„Die antriebsflexible Fertigung ist für mich klar gesetzt“
Kosten runter, Absatz rauf: Mercedes‘ neuer Produktionsvorstand Michael Schiebe erklärt, wie er Effizienz und Qualität auf hybriden Linien austarieren, das KI-Potenzial ausnutzen und in der Organisation der Schwaben eine gewisse Mittelstandsdenke etablieren will.
Michael Schiebe beim Produktionshochlauf des neuen elektrischen GLC im Mercedes-Werk Bremen: „Am Ende bestimmt der Kunde das Tempo der Transformation“Mercedes-Benz AG
Einer, der ganz
frisch in Verantwortung für die reibungslosen Produktions- und Logistikabläufe
bei Mercedes-Benz gekommen ist, ist Michael Schiebe. Der Manager, der bis
zum letzten Jahr noch die Geschicke bei Mercedes‘ Performance-Marke AMG
geleitet hatte, beerbte Ende 2025 Jörg Burzer als Vorstand für Produktion,
Qualität und Supply Chain Management. Burzer selbst ist nun Entwicklungschef
bei den Schwaben.
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Am Rande des
Produktionshochlaufs des GLC im Werk Bremen sprach Automobil Produktion mit dem
neuen Chefproduktioner bei Mercedes über seine Strategie, Sparmaßnahmen mit
Premiumanspruch auszutarieren, die Zukunft der antriebshybriden Fertigung, die
Folgen des Trump-Protektionismus und seine ehrliche Einschätzung, wann
humanoide Roboter in den Werken der Schwaben so richtig loslegen werden.
Zunächst einmal:
Jörg Burzer und das Team haben in den vergangenen Jahren sehr viel richtig
gemacht. Wenn man sich anschaut, was wir auf der Produktionsseite erreicht
haben, dann ist das Fundament extrem stark. Wir sind heute deutlich flexibler
als früher und haben mit MO360 ein digitales Backbone aufgebaut, das uns in der
aktuellen Weltlage enorm hilft. Aber wir sehen natürlich auch: Die
Rahmenbedingungen verändern sich rasant. Technologischer Fortschritt,
geopolitische Entwicklungen wie Zölle oder stärkere Regionalisierung – all das
zwingt uns, die Strategie weiterzuentwickeln. Ein Beispiel ist unser
konsequenterer Local-for-Local-Ansatz, etwa mit der Verlagerung der
GLC-Produktion in die USA. Inhaltlich setze ich auf drei Schwerpunkte: Erstens
müssen wir weiter an Effizienz und Effektivität arbeiten, sprich: die Kosten im
Griff behalten, gerade weil wir gleichzeitig in neue Technologien investieren
müssen. Zweitens hat Qualität für mich oberste Priorität. Unsere Kunden
entscheiden sich ganz bewusst für die Marke Mercedes-Benz und verbinden damit
eine klare Erwartung. Die wollen wir nicht nur erfüllen, sondern idealerweise
übertreffen. Und drittens sehe
ich enorme Chancen im Bereich künstliche Intelligenz und Automatisierung,
insbesondere im Kontext von „Physical AI“. Wir haben beispielsweise bereits
2023 in der Lackieranlage in Rastatt einen Piloten umgesetzt und konnten durch
den Einsatz von KI die Energiekosten um rund 20 Prozent senken. Da steckt
enormes Potenzial. Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich die Organisation:
Wir müssen die Flexibilität nicht nur im Produktionsnetzwerk, sondern auch in
unseren Teams weiterentwickeln. Internationaler Austausch, crossfunktionale
Erfahrungen – all das stärkt unser System. Ich selbst habe verschiedene
Bereiche des Unternehmens durchlaufen, und genau solche Perspektiven helfen,
neue Impulse zu setzen.
Mercedes-Benz hat
die Produktionskosten bereits deutlich gesenkt und weitere Einsparungen
angekündigt. Wo liegen aus Ihrer Sicht die letzten „dicken Brocken“ zur
Kostensenkung, ohne den Premiumanspruch in Qualität und Fertigung zu gefährden?
