf, dass BMW die Stückkosten in den Werken in den
vergangenen fünf Jahren um bis zu 25 Prozent gesenkt habe und weiterhin die Flexibilität biete, Änderungen von Sequenzen und Spezifikationen
bis sechs Tage vor Produktionsstart umzusetzen. Diese Beweglichkeit sei in der
Branche ungewöhnlich – und die Voraussetzung für ein Prinzip, das in München
besonders sichtbar werde: Production follows the market.
Anzeige
Der Umbau lief mitten in der Serienfertigung
Wie tief dieser Wandel greift, zeigt der Blick auf das Werk
selbst. In nur 18 Monaten wurden auf rund einem Drittel der Werksfläche alte
Hallen zurückgebaut und neue Strukturen für Karosseriebau, Montage, Logistik
und Versorgung errichtet. Und das nicht auf der grünen Wiese, sondern bei
laufender Produktion von bis zu 1.000 Fahrzeugen der Volumenmodelle pro Tag.
Der Umbau glich und gleicht damit weniger einem Neubau als einer Operation am
offenen Herzen.
Weber beschreibt die industrielle Stoßrichtung so: „Wir
haben den gesamten Wertstrom vom Lieferanten bis zum fertigen Kundenfahrzeug
neu gedacht und jeden einzelnen Prozess im Detail angeschaut und optimiert.
Heute ist unser Werk noch effizienter, flexibler und noch digitalisierter als
je zuvor.“ Produktion, Logistik, Lieferkette und Qualifizierung verbinden sich
damit zu einer einzigen Fabriklogik.
Anzeige
Zulieferer müssen tiefer ins System hineinliefern
Gerade für Zulieferer ist dieser Umbau mehr als eine
technische Modernisierung. Wer in ein derart eng getaktetes System liefert,
bringt nicht mehr nur Teile an die Linie, sondern muss in einen digital
abgesicherten Wertstrom passen. Das betrifft Standards, Rückverfolgbarkeit,
Fehlerrobustheit und die Fähigkeit, Prozesse in Echtzeit abzusichern. Batterie,
Antrieb, Kabelbaum, Logistik und Qualitätsdaten hängen enger zusammen als in
klassischen Fahrzeugprojekten.
Das lässt sich auch ökonomisch lesen. Peter Weber sagt: „Mit
dem Produktionsstart des BMW i3 werden wir die Produktionskosten am Standort
München um weitere zehn Prozent reduzieren.“ Für Zulieferer heißt das nüchtern:
Gefragt sind weniger singuläre Innovationen als belastbare Beiträge zu
Effizienz, Vereinfachung und Null-Fehler-Fähigkeit. Wer Variabilität,
Nacharbeit oder Medienbrüche ins System trägt, wird es in solchen Anläufen
schwerer haben.
Anzeige
Die Fabrik der Neuen Klasse verändert auch die Arbeit im
Werk
Neuer Standard im vernetzten Produktionsalltag: Virtuelle Absicherung, KI-Qualitätskontrollen, Live-Tracking und automatisierte Logistik prägen die Fabrik von heute.BMW Group
Die neue Fabriklogik ist zugleich ein integraler Bestandteil der Personal- und Kompetenzstrategie. Personal- und Immobilienvorständin Ilka Horstmeier ordnet die Transformation entsprechend ein: „Mitarbeitende schulen wir bereits vor dem Vorserienanlauf. Teile der Qualifizierung finden zunächst in virtuellen Umgebungen statt.“ Im Karosseriebau führt die automatisierte Teilebereitstellung dazu, dass Beschäftigte stärker vom Bandtakt entkoppelt werden und ihren Fokus zunehmend auf überwachende, steuernde und qualitätssichernde Tätigkeiten verlagern. In der Montage stehen ergonomisch optimierte Arbeitsplätze und vereinfachte Prozesse im Mittelpunkt, um die physische Belastung zu reduzieren und die Prozessstabilität zu erhöhen. Parallel dazu gewinnen digitale Aufgaben an Bedeutung: Da Anlagen, Werkzeuge und Automobile kontinuierlich Produktions- und Zustandsdaten generieren, nehmen deren Auswertung, Interpretation und Nutzung im Produktionsalltag weiter zu.
