Seit mehr als drei Jahrzehnten erlebt Jan Drinka den Wandel des Volkswagen-Werks Bratislava aus nächster Nähe. Vom Fertigungsarbeiter in der alten Lackiererei über die Instandhaltung im Karosseriebau bis zur Verantwortung für hochautomatisierte Anlagen hat er nahezu alle Umbrüche des Standorts begleitet. Im Interview spricht er über Handschweißgeräte, Roboterzellen, den Anlauf der neuen Elektroplattform für den Porsche Cayenne und darüber, warum der Mensch auch in einer fast vollständig automatisierten Fertigung unverzichtbar bleibt.
Herr Drinka, Sie arbeiten seit 1992 im Werk
Bratislava. Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag erinnern – und was
war damals Ihr konkreter Job im Karosseriebau?
Obwohl es bereits lange her ist, ist die Erinnerung
geblieben. Als mein damaliger Arbeitgeber im Bereich der Elektrotechnik den
Betrieb eingestellt hat, fing ich bei Volkswagen Slovakia an. Mein erster Tag
war auf jeden Fall interessant, da die Tätigkeit ganz anders war. Mein erster
Einsatz war eigentlich nicht im Karosseriebau, da das Gewerk zu dem Zeitpunkt
erst im Aufbau war. Der Standort war damals deutlich kleiner als heute, sowohl was
die Gewerke angeht als auch das Produktportfolio. Angefangen habe ich als
Fertigungsarbeiter in der alten Lackiererei, wo wir am Volkswagen Passat B3
gearbeitet haben. 1993 bin ich dann in den Karosseriebau gewechselt, wo ich einer
von zwei Instandhaltern in der Halle war. Damals war ein Großteil der
Tätigkeiten manuelle Arbeit, also haben wir buchstäblich die Hand ans Werk
gelegt.
Wenn Sie die Anfänge mit Handschweißgeräten mit der
heutigen, zu über 90 Prozent automatisierten Fertigung im Karosseriebau vergleichen:
Was war der prägendste Umbruch in diesen mehr als 30 Jahren?
Ein konkreter Augenblick kann eigentlich nicht
definiert werden. Ich würde es nicht „Umbruch“ nennen. Ein viel passenderes
Schlagwort ist „Evolution“. Wie ich gesagt habe, der erste Karosseriebau
basierte fast ausschließlich auf manueller Arbeit. Mit Erweiterung des
Produktportfolios und mit den neuen Fahrzeug-Generationen kamen neue
Technologien mit. Ein gutes Beispiel ist das Laserschweißen des Dachs mit
Seitenteilen aus Stahl, das zum ersten Mal am Volkswagen Golf der dritten oder
vierten Generation eingesetzt wurde. Nach und nach kamen Roboter zum Einsatz
und der Automatisierungsgrad stieg an. Hand in Hand mit den großen Fahrzeugen
wie Volkswagen Touareg, Audi Q7 und später Porsche Cayenne wuchsen die
technologischen Ansprüche und es änderte sich die Materialzusammensetzung der
Karosserie, die neue Verbindungstechnologien mit sich brachte. Die
Automatisierung kann also in keinem konkreten Meilenstein verkörpert werden, in
der Tat war und ist es eine kontinuierliche Entwicklung.
Sie haben Generationen von Fahrzeugen kommen und
gehen sehen. Gab es ein Projekt, das Sie besonders gefordert oder stolz
gemacht?
Ich kann nur schwer eines herauspicken. Besonders
stolz bin ich auf jeden gemeisterten Anlauf. Der Standort Bratislava ist ein
global einzigartiges Mehrmarkenwerk mit 35-jähriger Tradition und einem
wirklich vielfältigen Portfolio. Aktuell fertigen wir neun Modelle von vier
Marken unter einem Dach. Jedes aktuelle sowie jedes vergangene Modell brachte
etwas Neues, Interessantes und Innovatives und trieb den Standort – und mich –
voran.
Heute überwachen Ihre Teams hochautomatisierte
Roboterzellen, kamerabasierte Messsysteme und komplexe Mischbauprozesse. Wie
hat sich das Kompetenzprofil der Mitarbeitenden über die Jahre verändert?
Für diese Frage habe ich einen treffenden Spruch: Wenn
der Kopf denkt, spielen die Hände mit. Unabhängig davon, ob es sich um
Mechanik, Elektrotechnik, Software oder automatisierte Prozesse handelt, muss
man mitdenken und sich ständig weiterbilden. In der Vergangenheit gehörten
mechanische und manuelle Fertigkeiten zu den Hauptkompetenzen, aber bereits vor
30 Jahren waren die ersten Ansätze der Digitalisierung präsent. Schon damals
musste man laufend lernen können. Nach und nach kam es zur Harmonisierung der
Mechanik mit der Elektrik und heute sieht man das Ergebnis. Und der Fortschritt
geht weiter. Dabei bin ich keine Ausnahme. Früher dachte ich, dass das Lernen
mit dem Schulabschluss vorbei ist. Ganz im Gegenteil. Und das gilt nicht nur
bei technischen Kenntnissen, sondern auch in der Kommunikation. Es kommen neue
Generationen von Mitarbeitern und die jungen Kollegen verwenden eine andere
Sprache, andere Abkürzungen. Auch hier müssen wir alle lernen, miteinander zu
kommunizieren und uns zu verstehen.
Mit der neuen Plattformhalle, kommt ein skateboardartiges
Chassis und einen völlig anders konstruierten Unterboden ohne klassischen
Mitteltunnel. Was war für Sie persönlich die größte technische oder
organisatorische Herausforderung in diesem Anlauf?