Ich sehe da
keinen Zielkonflikt, im Gegenteil. Es geht um Exzellenz in den Prozessen. Wenn
wir es schaffen, unsere Abläufe absolut stabil und effizient zu gestalten, dann
erreichen wir automatisch sowohl Kostenvorteile als auch höchste Qualität. Ein
zentraler Hebel ist dabei der intelligente Einsatz von Technologie im
Zusammenspiel mit unseren Mitarbeitenden. Ein gutes Beispiel ist unser Werk in
Kecskemét: Dort haben wir die Belegschaft für den Anlauf der elektrischen
C-Klasse vollständig mit Virtual-Reality-Anwendungen geschult. Das bedeutet,
die Mitarbeitenden wissen heute schon genau, was sie an ihrer Station tun
müssen, obwohl die reale Linie teilweise noch gar nicht steht. Entsprechend
vorbereitet gehen sie in den Produktionsanlauf, was die Qualität und Effizienz
deutlich erhöht. Darüber hinaus sehen wir große Fortschritte durch
KI-Anwendungen im Alltag. Wir haben beispielsweise einen virtuellen
Produktions-Chatbot eingeführt: Mitarbeitende können dort Fragen etwa zur
Anlagenwartung in ihrer eigenen Sprache stellen und erhalten sofort die
passende Antwort. Das funktioniert standortübergreifend weltweit. Ein weiterer
wichtiger Punkt ist Transparenz im Produktionsprozess. Heute können wir jedes
einzelne Fahrzeug digital verfolgen. Wenn wir Abweichungen erkennen, können wir
sehr schnell analysieren: Welche Fahrzeuge sind betroffen? Was war die Ursache?
Wann ist der Fehler aufgetreten und wann konnten wir ihn abstellen? Dadurch
verkürzen wir die Reaktionszeiten massiv und erhöhen sowohl Qualität als auch Effizienz.
Am Ende bedeutet das: Weniger Komplexität für die Mitarbeitenden, stabilere
Prozesse und eine bessere Gesamtperformance. Genau dort liegen für mich die
größten Hebel.
Es geht um Exzellenz in den Prozessen. Wenn wir es schaffen, unsere Abläufe absolut stabil und effizient zu gestalten, dann erreichen wir automatisch sowohl Kostenvorteile als auch höchste Qualität.
Michael Schiebe, Mercedes-Benz
Das Werk Bremen
startet den vollelektrischen GLC antriebsflexibel auf einer Linie. Ist diese
Form der Vollflexibilität aus Ihrer Sicht ein Dauerzustand oder nur eine
Übergangslösung, bis sich die Nachfrage klarer entwickelt?
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Langfristige
Masterpläne über zehn oder fünfzehn Jahre sind heute kaum noch belastbar. Dafür
verändert sich das Umfeld zu schnell. Unser Fokus liegt darauf, in den
kommenden Jahren erfolgreich zu sein, und dabei hilft uns Flexibilität aktuell
enorm. Wir sehen weltweit sehr unterschiedliche Dynamiken bei den
Antriebsarten. In Europa entsteht derzeit ein regelrechter Hype um
Elektrofahrzeuge. Beim neuen elektrischen GLC haben wir in den ersten Monaten
so viele Bestellungen erhalten wie noch bei keinem unserer bisherigen
Elektrofahrzeuge. Gleichzeitig beobachten wir in den USA eine andere
Entwicklung: Dort wurden viele Förderprogramme zurückgefahren, wodurch sich
Kunden wieder stärker für Verbrenner entscheiden. Genau deshalb ist
Flexibilität entscheidend. Am Ende bestimmt der Kunde das Tempo der
Transformation und wir müssen in der Lage sein, darauf zu reagieren. Für die
kurz- und mittelfristige Perspektive ist die antriebsflexible Fertigung für
mich klar gesetzt. Sie ermöglicht uns, Produktionsvolumina besser auszubalancieren,
stabiler gegenüber Lieferanten zu agieren und schneller auf Nachfrageänderungen
in den Märkten zu reagieren. Perspektiven für 2035 heute abschließend zu
bewerten, wäre Spekulation. Entscheidend ist, dass wir den aktuellen
Produkt-Rollout erfolgreich umsetzen. Wir bringen derzeit eine enorme Zahl an
neuen Modellen ins Netzwerk, in nahezu jedem Werk läuft aktuell ein Anlauf. Das
ist operativ eine große Herausforderung, aber genau dafür haben wir unser
System aufgebaut.
