Freihandelsabkommen als Wendepunkt

Wie der EU-Indien-Deal die globale Autoproduktion verändert

Mit quotenbasierten Zollsenkungen auf 10 Prozent und keinerlei Abgaben auf Komponenten verändert das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien die globale Automobilproduktion enorm. Wie reagieren europäische OEMs darauf?

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Vertreterinnen und Vertreter Indiens und der EU bei der feierlichen Verkündung und Unterzeichnung des Abkommens.

Die am 27. Januar 2026 angekündigte Freihandelsvereinbarung zwischen der Europäischen Union und Indien ist mehr als diplomatische Symbolik. Für Automobilhersteller bedeutet sie eine erhebliche Neujustierung der Produktionsstrategie im weltweit drittgrößten Fahrzeugmarkt – einem Land, in dem Importzölle bislang bis zu 110 Prozent erreichten und hohe Abgaben auf Komponenten eine europäische Präsenz lange nahezu prohibitiv teuer machten.

Von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premierminister Narendra Modi als „Mutter aller Deals“ bezeichnet, beendet das Abkommen fast zwei Jahrzehnte wechselhafter Verhandlungen, die bereits 2007 begonnen hatten. Was diese Vereinbarung von früheren Handelsgesprächen unterscheidet, ist nicht nur ihr Umfang, sondern ihre präzise Ausgestaltung. Vorgesehen sind quotengebundene Zollreduktionen, die schrittweise auf 10 Prozent sinken – anwendbar auf jährlich 250.000 Fahrzeuge mit einem Preis oberhalb von 15.000 Euro.

Für Produktionsverantwortliche noch relevanter ist jedoch die vollständige Abschaffung von Komponentenabgaben innerhalb von fünf bis zehn Jahren. Damit verändert sich die Kalkulation für Produktionsplaner grundlegend, wenn es um lokale Montage gegenüber Importstrategien geht.

Komponentenökonomie als Treiber von Produktionsentscheidungen

Die Abschaffung von Zöllen auf Bauteile adressiert eines der zentralen Hindernisse europäischer Hersteller beim Ausbau ihrer Aktivitäten in Indien. Aktuell gelten Abgaben von bis zu 44 Prozent auf Maschinen, 22 Prozent auf Chemikalien und 16,5 Prozent auf sogenannte CKD-Kits („completely knocked down“, also zerlegte Fahrzeugbausätze). Diese Struktur zwang OEMs bislang häufig zu einer binären Entscheidung: vollständige Lokalisierung oder minimale Marktpräsenz.

Nullzölle auf Komponenten verändern diese Logik. Sie ermöglichen abgestufte Produktionsstrategien, bei denen europäische Zulieferer indische Montagewerke ohne Strafabgaben beliefern können.

Ob das Freihandelsabkommen auch zu Triumph-Gesten in der Automobilindustrie führen wird, bleibt abzuwarten.

Der europäische Herstellerverband ACEA hat Komponenten explizit als den wichtigsten industriepolitischen Vorteil des Abkommens hervorgehoben. Fertigfahrzeuge seien politisch stets sensibel, während Teilelieferungen Technologietransfer und Lieferkettenintegration erleichtern. Für Hersteller wie Volkswagen, das bereits ein Werk in Chhattrapati Sambhaji Nagar betreibt, oder Mercedes-Benz, das den Maybach GLS speziell für den indischen Markt lokal montiert, eröffnen zollfreie Komponenten deutlich flexiblere Produktionsmodelle – eine Kombination aus europäischer Engineering-Kompetenz und kosteneffizienter Fertigung vor Ort.

Indien exportierte im vergangenen Geschäftsjahr Automobilkomponenten im Wert von 22,9 Mrd. US-Dollar (rund 21 Mrd. Euro), wobei Europa 29 Prozent aufnahm. Die im Abkommen verankerten Ursprungsregeln („Rules of Origin“) verlangen eine substanzielle Wertschöpfung in einer der beiden Jurisdiktionen, um von Präferenzzöllen zu profitieren. Das schafft Anreize für europäische OEMs, ihre Lieferbeziehungen zu indischen Komponentenherstellern zu vertiefen – etwa bei EV-Batterien, Leistungselektronik oder Bordnetzen.

Strategische Quoten öffnen Märkte – und schützen zugleich

Der Quotenmechanismus zeigt, wie sorgfältig konkurrierende Industrieinteressen austariert werden. Indiens jährliche Zuteilung von 250.000 Fahrzeugen für europäische Hersteller ist fast siebenmal höher als die 37.000 Einheiten, die Großbritannien erhalten hatte – ein Spiegel der deutlich größeren EU-Automobilbasis.

