Toyota City

In der Welthauptstadt des Autos

Erfunden wurde es zwar in Stuttgart und industrialisiert in Detroit. Aber als Heimat des größten Herstellers der Welt wird Koromo irgendwie automatisch zur Welthauptstadt des Automobils – und trägt deshalb seit 1959 auch seinen Namen: Toyota City.

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Rund 71.500 Menschen beschäftigt Toyota in Japan, der Großteil davon arbeitet in und um Toyota City.

Man muss nur die Straßenschilder lesen, und weiß, wer hier den Ton angibt. Sie führen zur Toyota City Hall, zum Toyota Stadium, zur Toyota Art Gallery, zur Toyota Station – übernachtet wird im Toyota Palace. Toyota ist in Komora allgegenwärtig, nicht ohne Grund trägt die japanische Stadt seit 1959 den Namen ihres größten Unternehmens. Zwar gibt es weltweit viele Städte, die von der Autoindustrie geprägt wurden – von Detroit bis Wolfsburg, von Zwickau bis Togliatti. Doch Toyota City nimmt eine Sonderstellung ein.

Zurecht. Denn hier schlägt das industrielle Herz des mit über zehn Millionen Fahrzeugen pro Jahr größten Automobilherstellers der Welt. Zwar betreibt Toyota sein größtes Werk inzwischen in Kentucky, doch das erste Werk steht bis heute in der Präfektur Aichi und ist auch Jahrzehnte nach dem Produktionsstart fester Bestandteil des globalen Netzwerks Toyotas.

Wenn eine Stadt zum Synonym wird

„Wichtigster Arbeitgeber der Stadt“ wäre stark untertrieben – kaum einer in Toyota City lebt nicht direkt oder indirekt von Japans größtem OEM.

Rund 71.500 Menschen beschäftigt Toyota in Japan, der Großteil davon arbeitet in und um Toyota City. In Werken wie Motomachi, Takaoka, Tsutsumi oder eben dem Stammwerk Honsha entstehen mehr als ein Dutzend Modellreihen – vom volumenstarken RAV4 über den Brennstoffzellen-Pionier Mirai bis zu batterieelektrischen Modellen wie Lexus RZ oder Subaru Solterra.

Entsprechend lebt von den rund 420.000 Einwohnern Toyota Citys kaum jemand nicht direkt oder indirekt vom Konzern. Toyota ist Arbeitgeber, Auftraggeber, Steuerzahler und struktureller Taktgeber zugleich. Diese enge Verflechtung ist historisch gewachsen. Bis in die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts war die damals Koromo genannte Stadt ein Zentrum der Seiden- und Textilindustrie. 

Erst deren Niedergang in der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre öffnete den Weg für einen radikalen Wandel. Der damalige Bürgermeister holte Kiichiro Toyoda in die Stadt und gewann ihn für den Aufbau einer Automobilproduktion. Bereits das 1936 gestartete Stammwerk war auf industrielle Dimensionen ausgelegt und prägt bis heute den wirtschaftlichen Rhythmus der Stadt.

Tradition und Transformation

Toyoda führte das junge Unternehmen zunächst mit großer persönlicher Nähe. Wichtige Entscheidungen fielen in seiner privaten Villa, die heute als Erinnerungsort erhalten ist. Die heutige Konzernführung arbeitet in funktionalen Verwaltungsbauten – Sinnbild für den Wandel vom Unternehmerprojekt zum globalen Industriekonzern.

Während der weitläufige Park rund um die Gründervilla großzügig wirkt, bleibt das übrige Stadtbild auffallend zurückhaltend. Weder das Entwicklungszentrum noch die Achse zwischen Stadion und Bahnhof entfalten urbanen Glanz. Selbst Denkmäler für Firmengründer und Bürgermeister sind leicht zu übersehen. Akio Toyoda soll diese fehlende Attraktivität offen kritisiert haben – auch weil sie es erschwert, internationale Fachkräfte zu binden.

Gleichzeitig ist die Transformation der Stadt akribisch dokumentiert: in Chroniken, thematischen Touren und einer ungewöhnlich hohen Museumsdichte. Mehr als ein halbes Dutzend Einrichtungen widmen sich der Unternehmens- und Technikgeschichte, darunter ein großes Automobilmuseum mit über 200 Fahrzeugen.

Im internationalen Vergleich steht Toyota City exemplarisch für extreme industrielle Konzentration. Während Detroit diversifizieren musste, Wolfsburg kulturell eingebettet ist oder Stuttgart industrielle Stärke mit Urbanität verbindet, bleibt Toyota City funktional und hoch spezialisiert – weniger Weltstadt als Produktionsmaschine.

Stärken und Risiken

Diese Konsequenz ist Stärke und Risiko zugleich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Stadt rasant und galt lange als wirtschaftlich stabil. Doch Ende der 2000er-Jahre zeigte sich die Kehrseite der Abhängigkeit. Die Finanzkrise traf Toyota hart, 2009 schrieb der Konzern erstmals Verluste. In Toyota City brachen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen ein, zeitweise verzeichnete die Stadt die höchste Arbeitslosenquote Japans. Der „Toyota-Schock“ wurde zum Menetekel industrieller Monostrukturen.

Doch Toyota führte die Stadt auch aus der Krise. Ab 2010 kehrten Wachstum und Beschäftigung zurück, heute zählt Toyota City wieder zu den stabilsten Kommunen des Landes. Gleichzeitig versucht die Stadt, sich breiter aufzustellen – mit Forschung, IT, Mobilitäts-Start-ups und Smart-City-Projekten. Die Abhängigkeit bleibt jedoch sichtbar.

Dass Toyota unter dem Schlagwort „Woven City“ eine eigene neue Stadt plant – fernab von Aichi, im Großraum Tokio – dürfte der Stadtführung wenig gefallen. Doch Toyota betont: Dort gehe es um Lebensmodelle, nicht um Produktion. Und mit neuen Investitionen vor Ort, etwa einem geplanten Zukunftswerk in Teihouchou, unterstreicht der Konzern, wo auch weiterhin seine industrielle Heimat liegt.