Mit der Solid-Core-Batterie macht MG das wahr, wovon andere nur sprechen: Sie zeigt, dass diese Halbfeststoff-Akkus mehr sind als nur eine neue Marketingfloskel.
MGs neue Halbfeststoffbatterie ist kein Reicheweitenkönig, aber sie bringt die Festkörper-Technologie in Serie.MG
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Bei Batterien
wird seit Jahren gerne so getan, als stünde der große Knall kurz bevor. Noch
ein Laborerfolg hier, noch ein Feststoff-Versprechen dort, dazu die übliche
Aussicht auf mehr Reichweite, mehr Sicherheit und weniger Ladefrust. Die
meisten dieser Wunderakkus schaffen es nicht über die PowerPoint-Präsentation
hinaus. Auch bei den Feststoffbatterien haben viele die Energiespeicherwende
angekündigt. Passiert ist bislang wenig.
Festes Herz des
E-Autos
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Genau deshalb ist
MGs Solid-Core-Batterie interessant. Nicht, weil sie schon die eine Wunderzelle
wäre, die die Akku-Welt auf den Kopf stellt, sondern weil sie den Worten
endlich Taten folgen lässt. Weg vom effekthascherischen Schaustück, hin zur
Serie. „Die Batterie ist das Herz und die Seele des Autos. Sie definiert die
gesamte Erfahrung“, sagt MG-Batterietechniker Li Zheng. Oder mit anderen
Worten: Nicht die Kraft der Elektromotoren ist entscheidend, sondern die
Leistung der Batterie. Das merkt man vor allem bei Sportwagen, die auf der
Nordschleife des Nürburgrings auf Bestzeitenjagd sind.
MG verspricht für
die Solid-Core-Batterie rund 20 Prozent mehr Leistungsabgabe und eine etwa um 15
Prozent schnellere Ladezeiten bei Kälte im Vergleich zu einer konventionellen
Flüssigbatterie. Chinesische Medien haben eine um 13,8 Prozent bessere
Reichweitenstabilität bei minus 7 Grad Celsius gegenüber herkömmlichen
LFP-Batterien ermittelt. Li Zheng geht von 3.000 Vollzyklen bis zu einem State
of Health von etwa 80 Prozent aus. Das ist ein guter Wert.
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Dabei ist die MG
Solid-Core keine reine Feststoffbatterie. Es handelt sich um eine
Semi-Solid-State-Batterie, also eine Halbfeststoff-Version. Das bedeutet: Eine
Zelle besteht zu rund 95 Prozent aus festen Bestandteilen, während der Anteil
flüssiger Elektrolyte auf etwa fünf Prozent sinkt. Bei klassischen
Lithium-Ionen-Batterien ist dieser Flüssiganteil deutlich höher.
Die Idee
dahinter: Der feste Teil soll die Zelle stabilisieren, thermische Risiken
senken und die Lebensdauer verlängern. Der kleine flüssige Anteil bleibt
erhalten, damit die Kontaktflächen im Inneren sauber arbeiten und die Ionen an
den Grenzflächen nicht ausgebremst werden.
Der eigentliche
technische Kniff steckt im Kathodenmaterial. Um das Streben nach der
Feststoffzelle zu verstehen, muss man wissen: LFP (Lithium-Eisenphosphat) ist
eindimensional, NCM (Nickel-Mangan-Cobalt) zweidimensional und MGs
Spinell-Struktur eben dreidimensional. Damit ist nicht die Form der Batterie
und auch nicht die Anzahl der Zelllagen gemeint. Gemeint sind die Wege, auf
denen sich Lithium-Ionen im Kristallgitter des Kathodenmaterials bewegen
können, was ja grundlegend für die Funktion einer Batterie ist. Bei einer
klassischen LFP-Struktur verlaufen diese Wege im Wesentlichen nur in einem
Kanal. Das Material gilt als robust und sicher, aber wenn in diesem einen
Korridor etwas stört, stockt der Verkehr schnell.
Somit können
schon kleinere Unregelmäßigkeiten die Leistung der Energiespeicher
beeinträchtigen. Bei geschichteten Oxiden, wie das bei NCM-Akkus der Fall ist,
bewegen sich die Ionen vereinfacht gesagt in Ebenen, also zweidimensional. Eine
Spinell-Struktur bietet dagegen ein dreidimensionales Netz aus Wanderwegen.
Oder einfacher ausgedrückt: nicht nur einen Flur und eine Etage, sondern ein
ganzes Treppenhaus mit mehreren Verbindungen.
Zellchemie ist
die große Unbekannte
Für die Batteriezellen selbst setzt MG vermutlich auf eine manganhaltige Kathodenchemie.MG
Warum ist diese
Unterscheidung wichtig? Wenn sich Lithium-Ionen aufgrund dieser Ausweichrouten
im Kathodenmaterial leicht bewegen können, dann arbeitet die Batterie schneller
und entspannter. Sie kann Strom zügiger abgeben und aufnehmen. Und genau das wirkt
sich vor allem auf Leistung, Schnellladen, Kälteverhalten und den
Innenwiderstand aus.
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Die
Kardinalsfrage ist nun, welche Zellchemie zum Einsatz kommt. Da schweigen sich
die chinesischen Experten mit einem freundlichen Lächeln aus. Vermutlich setzt
MG auf eine manganhaltige Kathodenchemie. Das bestätigen auch chinesische
Medien. Denn Spinell-Kathoden auf Mangan-Basis gelten in der Batterieforschung
als leistungsfähige, vergleichsweise sichere und für schnellen Ionentransport
geeignete Materialien. Genau diese Attribute würden auch zu den von MG
bevorzugten Stärken passen: eine bessere Leistungsabgabe, Vorteile bei Kälte
und ein Sicherheitsgewinn durch den geringen Flüssiganteil.
Keine
Wunderwaffe, aber ein Fortschritt
MG gibt die
Energiedichte der einzelnen Zelle mit 200 Wh/kg an. Chinesische Quellen, die
die erste SolidCore‑Variante
im MG4 analysieren, ermittelten eine Packdichte von etwa 180 Wh/kg. Dazu muss
man wissen: Die Energiedichte der Zelle beschreibt, wie viel Energie die
eigentliche Batteriezelle pro Kilogramm speichert, während die Packdichte das
komplette Batteriepaket im Auto meint. Sie fällt deswegen immer niedriger aus,
weil dort zusätzlich Gehäuse, Kühlung, Verkabelung, Sensorik, Crashschutz und
Steuertechnik mitgewogen werden, die selbst keine Energie speichern.
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Laut MG sollen es
in der nächsten Ausbaustufe der Semi-Feststoffakkus dann 250 Wh/kg sein. In
China kamen Tester bei einer Solid-Core-Batterie mit 70 Kilowattstunden
Kapazität auf eine Reichweite von 537 Kilometern nach dem CLTC-Zyklus.
Umgerechnet entspräche das etwa 440 Kilometern nach WLTP-Messung. Das passt ins
Bild: Die Solid-Core-Semi-Feststoffbatterie ist kein Reichweitenkönig, sondern
minimiert so manche Alltagsschwäche aktueller Akkus.