Belastungstest

Automobiler Mittelstand kürzt Investitionen

Eine VDA-Umfrage zeigt wachsende Zweifel im automobilen Mittelstand. Viele Unternehmen stellen Investitionen in Deutschland zurück, bauen Stellen ab und sehen Bürokratie, Kosten sowie Energiepreise als zentrale Belastungen.

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Blick in den Saal des VDA-Mittelstandstags 2025. Ein Redner steht vor Publikum am Podium, im Hintergrund ist eine Präsentationsfolie zur wirtschaftlichen Situation der Unternehmen zu sehen.
Beim VDA-Mittelstandstag diskutierten Vertreter aus Industrie, Politik und Wirtschaft über die Lage des automobilen Mittelstands. Eine aktuelle Umfrage des Verbands zeigt zunehmenden Druck auf Investitionen, Beschäftigung und Standortentscheidungen in Deutschland.

Der automobile Mittelstand in Deutschland blickt mit wachsender Skepsis auf die eigene Geschäftsentwicklung. Nach einer aktuellen Umfrage des Verbandes der Automobilindustrie hat sich die Stimmung vieler Zulieferer sowie mittelständisch geprägter Hersteller von Anhängern, Aufbauten und Bussen verschlechtert. Der Branchenverband stellte die Ergebnisse anlässlich seines 26. Mittelstandstages in Bonn vor.

Die Veranstaltung steht in diesem Jahr unter dem Titel „Zukunft. Standort. Deutschland. Finanzierung, Innovation und Resilienz in der automobilen Wertschöpfungskette“. Mehr als 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft diskutieren dort über die Perspektiven der automobilen Wertschöpfung. Im Mittelpunkt stehen vor allem Standortbedingungen, Finanzierung, Innovationsfähigkeit und Resilienz der Branche.

Geschäftserwartungen fallen verhaltener aus

Nach Angaben des VDA bewerten 41 Prozent der befragten Unternehmen ihre aktuelle Lage als schlecht oder sehr schlecht. Nur 22 Prozent schätzen sie als gut oder sehr gut ein. Auch der Ausblick auf die kommenden zwölf Monate fällt zurückhaltend aus. Jedes dritte Unternehmen rechnet mit einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Verbesserung erwartet dagegen nur ein Viertel der Befragten.

Damit habe sich die Stimmung gegenüber der vorherigen Befragung im Januar eingetrübt. Damals habe der Anteil optimistischer Unternehmen noch über dem Anteil jener Betriebe gelegen, die mit einer Verschlechterung rechneten. Der Verband wertet die aktuellen Ergebnisse als Hinweis darauf, dass der Industrie- und Produktionsstandort Deutschland weiter unter erheblichem Druck steht.

„Zweifellos sind es herausfordernde Zeiten für die Automobilindustrie: zunehmende geopolitische Spannungen, multiple Krisen, um sich greifender Protektionismus, die Transformation zur klimaneutralen, digitalen Mobilität und ein Wirtschaftsstandort Deutschland, der zusehends an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verliert – all das stellt unsere global aufgestellte Industrie vor Herausforderungen. Die Lage verlangt von den Unternehmen, ganz besonders jenen des automobilen Mittelstandes, fortwährend Höchstleistungen ab und hat erhebliche Konsequenzen für Wachstum und Beschäftigung in vielen Regionen Deutschlands“ , kommentiert VDA-Präsidentin Hildegard Müller.

Investitionen werden verschoben oder verlagert

Besonders deutlich zeigt sich die angespannte Lage bei den Investitionsentscheidungen. Laut Umfrage geben 67 Prozent der Unternehmen an, geplante Investitionen in Deutschland verschieben, ins Ausland verlagern oder ganz streichen zu müssen. Lediglich 2 Prozent wollen ihre Investitionen am Standort Deutschland angesichts der aktuellen Lage erhöhen.

Auch bei der Beschäftigung zeigt sich ein kritisches Bild. 54 Prozent der befragten Unternehmen bauen demnach in Deutschland Personal ab. Nur 3 Prozent bauen Beschäftigung auf. Dieser Wert sei laut VDA der niedrigste seit Beginn der regelmäßigen Befragung im Frühjahr 2020. Zugleich geben 44 Prozent der Unternehmen, die in Deutschland Stellen abbauen, an, im Ausland Personal aufzubauen. Der Stellenabbau betrifft verschiedene Bereiche. Besonders häufig nennen die Unternehmen Verwaltungs- und Overheadfunktionen. Auch produktionsnahe Tätigkeiten stehen unter Druck. Kritisch ist aus Sicht des Verbandes zudem, dass entwicklungs- und innovationsnahe Tätigkeiten in einem Teil der betroffenen Unternehmen reduziert werden.

Forschung und Entwicklung geraten unter Druck

Die Entwicklung bei den Investitionen schlägt sich auch in den Plänen für Forschung und Entwicklung nieder. Nur knapp ein Drittel der befragten Betriebe plant, die F&E-Ausgaben in Deutschland zu erhöhen. Zwei Drittel rechnen dagegen mit sinkenden Ausgaben am Standort. Gleichzeitig beabsichtigt rund die Hälfte der Unternehmen, ihre Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen im Ausland auszuweiten.

