Industrie setzt auf humanoide Roboter

Physical AI mit Rekordtempo auf dem Weg zum Milliardenmarkt

Das industrielle Potenzial von humanoiden Robotern oder autonomen Shuttles ist enorm. Aktuelle Studien sehen ein rasantes Wachstum in Richtung Multi-Milliardenmarkt. Tech-Kooperationen schießen daher gerade wie Pilze aus dem Boden.

2 min
Industrieunternehmen wie Schaeffler investieren gerade viel in humanoide Robotik.

Künstliche Intelligenz erreicht eine neue Entwicklungsstufe und verlagert sich zunehmend in physische Anwendungsfelder. Darauf weist eine aktuelle Studie der Strategieberatung Strategy& von PwC hin. Die Analysten rechnen bis zum Jahr 2030 mit einem weltweiten Marktpotenzial von rund 430 Milliarden Euro, davon 80 bis 110 Milliarden Euro in Europa und 20 bis 26 Milliarden Euro in Deutschland.

Physical AI beschreibt KI-Systeme, die nicht nur digitale Inhalte erzeugen, sondern realweltliche Geräte und Maschinen autonom steuern können – von Fahrzeugen über humanoide Roboter bis hin zu Infrastrukturkomponenten. Die Technologie soll Entscheidungen eigenständig treffen, sich in komplexen Umgebungen bewegen und physisch mit Menschen interagieren. Bereits heute kommen autonome Taxis oder selbstlernende Logistikroboter in ersten Märkten zum Einsatz.

Wertschöpfung entlang der gesamten industriellen Kette

Die Studie sieht die stärksten Wachstumsimpulse im Mobilitätssektor, etwa beim autonomen Fahren, mit einem potenziellen Volumen von 170 Milliarden Euro. Weitere relevante Bereiche sind industrielle Systeme und Infrastruktur (69 Milliarden Euro), humanoide Service‑Roboter (68 Milliarden Euro), Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung (50 Milliarden Euro). Knappe oder stark ausgelastete Arbeitskräfte sowie Automatisierungspotenziale gelten als zentrale Treiber der Entwicklung.

Auch speziell für humanoide Robotik erwarten Marktforscher ein deutliches Wachstum mit der Automobilindustrie als wichtigstem Treiber. Laut der aktuellen Analyse von IDTechEx "Humanoid Robots 2026-2036: Technologies, Markets, and Opportunities" könnte der weltweite Markt für humanoide Roboter bis 2036 ein Volumen von rund 29,5 Milliarden US-Dollar erreichen. Als erstes skalierbares Einsatzfeld sehen die Analysten dabei vor allem die Automobilproduktion, da Produktionsumgebungen stark standardisiert sind und sich der wirtschaftliche Nutzen bei repetitiven Aufgaben schneller nachweisen lässt.

Hinter autonomem Fahren erwarten die Strategy&-Experten das größte Umsatzpotenzial vor allem im industriellen Kontext

Ein technologischer Schlüssel für die nächste Phase der KI sind sogenannte Weltmodelle: KI‑Systeme, die physische Umgebungen simulieren und Prognosen über deren Verhalten treffen können. Sie ermöglichen es, Roboter und autonome Systeme zunächst virtuell zu trainieren, was Zeit und Kosten in der Entwicklung deutlich reduziert.

Enges Zeitfenster für Europas Firmen

Strategy& betont, dass die grundlegenden Plattformen, Standards und Datenökosysteme für Physical AI in den kommenden 12 bis 24 Monaten entstehen werden. Unternehmen, die sich in dieser Phase nicht positionieren, könnten langfristig auf fremde Systeme angewiesen sein. „Europa hat bei Physical AI klare Stärken – in der Automobiltechnologie, der Industrieautomatisierung und der Sensorik. Aber die Wertschöpfung erstreckt sich zunehmend über reine Hardware hinaus in Richtung KI-Modelle, Simulationsplattformen und Recheninfrastruktur“, erklärt Tanjeff Schadt, Co-Autor der Studie und Partner bei Strategy&.

Schaeffler kooperiert mit Leju Robotics

Parallel zur Veröffentlichung der Studie hat Schaeffler angekündigt, seine Aktivitäten in Feld der Physical AI weiter auszubauen. Das Unternehmen hat eine strategische Partnerschaft mit dem chinesischen Robotikhersteller Leju Robotics geschlossen. Ziel sei es, humanoide Roboter in industriellen Anwendungen wie Fabrikinspektion, Maschinenbedienung, Logistik oder kollaborativen Arbeitsumgebungen voranzubringen. Schaeffler plant, bis 2035 eine mittlere vierstellige Zahl humanoider Roboter in der eigenen Produktion einzusetzen.