Auf der einen Seite war die neue Plattform selbst eine
große Herausforderung – es ist ein völlig anderes Konzept der Konstruktion, das
man in den bestehenden Karosseriebau nicht integrieren konnte. Auf der anderen
Seite mussten die restlichen Teile der Karosserie in bestehende Linien
integriert werden, auf denen gleichzeitig die Serienproduktion lief. Das führte
zu einer hohen technischen und organisatorischen Komplexität für die Mitarbeiter.
Der Materialmix aus Aluminium und hochfestem Stahl
sowie der hohe Klebeanteil verändern die Fügetechnik grundlegend. Mussten auch
Sie selbst noch einmal neu lernen – oder anders führen – um diese Technologien
zu etablieren?
Auf jeden Fall – und eigentlich lerne ich jeden Tag
etwas Neues. Ob es sich um ein neues Material, einen neuen Lösungsansatz bei
Problembehebungen, eine neue Software oder einen Vorschlag zur weiteren
Automatisierung handelt – neue Herausforderungen tauchen ununterbrochen auf. Es
ist ein fortlaufender Prozess und man merkt oft gar nicht, dass man sich
eigentlich über viele Jahre hinweg kontinuierlich weiterentwickelt. Im
Allgemeinen ist die Entwicklung in der Automobilindustrie immens und um Schritt
halten zu können, darf man nicht stehen bleiben.
Der Hochlauf ist bewusst qualitätsgetrieben, mit
klarer Priorität vor Durchsatz. Wie erleben Sie diese Phase emotional – eher
als Drucksituation oder als Moment, in dem sich jahrzehntelange Erfahrung
auszahlt?
Eher als eine Art Verwertung meiner Erfahrungen. In
den nahezu 35 Jahren bin ich durch mehrere Fachbereiche gegangen – Lackiererei,
Karosseriebau, Montage und Qualität – und verstehe deshalb die jeweilige Perspektive
und Rolle. Zugleich weiß ich, dass der Fahrzeugbau ein sehr komplexer Prozess
ist, wo alle Teile zusammenspielen. Die Qualität des fertigen Fahrzeugs ist
bedingt durch Qualität der einzelnen Schritte. Wenn also die Qualitätsabteilung
sagt, dass ein gewisses Maßstab zu erreichen ist, ist es unser gemeinsames
Ziel. Das gilt auch für den Karosseriebau und es zeigt sich dann im Endprodukt.
Es ist also eine Herausforderung, aber im positiven Sinne.
Sie verantworten eine Halle, in der
Hightech-Automatisierung und Handarbeit nebeneinander existieren – etwa im
Finish. Wie erklären Sie jungen Mitarbeitenden diesen scheinbaren Widerspruch?
Die jungen Leute verstehen das im Allgemeinen gut.
Schon während der Schule kommen sie zu uns zum praktischen Unterricht und
sehen, dass die Arbeit an einer Fertigungslinie nicht nur Köpfchen erfordert,
sondern dass manuelle Tätigkeiten nach wie vor dazu gehören. Auch wenn eine
Linie zu 100 Prozent automatisiert ist, bleibt der Mensch unverzichtbar. Der
Roboter tut nur das, was der Mensch programmiert. Wenn er kein korrektes Signal
bekommt oder ein Signal fehlt, bleibt er stehen oder macht einen Fehler, den
wiederum ein Mensch beheben muss. Gleichzeitig kommen die jungen Mitarbeiter
selbst mit Ideen zur Verbesserung der Automatisierung – sie erkennen oft sehr
schnell, wo ein Roboter noch weiteres Potenzial hat und man ihn noch mehr
auslasten kann. Wenn eine solche Harmonisierung gelingt, ist es auch für mich
schön zu beobachten, welche Freude die Kollegen an der Arbeit haben und wie stolz
sie darauf sind, wenn wir ihnen Anerkennung aussprechen und sie in ihrer
Bemühung unterstützen.
Wenn Sie durch die neue Plattformhalle gehen: Gibt
es einen Moment oder einen Ort, an dem Sie besonders spüren, dass hier ein
neues Kapitel beginnt?
Die gesamte Plattform für den elektrischen Antrieb ist
in dieser Hinsicht außergewöhnlich. Man sieht einen großen technischen
Fortschritt in den Materialien, der Konstruktion und den eingesetzten
Technologien. Obwohl es weiterhin Mischbau ist, bestehen die Bauteile aus anderen
Materialien in anderen Verhältnissen. Es wird zum Beispiel hochfester Stahl mit
Aluminium-Druckguss kombiniert. Es ist ein großer Fortschritt und klarer Beweis
dafür, dass wir in eine neue technologische Ära eintreten.
Und ganz persönlich: Was bedeutet es für Sie, nach
über 30 Jahren im Werk ausgerechnet beim Anlauf des elektrischen Cayenne in
leitender Funktion dabei zu sein? Ist das für Sie eher ein weiterer Meilenstein oder so etwas wie ein beruflicher Höhepunkt?
Ich würde es so formulieren: Jedes neue Fahrzeug
ist etwas Besonderes und eine große Neuheit am Anfang, die später zu einem
Meilenstein wird. Auf jeden Fall ist es aber ein bedeutender Moment in meiner
professionellen Laufbahn. Für mich ist es eine weitere Quelle von Kenntnissen
und Erkenntnissen. Es gibt einen schönen Spruch, der mir sehr gefällt und nach
dem ich mich richte: „Wer glaubt, gut zu sein, hört auf, besser zu werden.“ Das
beschreibt auch meine persönliche Einstellung: Technologien verändern sich in enormem
Tempo und der einzig richtige Weg ist zu lernen, mit ihnen zu arbeiten und zu
leben.