Auch Weber hebt diesen Punkt hervor: „Diese Transformation
gelingt nur gemeinsam mit den Menschen im Werk. Unsere Mitarbeitenden haben mit
hoher Kompetenz, Begeisterung und großem Einsatz gezeigt, dass industrielle
Spitzenproduktion auch unter anspruchsvollsten Bedingungen möglich ist.“ In
München wird Industriearbeit damit neu zugeschnitten: mehr Qualifizierung, Einsatz digitaler Tools,
Eingriff und systemisches Verständnis.
Fahrzeug- und Fabrikarchitektur rücken enger zusammen
Am Fahrzeug selbst lässt sich ablesen, warum der Umbau des
Werks so tief reicht. Fahrzeugarchitektur und Fabrikarchitektur fallen in der
künftigen Automobilproduktion immer stärker zusammen. Der neue i3 bringt eine
vereinfachte, zonale Kabelbaum-Architektur mit, die 600 Meter Leitung spart und
30 Prozent Gewichtsersparnis für den Kabelbaum mit sich bringt. Das ist nicht nur ein Vorteil im Fahrzeug,
sondern auch ein Thema für Montage, Ergonomie und Prüfprozesse. Weniger
unterschiedliche Verbindungselemente, modularere Baugruppen und digital
auslesbare Fahrzeugzustände verändern die industrielle Arbeit direkt an der
Linie.
Hinzu kommt: Das Auto prüft sich zunehmend selbst. In der
Münchner Montage meldet der i3 bereits während des Aufbaus Tausende Merkmale an
das Produktionssystem. Kameras und Sensoren liefern zusätzliche Daten, die
KI-gestützt ausgewertet werden. Die Fabrik baut also nicht mehr nur ein
Produkt, sie interagiert mit einem Produkt, das schon im Entstehen Datenträger
und Prüfobjekt ist. Genau darin liegt eine der großen Verschiebungen der
nächsten Jahre.
Die wichtigsten Fakten zum neuen BMW i3
Der neue BMW i3 ist das zweite Modell der Neuen Klasse und
das erste Neue-Klasse-Fahrzeug aus dem Werk München. Die Serienproduktion
beginnt im August 2026. Das Modell basiert auf der sechsten Generation des BMW
eDrive, nutzt 800-Volt-Technik und soll mit bis zu 400 kW laden können; BMW
nennt bis zu 400 Kilometer Reichweite in zehn Minuten sowie bis zu 900
Kilometer WLTP-Reichweite, jeweils vorläufig. In der Montage profitiert das
Fahrzeug von einer vereinfachten zonalen Kabelbaum-Architektur, stärker modularisierten
Baugruppen und digital integrierten Prüfprozessen. Gleichzeitig ist der i3 eng
in den globalen Produktionsverbund eingebettet: Hochvoltbatterien kommen aus
Irlbach-Straßkirchen, der E-Antrieb aus Steyr, weitere Erfahrungen fließen aus
Debrecen und den Pilotwerken ein.
Der Produktionsverbund wird zur eigentlichen Stärke
Wie konkret diese neue Logik gemeint ist, zeigt der Rollout
des Modells im Netzwerk. Der Anlauf beginnt in München, später folgen Shenyang
in China und San Luis Potosí in Mexiko. Volumina lassen sich damit je nach
Nachfrage verlagern. Für Nedeljković ist genau das der Kern industrieller
Resilienz: nicht starre Auslastung um jeden Preis, sondern die Fähigkeit,
Produktion an Märkte anzupassen.
