Gerüchte um Schließungspläne

Diese Folgen hätte das Aus von Audi- und VW-Werken

Diverse Medien berichten über neue Sparpläne des VW-Konzerns. Demnach sollen bis zu 100.000 Stellen wegfallen und vier deutsche Werke dichtmachen. Wir zeigen, welche Folgen dies für die Produktion haben könnte.

7 min
Das VW-Werk in Zwickau ist einer von vier Streichkandidaten.

Als wären die letzten Tage in halb Europa und ganz Deutschland nicht schon heiß genug gewesen, goss ein Artikel des Manager Magazins am Freitagmorgen noch mal einen riesigen Schluck Extra-Öl ins Feuer: Demnach will VW-Chef Blume den Konzern grundlegend verändern. Die Rede ist von Stellenstreichungen im sechsstelligen Bereich und dem Ende von den VW-Werken in Hannover, Emden und Zwickau sowie dem Audi-Werk in Neckarsulm. Noch hat der Konzern sich nicht offiziell zu den Gerüchten geäußert, doch der Aufschrei im Mutterland des Automobils ist einmal mehr gewaltig. Gewerkschaften und Politiker laufen bereits Sturm und vermutlich wird deren Macht am Ende auch dafür sorgen, dass jene Maximalforderungen am Ende nicht genauso umgesetzt werden können. Die Tatsache, dass der Konzern aber bereits zum zweiten Mal in weniger als zwei Jahren mit derart krassen Sparplänen um die Ecke kommt, zeigt, wie tief die Krise bei Volkswagen ist. Monatelange Streiks und Auseinandersetzungen dürften vorprogrammiert sein. Doch was steckt hinter den Plänen? Welche Modelle wären betroffen, welche Werke und Regionen könnten zum großen Profituer werden und inwieweit könnten chinesische Hersteller vom gefürchteten Henker zum unverhofften Heilsbringer für die deutschen Beschäftigten werden?

Warum Zwickau besonders im Fokus steht

Zunächst einmal bleibt abzuwarten, welche Werke überhaupt tatsächlich geschlossen würden und wo die Produktion vielleicht eher schrittweise ausläuft, statt mit einem großen Knall zu enden. Gerade im Fall Zwickau hat dieser Prozess im Grunde längst begonnen. Der Standort, der vor wenigen Jahren noch als Musterwerk der elektrischen Transformation gefeiert wurde, verliert Stück für Stück an Gewicht im Produktionsnetzwerk. Der ID.4 wandert perspektivisch stärker nach Emden, der ID.5 dürfte ohnehin keine große Zukunft mehr haben und mit dem Audi Q4 e-tron allein lässt sich ein Werk dieser Größe kaum dauerhaft auslasten.

Damit wird Zwickau zum wahrscheinlichsten Kandidaten in diesem Gedankenspiel, auch wenn eine Werkschließung selbst dort ein politisches und gesellschaftliches Beben auslösen würde. Denn kaum ein anderer Standort steht so sehr für die Wette, die Volkswagen mit seiner Elektrostrategie eingegangen ist. Erst wurde das frühere Verbrennerwerk mit hohem Aufwand auf E-Mobilität umgebaut, dann blieb der große Nachfrageboom aus, den der Konzern für diese Fabrik gebraucht hätte. Ausgerechnet der Standort, der als Beweis für den gelungenen Umbau dienen sollte, könnte nun zum Symbol dafür werden, dass der Umbau in Deutschland nicht schnell und nicht profitabel genug funktioniert.

Das Land Niedersachsen wird keiner Entwicklung zustimmen, die auf Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung setzt.

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies auf LinkedIn

Hinzu kommt, dass Zwickau im Vergleich zu Hannover oder Emden politisch weniger geschützt erscheint. Das Werk liegt nicht in Niedersachsen, wo das Land als Anteilseigner bei Volkswagen eine besondere Rolle spielt und wo jede Entscheidung über Arbeitsplätze immer auch eine landespolitische Dimension hat. Das macht eine Schließung in Sachsen nicht einfach, aber aus Konzernsicht möglicherweise etwas weniger kompliziert als einen offenen Bruch mit der eigenen niedersächsischen Machtbasis.