Sie sprachen den
US-Markt an: Als Reaktion auf den Trump-Protektionismus soll der GLC künftig
auch in Tuscaloosa produziert werden. Wann geht es los – und wird dort auch die
Elektrovariante gefertigt?
Neben
regulatorischen Faktoren spielt vor allem die Kundennähe eine zentrale Rolle.
Wir wollen noch stärker auf die Bedürfnisse unserer lokalen Märkte eingehen und
haben mit diesem Ansatz in China sehr gute Erfahrungen gemacht. Dort bieten wir
beispielsweise Versionen mit verlängertem Radstand an, die spezifisch auf die
Wünsche der Kunden zugeschnitten sind. Ein ähnliches Prinzip verfolgen wir
jetzt auch in Nordamerika. Der US-Markt ist für uns von zentraler Bedeutung und
durch die Lokalisierung können wir näher an den Kunden rücken und unsere
Produkte gezielter ausrichten. Wir planen, nach 2027 mit der lokalen Produktion
des GLC in Tuscaloosa zu beginnen. Ein genaues Datum kann ich heute noch nicht
nennen. Im ersten Schritt fokussieren wir uns aber ganz klar auf die
Verbrennervariante.
Ich würde nicht
von einem Reset sprechen. Vielmehr sehen wir, dass sich die Akzeptanz der
Elektromobilität je nach Markt unterschiedlich schnell entwickelt. In den
vergangenen Jahren gab es durchaus Regionen und Kundengruppen, die
zurückhaltender waren. Gleichzeitig beobachten wir, wie schnell sich das ändern
kann.
Was ist der beste
Hebel?
Neue
Fahrzeuggenerationen machen einen großen Unterschied: mehr Reichweite,
schnellere Ladezeiten und deutlich verbesserte Assistenzsysteme erhöhen die Alltagstauglichkeit
erheblich. Damit wird der Umstieg auf Elektromobilität für viele Kunden
zunehmend attraktiv. Unsere Strategie ist deshalb klar: Wir richten uns am
Kunden aus. Wir bieten sowohl elektrische als auch konventionelle Antriebe an
und investieren in beide Technologien. Denn die Entwicklung wird regional
unterschiedlich verlaufen und wir wollen sicherstellen, dass unsere Kunden
überall die passende Lösung bekommen.
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Wir planen, nach 2027 mit der lokalen Produktion des GLC in Tuscaloosa zu beginnen. Ein genaues Datum kann ich heute noch nicht nennen. Im ersten Schritt fokussieren wir uns aber ganz klar auf die Verbrennervariante.
Michael Schiebe, Mercedes-Benz
Die
Milliardeninvestitionen in Tuscaloosa sind aber auch ein klares Signal an die
US-Regierung, dass Sie es mit der Lokalisierung ernst meinen.
Absolut. Die USA
sind für uns ein extrem wichtiger Markt. Wir sind mit unseren Produkten sehr
erfolgreich und sehen insbesondere bei SUV-Modellen wie GLE und GLS weiteres
Wachstumspotenzial. Gleichzeitig erreichen wir über die Lokalisierung des GLC
auch neue Kundengruppen, die bislang noch keinen Kontakt zur Marke hatten.
Insofern ist das Investment ganz klar ein Bekenntnis zum Markt und zu einer
stärkeren lokalen Präsenz.
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Mercedes
investiert gerade im Produktionsumfeld stark in KI, digitale Zwillinge und
humanoide Roboter. Welche Anwendung bringt heute bereits messbar
Produktivitäts- oder Qualitätsvorteile – und was ist eher Zukunftsmusik?