Gleichzeitig erhalten indische Hersteller einen zollfreien Zugang für bis zu 625.000 Fahrzeuge in die EU. Diese Asymmetrie erfüllt klare Zwecke: Europäische Hersteller halten bislang weniger als 4 Prozent Anteil am indischen Markt von 4,4 Millionen Fahrzeugen pro Jahr, dominiert von Suzuki sowie Tata Motors und Mahindra & Mahindra.

Die Quote erlaubt europäischen OEMs, Premiumsegmente zu testen, ohne sofort massive lokale Kapazitäten aufzubauen – und erzeugt zugleich Investitionsdruck, da Vorteile oberhalb der Quote entfallen. Ein Beamter des indischen Handelsministeriums formulierte es offen: Wer über die Quoten hinaus verkaufen wolle, müsse in Indien produzieren.

Besonders differenziert ist der Umgang mit Elektrofahrzeugen. Batterie-EVs sind fünf Jahre lang von Zollreduktionen ausgenommen, um Investitionen von Tata und Mahindra in Indiens noch junge Elektromobilität zu schützen. Danach sollen Importkontingente zwischen 160.000 Verbrennern und 90.000 EVs pro Jahr aufgeteilt werden. Der Ansatz erkennt an: Indische EV-Fertigung braucht Schutzraum, europäische Technologie kann langfristig dennoch die lokale Kompetenz stärken.

Standortentscheidungen gehen über Zollarithmetik hinaus

Bemerkenswert ist, dass europäische Hersteller ihre lokalen Produktionszusagen bereits beschleunigen, obwohl die Zollentlastungen erst schrittweise wirksam werden. Mercedes-Benz’ Entscheidung, den Maybach GLS in Indien zu montieren – als einzigem Markt außerhalb der USA mit lokaler Fertigung dieses Premiumfahrzeugs – zeigt, dass Produktionspräsenz mehr bedeutet als opportunistische Importvorteile.

Die lokal montierte Version kostet 27,5 Mio. Rupien (rund 290.000 Euro) gegenüber 33,7 Mio. Rupien (rund 360.000 Euro) für das importierte Modell. Das verdeutlicht, dass Preiswettbewerbsfähigkeit nicht allein durch Tarife bestimmt wird.

Auch Volkswagen sieht Indien zunehmend als integralen Bestandteil seiner Produktionsnetzwerke: Der lokal montierte Tayron R-Line kam nur zwölf Monate nach dem globalen Launch auf den Markt. Renault übernimmt zudem die vollständige Kontrolle über das Werk in Chennai von Nissan. Jaguar Land Rover erweitert seine lokale Montagepalette weiter, wobei die Defender-Produktion auf die erfolgreiche Fertigung von Range Rover und Range Rover Sport folgt.

Diese Investitionen deuten darauf hin, dass Hersteller die Wachstumsdynamik des indischen Luxussegments als ausreichend attraktiv einschätzen, um dedizierte Kapazitäten aufzubauen – unabhängig von der Höhe der Importzölle. Vinay Piparsania, Gründer von Millenstrat Advisory and Research, beschreibt lokale Fertigung als Ausdruck langfristiger Marktbindung. Sie schaffe Vertrauen bei Kunden, Zulieferern und Handelspartnern und passe zugleich zu den Lokalisierungszielen der indischen Regierung.

BMW-CEO Hardeep Singh Brar hat darauf hingewiesen, dass vollständig importierte Fahrzeuge („completely built units“) derzeit etwa fünf Prozent des Absatzes ausmachen. Sinkende Zölle könnten zwar die Portfolio-Breite erhöhen, doch für volumenstarke Modelle seien langfristige Produktionsentscheidungen weiterhin zentral.

Lieferketten-Diversifizierung im geopolitischen Kontext

Die zeitliche Einordnung des Abkommens verweist auf eine breitere Neuordnung globaler Lieferketten. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen rahmte den Deal explizit als Beispiel dafür, dass regelbasierte Kooperation greifbare Ergebnisse liefert – eine deutliche Anspielung auf zunehmende Handelsspannungen sowohl mit den USA als auch mit China.