Emden wäre die überraschendste Schließung

Gerade deshalb erscheint die Nennung von Emden auf den ersten Blick besonders schwer nachvollziehbar. Das Werk wurde erst in den vergangenen Jahren mit großem Aufwand für die Elektromobilität umgebaut. Mehr als eine Milliarde Euro sollen in den Standort geflossen sein, Anfang 2024 lief dort der letzte Verbrenner vom Band und inzwischen produziert Emden ausschließlich Elektromodelle. Mit ID.4, ID.7 und ID.7 Tourer entstehen dort zudem genau jene Fahrzeuge, die innerhalb der VW-Elektropalette derzeit zu den absatzstärksten Modellen gehören.

Natürlich schützt auch eine frisch modernisierte Fabrik nicht automatisch vor harten Entscheidungen, wenn Auslastung, Marge und Konzernlogik nicht mehr zusammenpassen. Trotzdem wäre es ein bemerkenswertes Signal, wenn Volkswagen ausgerechnet ein Werk infrage stellen würde, das gerade erst mit erheblichem finanziellen und politischen Aufwand zur E-Auto-Fabrik umgebaut wurde. Denn dann ginge es nicht mehr nur um alte Verbrennerkapazitäten oder überholte Strukturen, sondern auch um die Frage, ob sich die elektrische Transformation an deutschen Standorten überhaupt noch so rechnet, wie sie vor wenigen Jahren geplant wurde.

Auch hier kommt die niedersächsische Komponente hinzu. Emden ist nicht irgendein Standort, sondern Teil jenes Bundeslandes, das bei Volkswagen traditionell ein gewichtiges Wort mitredet. Eine echte Schließung dürfte deshalb auf massiven Widerstand treffen. „Das Land Niedersachsen wird keiner Entwicklung zustimmen, die auf Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung setzt oder die bewährte Mitbestimmung infrage stellt. Wer den Konzern nachhaltig stärken will, muss die Beschäftigten mitnehmen und darf ihre Rechte nicht aushöhlen", so  Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies auf LinkedIn. Realistischer erscheint, zumindest nach allem, was aktuell öffentlich erkennbar ist, ein harter Sparkurs innerhalb des Standorts. Weniger Personal, geringere Kosten, vielleicht neue Arbeitszeitmodelle, möglicherweise auch Zugeständnisse bei Entgelt und Tarifbestandteilen. Das wäre für die Beschäftigten schmerzhaft genug, läge aber näher an der bisherigen VW-Logik als das komplette Aus einer gerade erst aufwendig umgebauten Fabrik.

Hannover zeigt, wie stark Polen wird

Nicht weniger kompliziert ist die Lage in Hannover. Dort baut Volkswagen Nutzfahrzeuge aktuell noch den Multivan sowie den ID-Buzz. Der zweite wichtige Standort der Transportersparte liegt allerdings im polnischen Poznań. Und genau dieser Vergleich ist für Volkswagen unbequem. In der niedersächsischen Landeshauptstadt treffen hohe deutsche Kosten, eine starke Arbeitnehmervertretung und enorme politische Aufmerksamkeit auf ein Produktsegment, in dem der Preisdruck traditionell hoch ist. In Polen wiederum kann der Konzern mit deutlich niedrigeren Lohnkosten produzieren und hat in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, wie wichtig das Werk für die Nutzfahrzeugstrategie ist. Erst 2025 wurde das Werk mit dem Automotive Lean Production Award ausgezeichnet.

In diesem Zusammenhang wirkt auch ein Personalwechsel, der auf den ersten Blick wie eine normale Rochade in der Produktion aussieht, plötzlich deutlich interessanter. Richard Slovak, der erst Anfang 2025 die Leitung des VWN-Werks Hannover übernommen hatte, soll zum 1. September 2026 an die Spitze von Volkswagen Poznań wechseln. Natürlich beweist eine solche Personalie allein noch keine Produktionsverlagerung und erst recht keine konkrete Schließungsabsicht. Sie passt aber in ein Bild, in dem die polnischen Werke innerhalb des Konzerns weiter an Bedeutung gewinnen, während die deutschen Standorte stärker unter Kostendruck geraten.