Wir sprechen hier
nicht mehr über Zukunft, sondern über Anwendungen im Hier und Jetzt. Künstliche
Intelligenz liefert uns bereits heute in vielen Bereichen konkrete Vorteile –
und das geht weit über klassische Chatbots hinaus. Natürlich helfen uns Chatbots
bei der schnellen Informationsverarbeitung und Kommunikation. Aber
entscheidender ist der Einsatz in Planung und Steuerung komplexer Prozesse. Ein
gutes Beispiel ist die Integration neuer Fahrzeugmodelle in bestehende
Produktionslinien. Das ist operativ echte „Champions League“ und wird erst
durch KI-basierte Planungsfunktionen und digitale Zwillinge möglich. Wir planen
Prozesse zunächst vollständig digital, bauen dann die reale Anlage auf und
spielen die gewonnenen Daten sofort zurück in den digitalen Zwilling. So
gleichen wir kontinuierlich ab und optimieren die Abläufe. Die digitale und die
physische Welt sind hier bereits eng miteinander verzahnt. Humanoide Robotik
ist dagegen noch ein spezieller Anwendungsfall. Gemeinsam mit unserem Partner
Apptronik machen wir erste Fortschritte, sowohl im Digital Factory Campus in
Berlin als auch in Pilotprojekten in den Werken. Kurzfristig sehen wir den
größten Nutzen bei monotonen, körperlich belastenden Tätigkeiten, etwa in der
Intralogistik oder beim Heben schwerer Lasten. In hochkomplexen Montagen –
nehmen Sie den Innenausbau einer S-Klasse mit seiner enormen Variantenvielfalt
– ist der Mensch auf absehbare Zeit weiterhin unschlagbar.
Die
Entwicklungsgeschwindigkeit ist derzeit enorm. Wir sehen das ja auch bei
anderen Technologien. Adoptionskurven können heute sehr schnell exponentiell
verlaufen. Für uns ist entscheidend: Wir wollen vorne dabei sein. Wir testen
und pilotieren frühzeitig, bauen Partnerschaften auf und entwickeln die
Technologien aktiv mit. Ob der breite Serieneinsatz in einem, in zwei oder in
drei Jahren kommt, lässt sich heute schwer vorhersagen. Aber wir werden auf
jeden Fall bereit sein, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.
Sie kommen aus
der AMG-Welt, wo Varianz, kurze Zyklen und hohe Erwartungen Alltag sind. Welche
Denkweise aus Affalterbach hilft Ihnen heute am meisten im globalen
Produktionsnetzwerk?
Ich treffe hier
auf ein sehr erfahrenes und hochmotiviertes Team, das möchte ich ausdrücklich
betonen. Was ich aus meiner bisherigen Laufbahn ergänzen möchte, ist vor allem
eine bestimmte Art zu arbeiten, die ich als „Mittelstandsdenken“ bezeichnen
würde. Ich habe früh in meiner Karriere bei Mercedes-Benz eine kleinere
Länder-Organisation geleitet und auch bei AMG erlebt, wie wertvoll kurze Wege
und direkte Kommunikation sind. Es geht nicht um Hierarchien, sondern darum,
dass die besten Ideen gehört werden – unabhängig davon, auf welcher Ebene sie
entstehen. Diese Kultur versuche ich auch in meiner jetzigen Rolle zu leben.
Für mich gehört dazu, dass Experten ihre Themen direkt präsentieren und
Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig ist mir ein unmittelbares und ehrliches
Feedback wichtig, sowohl in kritischen Punkten als auch in Form von
Anerkennung. Ich rufe beispielsweise auch mal nach einem Meeting jemanden an
und gebe persönliches Feedback – gerade bei jüngeren Kolleginnen und Kollegen.
Diese Mischung aus Klarheit, Wertschätzung und Nähe ist etwas, das ich aus dem
mittelständisch geprägten Umfeld mitgenommen habe und das ich bewusst in die
Organisation einbringen möchte.
Zur Person:
Michael Schiebe
ist seit dem 1. Dezember 2025 Mitglied des Vorstands der Mercedes-Benz Group AG
und verantwortet dort Produktion, Qualität sowie Supply Chain Management. Er
steuert das globale Produktionsnetzwerk mit über 30 Standorten für Fahrzeuge,
Antriebe und Batterien sowie die weltweiten Logistikketten. Zudem gehört er dem
Vorstand der Mercedes-Benz AG an. Geboren am 25. Juli 1983, studierte er
Internationale Betriebswirtschaft in Stuttgart. Seit seinem Einstieg 2007 hatte
er verschiedene Positionen inne, u. a. im Produktmanagement, Vertrieb und als
CEO von Mercedes-AMG sowie Leiter der Bereiche G-Klasse und Maybach.