Für den Branchenverband ist diese Verschiebung ein Warnsignal. Innovationen in der automobilen Wertschöpfung entstehen häufig in engem Zusammenspiel von Herstellern, Zulieferern, Entwicklungsdienstleistern und Forschungseinrichtungen. Wenn Unternehmen F&E-Aktivitäten verlagern, kann das langfristig Auswirkungen auf industrielle Netzwerke, Kompetenzen und Beschäftigung haben.

„Die Ergebnisse unserer Umfrage verdeutlichen Deutschlands Standortkrise. Die Bedingungen hierzulande bringen unsere Industrie, besonders den automobilen Mittelstand, immer mehr unter Druck. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts ist zunehmend nicht gegeben. Die Folge: Die Unternehmen müssen sich aus wirtschaftlichen Gründen leider täglich gegen den Standort Deutschland und Europa entscheiden und Investitionen sowie Beschäftigung verlagern“, erläutert Müller. „Die Politik in Brüssel und Berlin muss jetzt endlich und dringend zügig und entschlossen Maßnahmen ergreifen, die den Standort stärken und Wohlstand und Beschäftigung hierzulande erhalten. Denn nur an einem wettbewerbsfähigen Standort können Arbeitsplätze erhalten bleiben und neue entstehen.“

Bürokratie bleibt größte Belastung

Als wichtigste Herausforderung nennen die Unternehmen weiterhin bürokratische Anforderungen. 84 Prozent fühlen sich laut Umfrage stark oder sehr stark belastet. 71 Prozent erwarten von der Bundesregierung, in den kommenden Monaten vor allem den Bürokratieabbau voranzutreiben.

„Die mittelständischen Zulieferer ersticken geradezu in Bürokratie, in immer mehr Vorschriften und Auflagen. Das bindet wertvolle Kapazitäten und kostet Geld und Energie, die man als Unternehmerin eigentlich in sein Unternehmen und seine Beschäftigten investieren will. Darüber hinaus sind die im internationalen Vergleich hohen Arbeitskosten und mangelnde Flexibilität beim Arbeitsrecht große Herausforderungen für den Industriestandort Deutschland", kommentiert Isabelle Kirschbaum-Rupf, VDA-Vorständin und Sprecherin des VDA-Mittelstandsforums.

Neben Bürokratie und Finanzierungsfragen belasten die Unternehmen auch Steuern, Abgaben und Energiepreise. 63 Prozent sehen Steuern und Abgaben als große Belastung. Hohe Strompreise werden von 53 Prozent der Befragten genannt, hohe Gaspreise von 43 Prozent. Damit rücken Energiekosten wieder stärker in den Fokus als noch zu Jahresbeginn.

Nahostkrieg belastet über Preise und Lieferketten

Ein zusätzlicher Faktor ist der Krieg im Nahen Osten. Rund 46 Prozent der Unternehmen geben an, davon betroffen zu sein. Die Auswirkungen zeigen sich nach Angaben des Verbandes vor allem in gestiegenen Preisen. Betroffene Unternehmen nennen höhere Kraftstoffpreise, teurere Vorprodukte und Komponenten sowie gestiegene Energiekosten als wesentliche Belastungen.

Etwa ein Drittel der befragten Betriebe gibt an, bislang noch keine Auswirkungen zu spüren, erwartet diese aber für die Zukunft. Damit bleibt die geopolitische Lage für viele mittelständische Unternehmen ein Unsicherheitsfaktor. Gerade in global verzweigten Lieferketten können steigende Energie-, Transport- und Vorleistungskosten die Planbarkeit zusätzlich erschweren.

Industrielles Netzwerk bleibt Standortvorteil

Trotz der angespannten Lage sieht der VDA weiterhin Stärken des Standorts Deutschland. 66 Prozent der Unternehmen heben das industrielle Netzwerk hervor. Auch die Verfügbarkeit von Fachkräften wird von 53 Prozent positiv bewertet. Damit bleibt die enge Verbindung aus Herstellern, Zulieferern und spezialisierten Dienstleistern ein wichtiger Standortfaktor.

Kirschbaum-Rupf betonte, viele mittelständische Unternehmen seien tief in ihren Regionen verwurzelt. Verlagerungen erfolgten daher nicht leichtfertig. Umso wichtiger seien aus Sicht des Verbandes politische Entlastungen, damit der automobile Mittelstand auch in Deutschland eine Perspektive habe.

Die Ergebnisse der Befragung zeigen damit ein ambivalentes Bild. Einerseits verfügt der Standort weiterhin über gewachsene industrielle Strukturen, Fachkräfte und starke Netzwerke. Andererseits verschlechtern sich die Erwartungen vieler Unternehmen, während Investitionen, Beschäftigung und Teile der Entwicklungsaktivitäten zunehmend unter Druck geraten. Für den automobilen Mittelstand wird die Standortfrage damit zu einem immer wichtigeren strategischen Thema.