Das Abkommen folgt ähnlichen EU-Deals mit Indonesien, Mexiko, der Schweiz und Mercosur und unterstreicht eine Strategie der Marktdifferenzierung. Für die Automobilproduktion bietet Indien dabei mehrere Standortvorteile: Die Arbeitskosten liegen 15 bis 20 Prozent unter dem chinesischen Niveau, kombiniert mit englischsprachiger Fachkräftebasis und einem etablierten Rechtsrahmen.

Japanische Hersteller haben Indien bereits strategisch als Exportdrehscheibe positioniert. Suzuki investiert 1,2 Billionen Yen (rund 7 Milliarden Euro), um die Kapazität bis 2031 von 2,5 Millionen auf 4 Millionen Fahrzeuge pro Jahr zu erhöhen – mit dem expliziten Ziel, Indien als globales EV-Produktionszentrum auszubauen. Honda hat Indien ebenfalls als Fertigungsstandort für ein kommendes Elektrofahrzeug definiert, das für japanische und asiatische Märkte bestimmt ist.

Das EU-Abkommen verschafft europäischen Herstellern nun vergleichbare Perspektiven. Indien könnte bis 2030 auf sechs Millionen Fahrzeuge jährlich wachsen – rund 40 Prozent mehr als heute. Hersteller müssen entscheiden, wo sie Kapazitäten platzieren, um sowohl die heimische Nachfrage als auch Exportchancen zu bedienen. Die Erwartung der EU-Kommission, dass Exporte nach Indien bis 2032 verdoppelt werden, basiert dabei nicht auf reinen Fahrzeuglieferungen, sondern auf substantieller Fertigungsaktivität und Lieferkettenintegration.

Kein bedingungsloser Marktzugang

Das Abkommen gewährt Marktzugang nicht bedingungslos: Präferenzzölle setzen voraus, dass die sogenannten Ursprungsregeln erfüllt werden. Das bedeutet, dass ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung tatsächlich in der EU oder in Indien erfolgen muss. Damit entstehen Anreize für integrierte Produktionsnetzwerke, nicht für reine „Schraubendreher-Montage“. Komponenten müssen eine signifikante Transformation durchlaufen, um zollbegünstigt zu sein – was Hersteller in Richtung echter Fertigungstiefe drängt.

Indiens bestehende Förderprogramme verstärken diesen Effekt: Das Production-Linked Incentive Programm unterstützt OEMs, die bestimmte Schwellen bei der lokalen Wertschöpfung erreichen, während der Automotive Mission Plan 2047 Indiens Automobilindustrie global wettbewerbsfähig positionieren soll. Europäische Hersteller, die sowohl Handelsvorteile als auch nationale Anreize nutzen wollen, müssen ihre Produktionsstrukturen so gestalten, dass sie potenziell konkurrierende Anforderungen erfüllen – was anspruchsvollere Fertigungsmodelle gegenüber Minimalpräsenz begünstigt.

Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des VDMA, bezeichnete das Abkommen als wichtigen Wettbewerbsvorteil in einem der weltweit dynamischsten strategischen Wachstumsmärkte. Die Betonung liegt dabei nicht nur auf Marktzugang, sondern auf tatsächlicher Wettbewerbsfähigkeit – denn Indiens Automotive-Sektor ist seit dem Scheitern früherer Verhandlungen 2013 deutlich gereift.

Reziproker Marktzugang schafft Exportchancen

Die reziproken Bestimmungen des Abkommens verdienen ebenso Aufmerksamkeit wie die Importseite. Indische Hersteller erhalten zollfreien Zugang zum EU-Markt für bis zu 625.000 Fahrzeuge – deutlich mehr als die europäische Quote für Indien. Für Unternehmen wie Mahindra & Mahindra, die Premium-Modelle auf den Plattformen INGLO und NUIQ entwickeln, oder Maruti Suzuki, das den elektrischen SUV e-Vitara bereits nach Europa exportiert, entsteht damit eine reale Exportperspektive.

Zwischen April und Oktober exportierte Indien 514.622 Fahrzeuge – nahezu 67 Prozent des gesamten Vorjahresvolumens. Südafrika nimmt derzeit 17 Prozent dieser Exporte auf, Saudi-Arabien 16,5 Prozent, Mexiko 13 Prozent, Japan 11 Prozent und die Vereinigten Arabischen Emirate sieben Prozent. Europa ist bislang trotz etablierter Komponentenexportbeziehungen ein vergleichsweise unterentwickeltes Ziel.