Ob Hannover tatsächlich geschlossen werden könnte, steht dennoch mehr als in den Sternen. Dafür ist der Standort zu sichtbar, zu symbolisch und zu stark in die deutsche VW-Struktur eingebunden. Eher dürften auch hier Szenarien auf den Tisch kommen, die Volkswagen schon aus früheren Krisen kennt. Der Konzern könnte den Personalabbau weiter forcieren, Altersteilzeit und freiwillige Programme ausweiten oder mit der Arbeitnehmerseite über härtere Einschnitte bei Arbeitszeit und Kosten sprechen. Selbst Modelle wie eine Vier-Tage-Woche, die es bei Volkswagen in anderer Form schon einmal gab, könnten in einer zugespitzten Lage wieder Teil der Debatte werden.

Für die Belegschaft wäre das kein kleiner Kompromiss, sondern eine tiefe Zäsur. Für den Konzern könnte es aber der Weg sein, eine offene Werkschließung zu vermeiden und trotzdem die Kostenbasis spürbar zu senken. Genau darin dürfte am Ende der Kern vieler Verhandlungen liegen. Volkswagen wird versuchen, die Drohung möglichst groß zu halten, um Einschnitte durchzusetzen, während Gewerkschaft und Politik alles daransetzen werden, den Begriff Werkschließung wieder aus der Debatte zu bekommen.

Neckarsulm und Bratislava zeigen die neue Konzernlogik

Am überraschendsten wirkt auf den ersten Blick die Nennung von Neckarsulm. Das Audi-Werk ist kein Randstandort, sondern eine traditionsreiche Fabrik mit hochwertigen Modellen. Dort laufen aktuell unter anderem A5, A6 und A8 als Verbrennermodelle vom Band. Eine Schließung wäre deshalb nicht nur ein weiterer Einschnitt im VW-Konzern, sondern ein Angriff auf einen der historisch wichtigsten Audi-Standorte.

Gleichzeitig zeigt gerade Neckarsulm, worum es bei den Überlegungen gehen könnte. Die Frage lautet nicht nur, ob ein Werk heute noch wichtige Autos baut. Die Frage lautet, ob diese Autos in einigen Jahren noch in gleicher Form gebraucht werden, ob die Kostenstruktur zum erwarteten Absatz passt und ob andere Standorte die Produktion günstiger übernehmen könnten. Im Audi-Netzwerk wäre Ingolstadt naheliegend, doch aus reiner Kostensicht könnten Auslandswerke deutlich realistischer erscheinen. Das gilt umso mehr, wenn die Stückzahlen klassischer Verbrennermodelle weiter sinken und der Konzern Produktionsvolumen noch stärker bündeln will.

In diese Logik passt auch der Blick nach Bratislava. Das slowakische Konzernwerk produziert bereits große und komplexe Fahrzeuge, darunter seit Anfang des Jahres auch den elektrischen Porsche Cayenne. Sollte dessen Produktion tatsächlich nach Leipzig verlagert werden, wie es die FAZ berichtet, könnten dort perspektivisch Kapazitäten frei werden. Dann wäre zumindest denkbar, dass Volkswagen elektrische Modelle wie ID.4, ID.7 oder künftige Ableger stärker außerhalb Deutschlands fertigen lässt. Das wäre nicht von heute auf morgen umsetzbar, denn Modellverlagerungen bedeuten immer Investitionen, Anläufe, Qualifizierung und Lieferkettenarbeit. Aber die Richtung der Debatte ist klar. Deutsche Werke müssen sich nicht mehr nur untereinander behaupten, sondern auch gegenüber Standorten, die im selben Konzern deutlich günstiger produzieren können.