Parallel dazu investiert BMW weiter in den europäischen und
globalen Produktionsverbund: in neue Ausrüstung und moderne Technologien an
bestehenden Standorten, in das neue Fahrzeugwerk in Debrecen und in fünf neue
Standorte für die Montage von Hochvoltbatterien der sechsten Generation – einer
davon im bayerischen Irlbach-Straßkirchen. Der Produktionsverbund ist damit
nicht nur Organisationsprinzip, sondern eine physische Infrastruktur aus
Werken, Antrieben, Batterien und Know-how-Transfer.
„Der Anlauf der neuen Modelle ist als Rollout der Neuen
Klasse im globalen Produktionsnetzwerk zu begreifen“, erläutert Bernhard Eich,
Leiter Qualitätsmanagement BMW Group Werk München. Das bedeutet: München
arbeitet nicht für sich. Debrecen ist als erster Neue-Klasse-Standort bereits
angelaufen, Irlbach-Straßkirchen wird München mit Gen6-Batterien beliefern, der
E-Antrieb kommt aus Steyr, der Energy Master aus Landshut. Gleichzeitig speist
sich der Anlauf aus Erfahrungen von Pilotwerken, Entwicklungsstandorten und
Serienwerken. Mehr als 30 technische Teams arbeiten im Produktionsnetzwerk standortübergreifend,
Probleme sollen einmal gelöst und im Netzwerk geteilt werden.
Für München bedeutet das zweierlei. Erstens: Das Werk bleibt
trotz seiner historischen Rolle nicht Nabel, sondern Knoten. Zweitens: Gerade
deshalb hat es hohes Gewicht. Was hier unter urbanen, räumlich engen und
produktionsnahen Bedingungen gelingt, taugt als Blaupause für andere
Bestandswerke.
Deutschland ist Anker, Europa Kernmarkt, das Netzwerk
global
Deutschland ist für BMW mehr als Produktionsstandort – es
ist der industrielle Anker des Konzerns in Europa. Mehr als eine Million
Fahrzeuge liefen im vergangenen Jahr in den deutschen Werken vom Band; damit
stammt jedes vierte in Deutschland produzierte Auto aus einem BMW Werk. Dass
Regensburg und Leipzig im Drei-Schicht-Modell arbeiten, zeigt, wie groß die operative Bedeutung dieser Standorte ist.
Europa wiederum ist aus BMW-Sicht kein Schutzraum, sondern
ein Kernmarkt in einem offenen Industriesystem. Genau daraus leitet Milan
Nedeljković seine Kritik an einer zu engen „Made in Europe“-Logik ab. Wer
europäische Industriepolitik nur territorial denkt, so seine Argumentation,
blendet aus, wie stark Unternehmen wie BMW auf international verflochtene
Lieferketten angewiesen sind.
International verteidigt BMW damit ein Produktionsmodell,
das auf Freihandel, Arbeitsteilung und flexible Netzwerke setzt. Die Warnung
dahinter ist deutlich: Weniger Offenheit würde nicht zu mehr Stärke führen,
sondern zu weniger Innovation, geringerem Wachstum und am Ende zu weniger
Wohlstand. Deutschland, Europa und das weltweite Produktionsnetz hängen für BMW
enger zusammen, als es manche industriepolitische Debatte nahelegt.
Fazit: Die Fabrik selbst wird zum Wettbewerbsprodukt
Der neue BMW i3 ist damit nicht nur ein weiteres Elektroauto
im Kernsegment der Marke. Er ist das sichtbare Ergebnis einer Entwicklung, die
in vielen Werken begonnen hat und nun im Stammwerk konkret wird. In München
zeigt BMW, wie sich ein historischer Standort unter laufender Produktion in
Richtung softwaregeprägter, elektrischer und stärker vernetzter Fertigung
verschiebt. Das eigentliche Signal ist deshalb nicht nur das neue Fahrzeug. Es
ist die Erkenntnis, dass die Fabrik selbst zum entscheidenden Wettbewerbsprodukt
wird.