Erfunden wurde es zwar in Stuttgart und industrialisiert in Detroit. Aber als Heimat des größten Herstellers der Welt wird Koromo irgendwie automatisch zur Welthauptstadt des Automobils – und trägt deshalb seit 1959 auch seinen Namen: Toyota City.
Thomas GeigerThomasGeiger
2 min
Rund 71.500 Menschen beschäftigt Toyota in Japan, der Großteil davon arbeitet in und um Toyota City.Toyota
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Man muss nur die Straßenschilder lesen, und weiß, wer hier
den Ton angibt. Sie führen zur Toyota City Hall, zum Toyota Stadium, zur Toyota
Art Gallery, zur Toyota Station – übernachtet wird im Toyota Palace. Toyota ist
in Komora allgegenwärtig, nicht ohne Grund trägt die japanische Stadt seit 1959
den Namen ihres größten Unternehmens. Zwar gibt es weltweit viele Städte, die
von der Autoindustrie geprägt wurden – von Detroit bis Wolfsburg, von Zwickau
bis Togliatti. Doch Toyota City nimmt eine Sonderstellung ein.
Zurecht. Denn hier schlägt das industrielle Herz des mit
über zehn Millionen Fahrzeugen pro Jahr größten Automobilherstellers der Welt.
Zwar betreibt Toyota sein größtes Werk inzwischen in Kentucky, doch das erste
Werk steht bis heute in der Präfektur Aichi und ist auch Jahrzehnte nach dem
Produktionsstart fester Bestandteil des globalen
Netzwerks Toyotas.
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Wenn eine Stadt zum Synonym wird
„Wichtigster Arbeitgeber der Stadt“ wäre stark untertrieben – kaum einer in Toyota City lebt nicht direkt oder indirekt von Japans größtem OEM.Toyota
Rund 71.500 Menschen beschäftigt Toyota in Japan, der
Großteil davon arbeitet in und um Toyota City. In Werken wie Motomachi,
Takaoka, Tsutsumi oder eben dem Stammwerk Honsha entstehen mehr als ein Dutzend
Modellreihen – vom volumenstarken RAV4 über den Brennstoffzellen-Pionier Mirai
bis zu batterieelektrischen Modellen wie Lexus RZ oder Subaru Solterra.
Entsprechend lebt von den rund 420.000 Einwohnern Toyota
Citys kaum jemand nicht direkt oder indirekt vom Konzern. Toyota ist
Arbeitgeber, Auftraggeber, Steuerzahler und struktureller Taktgeber zugleich.
Diese enge Verflechtung ist historisch gewachsen. Bis in die frühen Jahrzehnte
des 20. Jahrhunderts war die damals Koromo genannte Stadt ein Zentrum der
Seiden- und Textilindustrie.
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Erst deren Niedergang in der Weltwirtschaftskrise
der 1930er-Jahre öffnete den Weg für einen radikalen Wandel. Der damalige Bürgermeister
holte Kiichiro Toyoda in die Stadt und gewann ihn für den Aufbau einer
Automobilproduktion. Bereits das 1936 gestartete Stammwerk war auf industrielle
Dimensionen ausgelegt und prägt bis heute den wirtschaftlichen Rhythmus der
Stadt.
Tradition und Transformation
Toyoda führte das junge Unternehmen zunächst mit großer
persönlicher Nähe. Wichtige Entscheidungen fielen in seiner privaten Villa, die
heute als Erinnerungsort erhalten ist. Die heutige Konzernführung arbeitet in
funktionalen Verwaltungsbauten – Sinnbild für den Wandel vom Unternehmerprojekt
zum globalen Industriekonzern.
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Während der weitläufige Park rund um die Gründervilla
großzügig wirkt, bleibt das übrige Stadtbild auffallend zurückhaltend. Weder
das Entwicklungszentrum noch die Achse zwischen Stadion und Bahnhof entfalten
urbanen Glanz. Selbst Denkmäler für Firmengründer und Bürgermeister sind leicht
zu übersehen. Akio Toyoda soll diese fehlende Attraktivität offen kritisiert
haben – auch weil sie es erschwert, internationale Fachkräfte zu binden.
Gleichzeitig ist die Transformation der Stadt akribisch
dokumentiert: in Chroniken, thematischen Touren und einer ungewöhnlich hohen
Museumsdichte. Mehr als ein halbes Dutzend Einrichtungen widmen sich der
Unternehmens- und Technikgeschichte, darunter ein großes Automobilmuseum mit
über 200 Fahrzeugen.
Im internationalen Vergleich steht Toyota City exemplarisch
für extreme industrielle Konzentration. Während Detroit diversifizieren musste,
Wolfsburg kulturell eingebettet ist oder Stuttgart industrielle Stärke mit
Urbanität verbindet, bleibt Toyota City funktional und hoch spezialisiert –
weniger Weltstadt als Produktionsmaschine.
Diese Konsequenz ist Stärke und Risiko zugleich. Nach dem
Zweiten Weltkrieg wuchs die Stadt rasant und galt lange als wirtschaftlich
stabil. Doch Ende der 2000er-Jahre zeigte sich die Kehrseite der Abhängigkeit.
Die Finanzkrise traf Toyota hart, 2009 schrieb der Konzern erstmals Verluste.
In Toyota City brachen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen ein, zeitweise
verzeichnete die Stadt die höchste Arbeitslosenquote Japans. Der
„Toyota-Schock“ wurde zum Menetekel industrieller Monostrukturen.
Doch Toyota führte die Stadt auch aus der Krise. Ab 2010
kehrten Wachstum und Beschäftigung zurück, heute zählt Toyota City wieder zu
den stabilsten Kommunen des Landes. Gleichzeitig versucht die Stadt, sich
breiter aufzustellen – mit Forschung, IT, Mobilitäts-Start-ups und
Smart-City-Projekten. Die Abhängigkeit bleibt jedoch sichtbar.
Dass Toyota unter dem Schlagwort „Woven City“ eine eigene
neue Stadt plant – fernab von Aichi, im Großraum Tokio – dürfte der
Stadtführung wenig gefallen. Doch Toyota betont: Dort gehe es um Lebensmodelle,
nicht um Produktion. Und mit neuen Investitionen vor Ort, etwa einem geplanten
Zukunftswerk in Teihouchou, unterstreicht der Konzern, wo auch weiterhin seine
industrielle Heimat liegt.