Das Stammwerk Wolfsburg bleibt in diesem Szenario die große Ausnahme. Eine Schließung ist dort praktisch undenkbar. Im Gegenteil dürfte Wolfsburg eher noch stärker zum geschützten Zentrum der Marke Volkswagen werden, wenn andere Standorte an Gewicht verlieren. Der Konzern müsste dann noch stärker erklären, welche Produkte, Plattformen und Zukunftstechnologien er dort bündelt, während Werke wie Zwickau, Emden, Hannover oder Neckarsulm um ihre Rolle kämpfen.

Werden Chinas OEMs zum Retter?

Und dann ist da noch die Frage nach den chinesischen Herstellern. Sie sind für Volkswagen längst zu Wettbewerbern geworden, in China ebenso wie zunehmend in Europa. BYD, Chery, Xpeng und andere Marken brauchen auf Sicht lokale Produktionskapazitäten, wenn sie Zölle, Transportkosten und politische Widerstände umgehen wollen. Für deutsche Beschäftigte klingt es paradox, aber genau diese Hersteller könnten irgendwann zu Interessenten für freie oder unterausgelastete Werke werden. Aus dem Gegner, der Volkswagen in China und zunehmend auch in Europa Marktanteile abnimmt, könnte also an einzelnen Standorten ein möglicher Nutzer vorhandener Kapazitäten werden.

Das wäre allerdings kein Happy End, sondern eher ein Zeichen für die neue Härte der Branche. Wenn deutsche Werke nur noch dadurch erhalten bleiben, dass dort künftig chinesische Marken produzieren, dann hätte sich die Machtbalance endgültig verschoben. Für die Beschäftigten wäre es vielleicht besser als ein geschlossenes Werkstor. Für Volkswagen und die deutsche Autoindustrie wäre es trotzdem eine bittere Pointe.

So oder so zeigen die Gerüchte, wie ernst die Lage ist. Volkswagen leidet unter schwachen Ergebnissen, unter der veränderten Marktlage in China, unter dem Druck in den USA und unter einer Kostenstruktur, die in vielen Bereichen aus einer anderen Zeit stammt. Das alte Modell, in Deutschland teuer zu entwickeln und zu produzieren und die Autos anschließend mit satten Margen in die Welt zu verkaufen, trägt nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Frank Schwope, Automotive Consultant und Lehrbeauftragter für Automotive Management an der FHM Köln analysiert die Lage wie folgt: „Es fehlt bei Volkswagen die Vision, wie man wieder mehr als zehn Millionen Autos pro Jahr verkaufen kann. Toyota hat 2019 noch weniger Fahrzeuge als Volkswagen verkauft, zeigt den Wolfsburgern aber seit Jahren mit mehr als elf Millionen Autos nur noch die Rücklichter. Der Volkswagen-Konzern muss dringend neue Segmente und neue Märkte erschließen, insbesondere in Südostasien und Indien. Zudem ist es wichtig, neue Kooperationen für die Solid-State-Battery und das Autonome Fahren einzugehen, um mit der Konkurrenz mitzuhalten. Aber auch ein stetes Anpassen der Strukturen ist unumgänglich."

Dass die Empörung in Deutschland groß ist, überrascht deshalb nicht. Über Jahrzehnte hat sich das Land an die Erfolgsgeschichte seiner Automobilkonzerne gewöhnt. Volkswagen war Arbeitgeber, Wohlstandsmaschine, Exportmotor und politisches Machtzentrum zugleich. Nun wird sichtbar, dass selbst dieser Konzern nicht mehr vor Entscheidungen geschützt ist, die früher kaum vorstellbar gewesen wären.

Noch ist offen, wie viel von den kolportierten Plänen am Ende wirklich umgesetzt wird. Wahrscheinlich ist, dass nicht alle Maximalforderungen Wirklichkeit werden. Ebenso wahrscheinlich ist aber, dass Volkswagen die Debatte nicht ohne Grund so hart führt. Der Konzern will Kosten senken, Werke neu bewerten und den Druck auf die Arbeitnehmerseite erhöhen. Für die deutsche Automobilproduktion beginnt damit eine weitere, besonders unangenehme Runde in einem Strukturwandel, der längst nicht mehr nur angekündigt wird, sondern in den Werken angekommen ist.