Das Abkommen könnte europäische Märkte stärker als Destination für indisch produzierte Fahrzeuge positionieren – auch im Wettbewerb mit chinesischen Herstellern, deren Marktanteil in Europa bis 2030 voraussichtlich auf zehn Prozent steigen wird. Es entsteht eine komplexe Dynamik: Europäische Marken könnten künftig verstärkt in Indien für den europäischen Markt produzieren, während indische Hersteller gleichzeitig in die EU exportieren. Damit verschiebt sich die traditionelle Produktionsgeografie der Automobilindustrie fundamental.

Suzukis Strategie, Indien als globales EV-Hub zu etablieren, antizipiert explizit europäische Nachfrage aus indischer Produktion heraus. Europäische OEMs müssen entscheiden, ob sie dagegen mit dedizierter Fertigung in Europa reagieren oder bestimmte Segmente ebenfalls über indische Standorte bedienen.

Zeitfenster eröffnet strategische Spielräume

Das Abkommen muss nun juristisch geprüft werden, was voraussichtlich fünf bis sechs Monate in Anspruch nimmt. Anschließend folgt die formale Unterzeichnung. Indiens Handelsminister Piyush Goyal rechnet mit einer Umsetzung bis Jahresende.

Dieses Zeitfenster bietet Herstellern die Möglichkeit, Investitionsentscheidungen zu finalisieren, Lieferantenbeziehungen aufzubauen und Produktionsstrukturen so auszurichten, dass sowohl kurzfristige Zollvorteile als auch langfristige Fertigungschancen genutzt werden können.

Anreiz für integrierte Fertigungsstrategien statt opportunistische Importe:

  • Nullzölle auf Komponenten fördern komplexe Lieferbeziehungen
  • Quotenlimits schaffen Anreize zur lokalen Produktion bei Volumen
  • Reziproker Zugang eröffnet Exportplattformen
  • Ursprungsregeln verlangen echte Wertschöpfung
  • Produktionsanreize Indiens verstärken Lokalisierungsdruck

Review-Klauseln ermöglichen eine Anpassung der Quoten, abhängig von Indiens Marktwachstum und möglichen Zugeständnissen gegenüber künftigen Handelspartnern – insbesondere den USA. Hersteller sollten daher nicht von statischen Quoten ausgehen, sondern flexible Produktionsstrategien bevorzugen.

Analysten von Nomura und BNP Paribas bewerten das Abkommen als schrittweise positiv für indische Hersteller, mit nur begrenztem Störpotenzial für bestehende Marktakteure. Die meisten europäischen OEMs betreiben bereits Montagewerke in Indien, die auf lokalisierte CKD-Routen setzen, nicht auf Hochvolumenimporte.

Zollsenkungen könnten Margen schützen oder Währungsdruck kompensieren, werden aber die Marktstruktur in Segmenten, die von indischen und japanischen Herstellern dominiert werden, nicht vollständig umkrempeln.

Mehr als nur Zollsenkungen

Die Tragweite des EU-Indien-Abkommens für die Automobilproduktion geht über die Schlagzeilen zu Tarifreduktionen hinaus. Nullzölle auf Komponenten, ausgefeilte Quotenmechanismen, reziproker Marktzugang und Anreize zur Lieferketten-Diversifizierung verschieben die Produktionsgeografie in einer Tiefe, die reine Importliberalisierung nicht erreichen würde. Hersteller müssen nicht nur bewerten, ob sie in Indien verkaufen – sondern wo sie für Indien, Europa und potenziell globale Märkte fertigen wollen.

Die jüngsten Produktionsbeschleunigungen europäischer Hersteller zeigen, dass die Branche Indien zunehmend als Fertigungsdestination mit strategischer Bedeutung betrachtet – nicht als Randmarkt für gelegentliche Importe. Wie Michael Field, Chefstratege bei Morningstar, anmerkt, verschafft das Abkommen europäischen Herstellern eine realistische Chance in einem Markt, der stark von lokalen Akteuren dominiert wird. Diese Chance hängt jedoch immer stärker von Produktionspräsenz ab – nicht nur von Importzugang.

Für Automotive-Produktionsverantwortliche liefert der Deal Klarheit in einer Dimension, während er neue Komplexität in anderen schafft. Die Zollpfade sind definiert, die Komponentenökonomie wird transformiert – doch die grundlegenden Fragen nach optimalem Produktionsstandort, Lieferkettenarchitektur und Markteintritt bleiben strategische Abwägung. Das Abkommen stellt Werkzeuge bereit. Wie Hersteller sie nutzen, bleibt ihre entscheidende Aufgabe.