Schaeffler bringt in die Partnerschaft Schlüsselkomponenten von Wälz- und Präzisionslagern über Sensorik und Motoren bis hin zu Thermo- und Batteriemanagement ein. Das Unternehmen sieht die Kooperation als wichtigen Schritt, um seine internationale Position im Humanoid‑Ökosystem auszubauen.

BMW und Mercedes testen humanoide Robotik in der Produktion

Infografik mit dem Titel „Maturity of Commercialization of Humanoid Robots by Application“, die den Reifegrad der Markteinführung humanoider Roboter in verschiedenen Branchen entlang einer Zeitachse der Marktdurchdringung darstellt. Die Grafik gliedert sich horizontal in drei Entwicklungsphasen – „Niche Market“, „Growing Market“ und „Saturating Market“. Links sind vier Branchen farblich getrennt aufgeführt: Automobilindustrie (violett), Logistikindustrie (rot), Sicherheitsanwendungen (grün) und Haushaltsanwendungen (grau). Für jede Branche werden typische Einsatzszenarien humanoider Roboter als horizontale Balken dargestellt, die zeigen, wann Anwendungen vom Nischenmarkt in einen wachsenden Markt übergehen und langfristig Marktsättigung erreichen könnten. In der Automobilindustrie werden Anwendungen wie Badge-Kennzeichnung und Inspektion, Materialhandling (z. B. Greifen, Platzieren, Einsetzen) sowie Qualitätsinspektion als frühe Einsatzfelder hervorgehoben, die innerhalb von etwa fünf Jahren in eine breitere Marktdurchdringung übergehen könnten. In der Logistikbranche sind Aufgaben wie Materialhandling, Intralogistik und komplexe Kommissionierung („intricate picking“) dargestellt, ebenfalls mit einem erwarteten Wachstum über mehrere Fünfjahreszeiträume hinweg. Sicherheitsanwendungen umfassen Patrouillen und Überwachung, während Haushaltsanwendungen Aufgaben wie Hausarbeit, Pflege älterer Menschen oder Essenszubereitung zeigen, die sich laut Grafik langsamer kommerzialisieren. Die Darstellung verdeutlicht insgesamt, dass industrielle Anwendungen – insbesondere in der Automobilfertigung und Logistik – voraussichtlich die frühesten und skalierbarsten Märkte für humanoide Robotik darstellen, während der Einsatz im privaten Umfeld langfristiger erwartet wird. Quelle: IDTechEx.
Humanoide Roboter dürften laut IDTechEx zuerst dort Fuß fassen, wo Abläufe klar strukturiert sind – etwa in der Automobilproduktion oder der Logistik. Anwendungen im Haushalt gelten dagegen weiterhin als langfristige Perspektive.

Auch deutsche OEMs treiben den Einsatz humanoider Systeme voran. BMW startete in seinem Werk in Spartanburg erste Pilotprojekte mit humanoiden Robotern, die künftig monotone oder ergonomisch anspruchsvolle Aufgaben übernehmen sollen. Nun soll auch im BMW-Werk in Leipzig erstmals ein Humanoider in der Serienfertigung von Hochvoltbatterien sowie in der Komponentenfertigung für Außenteile eingesetzt werden.

Mercedes‑Benz wiederum testet den humanoiden Roboter „Apollo“ unter anderem in Montagebereichen und in der internen Logistik. Der Hersteller untersucht dabei, wie humanoide Systeme flexible Automatisierungslücken schließen und in bestehende Produktionsprozesse integriert werden können.

Diese Entwicklungen passen zu den Analysen von IdTechEx, die prognostizieren, dass sich der Einsatz humanoider Systeme zunächst in der Automobilfertigung ausweiten wird. Die Marktforscher erwarten, dass OEMs humanoide Roboter zunächst für klar definierte Aufgaben einsetzen; etwa Materialhandling, innerbetriebliche Transporte, Inspektionen oder einfache Montageunterstützung. Logistik- und Lagerumgebungen gelten als zweites Wachstumsfeld, während Anwendungen im Haushalt nach Einschätzung der Analysten erst langfristig größere Marktrelevanz erreichen dürften.

Anm. d. Red: Die ursprüngliche Version des Artikels vom 3.3.2026 wurde am 4.3.2026 aktualisiert.